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F. G. Waldmüller – Rebell, Genie oder Biedermann?

F. G. Waldmüllers Milieustudie „Die unterbrochene Wallfahrt“ wurde im Dorotheum für 1,32 Millionen Euro verkauft.
F. G. Waldmüllers Milieustudie „Die unterbrochene Wallfahrt“ wurde im Dorotheum für 1,32 Millionen Euro verkauft.(c) APA (DOROTHEUM)
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Heute vor 150 Jahren starb Ferdinand Georg Waldmüller. Seine Bilder sind idyllisch bis kitschig – und doch ist er beliebter Dauergast auf Auktionen.

Er gilt als der bedeutendste österreichische Maler des 19. Jahrhunderts. Ob im Dorotheum oder Im Kinsky, Ferdinand Georg Waldmüllers Werke sind ein fester Bestandteil des Auktionsmarkts. Manche seiner Bilder erzielen Preise über der Millionengrenze, andere sind schon für 3000 Euro zu ersteigern. Was macht die anhaltende Faszination dieses Malers aus, und warum ist eine derartig große Preisspanne zu beobachten?

Geboren wurde Waldmüller 1793 in bescheidenen Verhältnissen. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Kunst und schrieb sich mit 14 Jahren an der Wiener Akademie ein. Seine Mutter war strikt dagegen, strich ihm den Unterhalt, aber Waldmüller konnte schon bald vom Verkauf seiner Miniaturbildnisse leben. Mit 21 Jahren heiratete er die Sängerin Katharina Weidner, was ihm erste Aufträge als Kulissenmaler brachte. 1829 erhielt er eine Professur für die „Anfangsgründe im Malen“ an der Wiener Akademie, 1830 wurde er Kustos der akademieeigenen Galerie und 1857 in die Zwangspension geschickt – er hatte zu hartnäckig und rebellisch die Lehrmethoden kritisiert. Denn er plädierte für eine nur zweijährige Ausbildung der Studenten. Das so eingesparte staatliche Geld sollte in Ankäufe junger Kunst gesteckt werden. Seine Kollegen nannten ihn daraufhin einen Tollhäusler. Die Halbierung seines Einkommens zwang ihn, einen Großteil seiner Werke versteigern zu lassen. Aber der Geschmack des Bürgertums hatte sich bereits geändert.

Waldmüller geriet zunehmend in Vergessenheit. Als er am 23. August 1865 starb, galt er als künstlerisch überholt. Stattdessen feierte Hans Makart (1840–1884) ungeahnte Erfolge, er wurde vor allem für seine riesigen, frei gemalten Bilder bewundert – bis um die Jahrhundertwende die Secessionisten auftraten. Sie holten Waldmüller aus der Versenkung, nannten ihn einen Ursecessionisten, schätzten ihn als „Maler des Sonnenlichtes“ und spielten ihn gegen die allzu opulente Malerei Makarts und den schwülstigen Ringstraßenstil aus.

Suche nach „Naturwahrheit“. Aber war Waldmüller tatsächlich einer der ersten Realisten, ein Vorreiter der impressionistischen Freiluftmaler? Etwa um 1819 entdeckte Waldmüller das Naturstudium. „Naturwahrheit“ wurde bald zu seinem künstlerischen Credo. Fantasiestücke lehnte er ebenso ab wie die impressionistische Malerei. Waldmüller suchte in allen Genres eine brillante Nachbildung der Natur. Ob Portraits, Landschaften oder Sittenbilder, die das Leben des Bauernstands zeigten – wie vielseitig Waldmüllers Œuvre ist, zeigt gerade die „Hommage auf Ferdinand Georg Waldmüller“ im Oberen Belvedere (bis 26. Oktober) mit 30 Werken aus der Sammlung. Da hängt auch das Portrait seiner Mutter, die er wie eine Grande Dame darstellt – allerdings ausschließlich in eiskalten Grautönen. In den Sittenbildern kann man gut jene Vorbehalte studieren, die das Werk des Malers heute so oft begleiten: Gerade seine Bauernbilder zeigen eine nahezu kitschige Idylle mit Blümchen im Vordergrund, dazu glücklich schauenden Kindern mit rosa Pausbacken. „Alle sind kerngesund, man sieht nichts da von Rachitis, Unterernährung, Kinderarbeit“, merkt Belvedere-Kurator Rolf H. Johannsen an.

Zeigen diese Bilder eine falsche Sentimentalität, die Freude an übertriebener Harmonie oder sogar Realitätsflucht? Schaue man genau hin, entdecke man Brüche in der Idylle, betont Johannsen. Er spricht von einer „Behaglichkeit, die am Abgrund steht“ und zeigt dafür auf die „Reisigsammler im Wienerwald“ (1855): Die Kinder sind barfuß im herbstlichen Wald unterwegs, die alte Frau scheint gestürzt oder zu schwach zum Aufstehen – hier ist kein heiteres Leben, sondern Mühsal und Armut dargestellt.

Noch drastischer wirkt Waldmüllers zwiespältige Haltung in „Kinder schmücken den Hut eines Konskribierten“ (1858), das 2009 im Dorotheum versteigert wurde: In hellem Sonnenlicht sitzen die bastelnden Mädchen, in bedrückender Dunkelheit steht der Junge auf der Türschwelle. Die keineswegs freiwillige Einberufung des Sohns zum Wehrdienst stellte damals ein massives Problem für Bauernfamilien dar. Die Sammlung des Fürsten von Liechtenstein ersteigerte das Bild für 490.300 Euro, 2005 ging „Die unterbrochene Wallfahrt“ (1853) ebenfalls im Dorotheum für die Rekordsumme von 1.320.000 Euro in dieselbe Sammlung – beides Bilder, die keine ungetrübte Idylle zeigen. In solchen Kombinationen von präzisen Naturdarstellungen und nicht moralisierenden, sozialkritischen Details liegt Waldmüllers Bedeutung bis heute. Daher gehen die Sittenbilder und auch die Stillleben oft über eine Million hoch, die Portraits dagegen liegen zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

Kein internationaler Markt. Immer wieder bleiben aber auch Werke liegen oder kommen unter 10.000 Euro unter den Hammer. Oft setze der Wunsch des Verkäufers zu hoch an, erklärt Pressesprecherin Marianne Hussl-Hörmann vom Kinsky. Dorotheum-Geschäftsführer Martin Böhm erklärt die enorme Preisspanne einerseits mit der unterschiedlichen Qualität der Bilder, andererseits mit deren Zustand. Denn Waldmüller malte meist mit Öl auf Holz. Warum aber sind kaum drastische Preissteigerungen der wenigen noch zu ersteigernden Hauptwerke zu beobachten? Waldmüller wurde aufgrund des Ausfuhrverbots nationaler Güter zu 90 Prozent in Österreich gekauft, ein internationaler Markt konnte sich laut Böhm kaum entwickeln – dieser aber ist Bedingung für starke Preisanstiege.


[LAIYH]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2015)