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Technologiegespräche: „Eine Riesenchance für Österreich“

Martin Gerzabek
Martin GerzabekDie Presse
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Boku-Rektor Martin Gerzabek erklärt, dass alle Sektoren der Wirtschaft mitspielen müssen, wenn Bioökonomie erfolgreich sein soll.

Die Presse: Ein Thema bei den Technologiegesprächen in Alpbach ist heuer die Bioökonomie. Was bedeutet dieses Schlagwort?

Martin Gerzabek: In der Bioökonomie geht es um einen gesamtheitlichen Ansatz. Aufgrund der derzeitigen Situation, der Knappheit von Ressourcen und dem Klimawandel, ist eine echte Wende nötig. Diese muss das gesamte Wirtschaftssystem betreffen, um mehr Energieeffizienz und Ressourceneffizienz zu erreichen.

 

Brauchen wir also eine biobasierte Wirtschaft?

Öl und andere fossile Ressourcen gehen dem Ende entgegen. Außerdem ist eine immer intensivere Nutzung in Land- und Forstwirtschaft nicht nachhaltig – wie wir am Klimawandel sehen. Wir müssen stärker auf Biomasse umsteigen, nicht nur für die Produktion von Nahrung und Futtermittel, sondern als Basis für industrielle Produkte und als Basis von erneuerbaren Energien.

 

Ist dieser Ansatz in Österreich schon in den Köpfen angekommen?

Wir, konkret die Vereine Bio Science und Övaf (Österreichische Vereinigung für Agrar-, Lebens- und Umweltwissenschaftliche Forschung, Anm.), haben 2013 ein Positionspapier zum Thema Bioökonomie mit einem Rahmen für ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem verfasst. Dieses Positionspapier wurde auch in das Koalitionsabkommen der Regierung im Jahr 2013 hineingenommen. Die Politik hat also dieser Aktion, die aus der Wissenschaft gekommen ist, zugestimmt und gesagt: Ja, das brauchen wir für die Zukunft.

 

Welche Sektoren müssen sich besonders auf die Bioökonomie einstellen?

Es betrifft alle Sektoren der Wirtschaft: Denn Bioökonomie ist die wissensbasierte Erzeugung und Nutzung von biologischen Ressourcen, Produkten, Verfahren und Dienstleistungen. Hier muss vor allem das Konkurrenzdenken vermieden werden, das heute stark verbreitet ist. Denken Sie an die Diskussion, ob man Biomasse für den „Teller oder den Tank“ verwendet.

 

Aber wo beginnt man, das ganze System zu verändern?

Die Basis ist sicher, beginnend bei einer nachhaltigen Intensivierung der Primärproduktion in Land- und Forstwirtschaft bis hin zu einer kaskadenartigen Nutzung der Biomasse.

 

Haben Sie da ein Beispiel?

Nehmen Sie ein Getreidefeld: Wir nutzen die Körner für Nahrungs- und Futtermittel. Schon beim Verarbeitungsschritt vom Korn zu Mehl fällt als Reststoff Kleie an. Diese hat wertvolle Inhaltsstoffe, wird aber heute einfach verbrannt. Ein Christian-Doppler-Labor an der Boku versucht nun, hochwertige Produkte aus Kleie herzustellen, damit dieser Reststoff künftig der Wertschöpfung dient, sei es in der Nahrung oder als Basis für die chemische Industrie.

 

Wird nicht auch der Reststoff Stroh als Basis für neue Produkte beforscht?

Natürlich, Stroh besteht hauptsächlich aus Zellulose. Hier haben wir eine Arbeitsgruppe, derzeit gefördert aus Mitteln des Comet-Programms in einem K-Projekt, die aus dieser Faser viel mehr herausholen will, als bisher möglich ist. Man kann Zellulose modifizieren, um entweder die Qualität bei der Produktion von Papier und Zellstoff zu erhöhen, oder um ganz neue Anwendungsgebiete zu erschließen. Das Gleiche gilt für Lignin, dieser Holzbestandteil bleibt in Riesenmengen bei der Zellstoff- und Papierproduktion übrig. An der Boku forschen wir, wie man mit Lignin Bindemittel und Klebstoffe herstellen kann.

 

Holz bietet sich bestimmt gut an, um es in einer Kreislaufwirtschaft zu nutzen.

Ja, Holztechnologie ist ein großer Bereich, auch hier an der Boku, etwa im K-Plus-Zentrum Wood. Die Frage ist: Wie kann ich die geniale Syntheseleistung der Natur noch besser verwenden? Wenn man die hochfesten Fasern des Holzes beim Sägen nicht durchtrennt, können neuartige Baustoffe noch leichter werden.

 

Bei „Biomasse kaskadisch verwerten“ denken viele Menschen an Reststoffverwertung in Biogasanlagen.

