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Drohnen als Touristenführer

Fremde Länder von daheim aus erkunden? Wiener Forscher haben Drohnen entwickelt, die virtuellen Tourismus via Livestream bald Realität werden lassen könnten.

Sommerzeit ist bekanntlich Urlaubszeit. Aber nicht jeder kann aus finanziellen Gründen oder aufgrund von Mobilitätseinschränkungen eine Reise in entfernte Länder unternehmen. Unter anderem für diese Personen ist virtueller Tourismus interessant: Die Forschungsgruppe Entertainment Computing an der Fakultät für Informatik der Universität Wien hat eine neue Drohne entwickelt, mit der man auf dem Sofa von zu Hause aus durch die Straßen von Tokio oder über den Grand Canyon fliegen kann.

„Wir haben uns vor zwei Jahren überlegt, wie man herkömmlichen Tourismus erweitern könnte, indem man nicht mehr an einen Ort reisen muss, sondern via Internet live über eine Drohne ein Gebiet erkundet“, sagt Projektleiter Helmut Hlavacs. Dabei ist man über ein sogenanntes Reality Visor, einen Helm mit eingebautem Bildschirm, mit der Drohnenkamera verbunden. „Die Kamera nimmt 360-Grad-Videos auf. Durch Kopfdrehen kann der Tourist beliebige Ausschnitte sehen“, so Hlavacs. Für ihn ist das Vor-Ort-Gefühl ein zentraler Aspekt des Projektes.

Technisch ist dieses Szenario bereits möglich und könnte in einem halben Jahr umgesetzt werden. „Die von uns entwickelten und selbst gebauten Prototypen sind, anders als handelsübliche Fluggeräte, ausfallsicher, da jedes Bauteil doppelt ausgeführt ist“, so der technische Projektleiter David Mirk.

 

Bis zu 70 Kilometer pro Stunde

Damit sich die drei Kilogramm schweren und bis zu 70 Kilometer pro Stunde schnellen Octocopter eines Tages tatsächlich in die Lüfte erheben, müssen zuvor mehrere Bedingungen erfüllt sein: Das Hauptaugenmerk der Forscher gilt der Verkürzung der „Roundtriptime“, jener Zeit, die das Signal von der Drohne zum Touristen und wieder zurück braucht. „Ein Dienstleister vor Ort, der diese virtuellen Drohnenreisen anbietet, hat die Drohnen außerdem zu warten, für eine funktionierende Internetverbindung zu sorgen und vor allem vorbestimmte Wege zu programmieren, welche die Drohnen nicht verlassen“, sagt Hlavacs und fügt hinzu: „Das ist natürlich auch ein Sicherheitsproblem.“ Denn: „Eine Drohne darf niemals von einem Menschen gesteuert werden, sondern nur in einem abgesicherten Raum fliegen, quasi von Wegpunkt zu Wegpunkt.“

Auch die Rechtslage ist zu berücksichtigen. Denn alles, was sich mehr als einen Meter über dem Boden bewegt, befindet sich im öffentlichen Luftraum. Die Forscher sind daher mit der Austrocontrol über eine Lizenz zur kommerziellen Verwertung der Technologie im Gespräch. „Es geht um ein mögliches Szenario, solche Reisen unternehmen zu können und so auch soziale Inklusion zu ermöglichen.“ Auf die Frage, ob die Technologie die klassische Urlaubsreise ersetzen soll, antwortet Hlavacs klar mit „Nein“. Die Technologie könnte sich aber auch für Wartungs- und Beobachtungsflüge im Freien und in geschlossenen Räumen eignen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2015)

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