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Praterstern: Der neue Karlsplatz

Praterstern
PratersternDie Presse
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Der Praterstern steht für Drogen, Alkoholexzesse und Schlägereien. Eine Armada aus Sozialarbeitern und Polizisten bemüht sich um ein Nebeneinander von Passanten und der Szene.

Der Plan, den Bahnhof Wien-Praterstern und sein Umfeld aufzuwerten, ist voll aufgegangen. Zu gut, wie einige inzwischen meinen. Der Neubau des Bahnhofs vor der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2008 und die Umgestaltung des Geländes rundherum in den Jahren danach kam nicht nur bei Reisenden und Anrainern gut an. Auch jene, die sonst keinen Ort haben, an dem sie sich aufhalten können, fühlten sich nach der Umgestaltung des stark frequentierten Verkehrsknotenpunkts verstärkt angezogen.

Die Rede ist von Drogenkranken und ihren Dealern, Obdachlosen, Trinkern, Kleinkriminellen und Schwarzarbeitern. Das Gelände entlang des riesigen Kreisverkehrs, das auch von Zügen, Bussen, U-Bahnen und Straßenbahnen angefahren wird, war schon immer etwas verrucht. Seitdem Magistrat und Polizei in einer konzertierten Aktion dem bundesweit als „Drogenhölle“ verschrienen Karlsplatz den Garaus gemacht haben, ist der Stern, wie viele ihn nennen, der prominenteste Schandfleck der Stadt. Kritikern ist er ein Symbol dafür, dass es mit der Sicherheit in Wien nur in eine Richtung geht: bergab.

Basis für diese Annahme ist ein Parameter, der sich nur schwer messen lässt. Die Rede ist vom subjektiven Sicherheitsgefühl, das stark von persönlichen Sinneswahrnehmungen beeinflusst wird. Am Praterstern sind die Reize für die Sinne stark. An diesem Nachmittag liegen Obdachlose in den schmutzigen Grünstreifen, am Bahnhofsausgang in Richtung Tanzklub Fluc singen sich drei Schwerbetrunkene die Seele aus dem Leib. Auf der anderen Seite, in Richtung Straßenbahn-Haltestelle, reden zwei Sicherheitsleute der ÖBB auf einen offenbar vom Heroin berauschten Mann ein, der innerhalb des Gebäudes versucht, sich eine Zigarette anzuzünden. „Im Bahnhof ist Rauchen verboten, bitte gehen Sie dafür hinaus.“ Der Angesprochene reagiert im Zeitlupentempo und wird unter den angewiderten Blicken dutzender Passanten höflich, aber bestimmt vom Sicherheitspersonal auf den Vorplatz komplimentiert.

„Natürlich müssen wir die Affekte der Anrainer ernst nehmen.“ Sich in die Lage anderer hineinzuversetzen ist Martina Pints Beruf. Sie leitet das vom Roten Kreuz betriebene Beratungszentrum „Stern“, das im Frühling 2015 wenige Meter vom Praterstern eröffnete. In Absprache mit dem Magistrat soll die Einrichtung Obdachlosen, Trinkern und in geringem Ausmaß – seit einer Woche wird kostenloser Spritzentausch angeboten – auch Drogenkranken einen Aufenthaltsort anbieten und so den Druck vom Praterstern nehmen. Das gelingt inzwischen ganz gut.

Flyer in allen Sprachen. „Anfangs, als noch niemand das ,Stern‘ kannte, saßen wir allein hier.“ Seitdem Pint und ihr 25-köpfiges Team täglich ausrücken, am Praterstern Flyer und Lagepläne in allen möglichen Sprachen verteilen, hat sich das geändert. 40 bis 50 Gäste zählt sie inzwischen täglich. Für sie gibt es Aufenthaltsräume, Waschgelegenheiten, mehrere Kochstellen und Hilfe dabei, das aus dem Ruder geratene Leben zumindest halbwegs wieder in den Griff zu bekommen. Alkohol ist – sonst würde niemand kommen – bis zu einem gewissen Grad erlaubt. Pint glaubt, dass der Beitrag ihres Teams zur Konfliktlösung am Praterstern wirkt. Je mehr den Weg zu ihr in die Darwingasse finden, desto weniger Berührungspunkte gibt es zwischen ihren Gästen und den täglich über 100.000 Passanten rund um den Bahnhof .

In Wahrheit sind die Optionen in Konfliktzonen wie diesen nämlich rar. Entweder man lässt sie räumen und vertreibt Randgruppen an andere Orte, oder man investiert eine erkleckliche Summe Geld in Maßnahmen, die die Situation erleichtern, aber nie wirklich lösen. Großstädte ohne soziales Elend gibt es nicht.

Bohren dicker Bretter. In Wien hat sich die Verwaltung am Praterstern für den langen und damit auch kostenintensiven Weg entschieden. Auch aus ideologischen Gründen. In einer von Sozialdemokraten regierten Stadt muss allein aus Gründen der Seelenhygiene Platz für jene sein, die keine Lobby haben. Dass das mitunter mit den Bedürfnissen von Anrainern kollidiert und angriffslustigen Oppositionspolitikern Wahlkampfmunition liefert, bekommt kaum jemand so deutlich zu spüren wie Karlheinz Hora. Er ist – natürlich sozialdemokratischer – Bezirksvorsteher des Praterstern-Bezirks Leopoldstadt. „Der Druck der Anrainer ist groß“, sagt er. „Im Gegensatz zu anderen Akteuren erfahre ich bei Wahlen auch unmittelbar ihren politischen Willen.“

Starke Polizeipräsenz. Viele tragen dazu bei, die Lage am Praterstern unter Kontrolle zu halten. Die Polizei zog in ein größeres Quartier, stockte die Mannschaft von 33 auf 54 Beamte auf, schickt zweimal täglich zusätzlich aus sechs Beamten bestehende Trupps der Bereitschaftseinheit auf Streife. Wiens Exekutive trägt ihre Arbeit am Praterstern auch offensiv nach außen, berichtete im vergangenen Halbjahr von mehreren verletzten Polizisten bei Festnahmen, einer Messerstecherei unter Szenemitgliedern, zahlreichen festgenommenen Dealern (Heroin, Kokain, Cannabis) sowie einer Person, die mit einem Küchenmesser Passanten bedrohte.

Das forsche Vorgehen scheint zu wirken. In den Vorjahren verzeichnete man pro Jahr (Zeitraum November bis Oktober) jeweils knapp 2200 Notrufe den Praterstern betreffend. Dieses Jahr waren es bisher 1100 (November bis Juli). Zusätzlich zur Polizei sind neben dem „Stern“ auch Sozialarbeiter der Caritas, Streetwork und SAM unterwegs, an deren Finanzierung sich die Drogenkoordination der Stadt, der Bezirk, die Wiener Linien, die ÖBB und der Rewe-Konzern beteiligen. Der Billa vor Ort, der auch abends und an den Wochenenden geöffnet ist, ist eine der Hauptquellen für die öffentlichen Alkoholexzesse in der Region.

Schon im nächsten Jahr wird der Neubau wieder umgebaut. Der Weg zwischen Bahnhofsvorplatz, den Straßenbahnstationen und dem Abgang zur U1 erhält eine Einhausung. Die Maßnahme soll die Szene noch einmal weiter in Richtung Tegetthoff-Denkmal drängen und damit die Hauptwege der Reisenden freihalten. Aus den Augen, aus dem Sinn?

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2015)