Das ist auch ein wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft: Nachdem man aus Stroh oder anderer Biomasse viele Inhaltsstoffe herausgeholt hat, kann man damit noch Energie erzeugen. Doch auch in einer Biogasanlage fallen heute noch Reststoffe an, die in Zukunft verwertbar sein sollen. Wir wollen zum Beispiel aus den Abgasen solcher Anlagen CO2und Ammoniak nutzen und daraus Harnstoff synthetisieren, der wiederum als Düngemittel für den Boden einsetzbar ist.

 

So etwas funktioniert nun im Labor, doch wie bringt man es in die Großbetriebe?

Wir haben in Österreich große Leitbetriebe, die Bioökonomie in ihrem Sektor vorantreiben. Sowohl bei der Nahrungsmittelproduktion, im Bereich Stärke und Zucker, als auch in der Papier- und Zellstoffindustrie, in der Bioenergie und vielem mehr. Diese großen Player brauchen stets Partner, um neue Technologien und biotechnologische Verfahren wirklich umsetzen zu können. Da ist Österreich gut aufgestellt, wenn es um das Umsetzen von wissenschaftlichen Ergebnissen in industriellem Maßstab geht.

 

Sehen andere Länder die Bioökonomie auch so ganzheitlich, wie das die Österreicher tun?

In der EU-Strategie ist der umfassende Ansatz für alle EU-Länder verankert. Doch Länder wie Brasilien, China, Indien und Indonesien verstehen unter Bioökonomie eher die Themen Biomasse und Bioenergie. Hingegen steht in Ländern wie den USA und Russland beim Thema Bioökonomie hauptsächlich die Biotechnologie im Vordergrund. Das ist ein weltweiter Diskussionsprozess.

 

Bedeutet Bioökonomie auch, regionale und lokale Kreisläufe besser zu schließen?

Genau das ist es. Transportwege müssen verringert werden, und es geht ganz stark um Regionalentwicklung. Das ist für Österreich eine Riesenchance, wenn man durch dezentrale Einheiten eine Wertschöpfung in jenen Regionen schaffen könnte, die von starker Abwanderung und überalternder Bevölkerung betroffen sind und die bisher benachteiligt waren.

 

Themenwechsel: Wenn Sie als junger Forscher heute noch einmal starten könnten, würden Sie dann wieder Landwirtschaft studieren?

Ja, denn die Landwirtschaft ist eine echte Systemwissenschaft, die heute auch bei Studierenden wieder boomt. In den 1980er-Jahren gab es noch kein Ökologiestudium, daher waren wir viele Erstsemestrige. Von diesem Studium ausgehend habe ich mich mein wissenschaftliches Leben lang mit dem Boden beschäftigt. Das Thema Boden ist eine sehr komplexe Materie, bei der man stets interdisziplinär arbeiten muss. Der Boden ist die Basis für unser Leben und bleibt für mich immer faszinierend. Nicht nur heuer, im Jahr des Bodens.

 

Welche Studienrichtungen an der Boku boomen heutzutage?

Die Erstsemestrigenzahl in der Forstwirtschaft hat sich verdreifacht. Extremen Zuwachs gibt es auch bei Lebensmittel- und Biotechnologie. Und das erst seit 2003 existierende Studium Umwelt- und Bioressourcenmanagement hat mehr als 500 Erstsemestrige, obwohl wir damals mit maximal 100Studenten pro Jahr gerechnet hätten.

 

Was bewegt junge Studenten, an die Boku zu gehen?

Zu uns kommt niemand, weil er später einmal viel Geld verdienen will. Sondern viele unserer Studenten möchten etwas Sinnvolles in ihrem Leben machen. Und junge Menschen erkennen gut, was zukunftsträchtig ist.

 

Welchen Rat geben Sie also den Studieneinsteigern?

Man soll die grundlegenden Fächer wie Chemie, Physik, Biologie Mathematik und Statistik ernst nehmen. Wer in die Forschung will, soll schon früh an Projekten mitarbeiten. Bei uns an der Boku laufen über 700 Forschungsprojekte, man kann oft schon während des Studiums in die Forschung einsteigen. Und ein Auslandsemester ist heutzutage, in puncto Internationalisierung, sehr hilfreich.

ZUR PERSON

Martin Gerzabek wurde 1961 in Wien geboren und studierte an der Universität für Bodenkultur in Wien Landwirtschaft (Promotion 1987). 1993 habilitierte sich Gerzabek für das Fachgebiet Bodenkunde und wurde 2001 auf den Lehrstuhl für Umwelttoxikologie und Isotopenanwendung der Boku berufen. 2009 avancierte der damalige Vizerektor für Forschung nach dem Rücktritt von Rektorin Ingela Bruner zum Rektor der Boku. Vor seiner Uni-Tätigkeit arbeitete Gerzabek von 1984 bis 2003 im Forschungszentrum Seibersdorf, zuletzt als Leiter der Abteilung für Umweltforschung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2015)