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New Orleans: "Das Wasser mag kommen – aber wir bleiben"

File photo of Louisiana homes near a levee remain under water a week after Hurricane Katrina
Archivbild New Orleans nach dem Hurrikan KatrinaREUTERS
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Vor zehn Jahren haben die Flutwellen des Hurrikans Katrina New Orleans fast vernichtet. Die Bürger haben die Stadt mit Eifer, Mut und Einfallsreichtum neu aufgebaut – oft gegen Politik und Konzerninteressen.

Am Wochenende, bevor ihre Heimatstadt in den Fluten versank, feierte Judy Griffin im Kreis ihrer Familie den Geburtstag ihrer Mutter. Dass sie New Orleans auf der Flucht vor dem herannahenden Wirbelsturm Katrina verlassen mussten, behielt die Immobilienverwalterin vorerst für sich: „Erst nachdem alle ,Happy Birthday‘ gesungen hatten, sagte ich: So, das ist jetzt ernst, wir müssen alle weg von hier.“

New Orleans ist am 29. August 2005 von den Wassermassen, die Katrina aus dem Golf und über den Lake Pontchartrain in die maroden befestigten Kanäle gedrückt hat, fast vernichtet worden. 80 Prozent des Stadtgebietes standen unter Wasser. Mancherorts war es fast sechs Meter hoch. 1300 Menschen starben laut offiziellen Angaben, fast alle in Louisiana und Mississippi. Tatsächlich sind es wohl mehr.

„Viele Leute spüren, dass die Regierung uns allein gelassen hat“, sagt Anita Conchita Isla. Die quirlige alleinerziehende Mutter dreier Söhne im Teenageralter ringt heute noch mit den Tränen, wenn sie von damals erzählt. Erst nach zwei Monaten konnte sie zurückkehren. Der Anblick habe sie erschüttert: „Es war wie in einem dieser Filme über Hiroshima. Alle Bäume waren aschgrau. Es war still. Kein Leben.“

Über das Project Home Again, einer Initiative von Leonard Riggio, dem Gründer der Buchhandelskette Barnes & Noble, konnte Isla zu günstigen Kreditkonditionen ein neues, voll ausgestattetes Haus im Stadtteil Gentilly beziehen. Das Konzept ist ebenso einfach wie sparsam, erklärt Oji Alexander, einer der nur vier Project-Home-Again-Mitarbeiter: „Die meisten Leute sahen nie irgendein Geld von den Versicherungen. Also saßen sie auf ihren Parzellen, ohne das Geld für den Neubau zu haben, und noch dazu oft in Gegenden, wo der Wiederaufbau keinen Sinn hatte, weil kaum jemand von den Nachbarn zurückkehren würde. Wir schlugen also der Stadt vor, diese Grundstücke gegen Blöcke anderer leerer Grundstücke in Gentilly zu tauschen.“ 171 solcher Häuser wurden bisher gebaut, sie gaben dem privaten Markt einen Anstoß. „Nach Katrina gab es keine Bauwirtschaft in Gentilly“, sagt Alexanders Kollegin Erica Toriello. „Die Privatfirmen waren nirgendwo.“

Vor Katrina hatte New Orleans rund 485.000 Einwohner. Ein halbes Jahr danach war weniger als die Hälfte zurückgekehrt. Heute wohnen rund 390.000 Menschen in der Stadt. 40 der 72 Grätzel haben heute zumindest 90 Prozent der Einwohnerzahl von vor zehn Jahren, 16 sogar mehr. Die Stadt ist bei jungen, weißen Akademikern landesweit hoch begehrt.

Der Lower Ninth Ward gehört allerdings nicht dazu. Dieser seit jeher ärmste Teil der Stadt wurde am härtesten getroffen. Rund 1000 Menschen dürften hier in den Tagen nach Katrina gestorben sein; die amtliche Einwohnerzahl betrug damals rund 14.000. Heute dürften rund 6000 Menschen hier leben, doch noch immer ist ein Großteil der Parzellen leer, von mannshohem Unkraut und den verwitterten Betontreppen zerstörter Häuser übersät. Erst im vorigen Jahr eröffnete hier wieder ein Lebensmittelgeschäft. „Die Leute sagen: New Orleans geht es heute besser. Aber nichts ist besser“, grollt John Taylor. „Es gibt so viel, das wir nie wieder zurückbekommen: die Fotos unserer Kinder, all die Menschen, die starben.“ Seine Schwester starb damals, als im Spital, wo sie an der Lungenmaschine hing, der Strom ausfiel.

Der 67-Jährige ist hier aufgewachsen, gemeinsam mit einer Handvoll Aktivisten will er den seit fünf Jahrzehnten verödeten Bayou Bienvenue am Nordrand des Lower Ninth Ward wieder zu einer natürlichen Barriere gegen Hochwasser und Stürme machen. Mit der Hilfe des Landschaftsplaners Austin Allen und seinen Studenten, die zwei Tage nach Katrina aus Denver nach New Orleans kamen, haben sie eine Aussichtsplattform errichtet, mit der das Ufer des Bayou, bisher hinter einer Flutmauer verborgen, wieder zugänglich wird. „Wir haben das Ding einfach gebaut, gegen die Behörden“, grinst Jacques Morial, einer der Aktivisten. Funktioniert die Stadt heute besser? „Die Öffentlichkeit ist hoch politisiert. Die Leute stellen Fragen, die die Politiker nicht hören wollen“, sagt Allen. Die schwierigste dieser Fragen lautet: Ist New Orleans vor dem nächsten Sturm sicher? „Das war keine Naturkatastrophe, sondern ein von Menschenhand gemachtes Desaster“, sagt der Architekt David Waggonner. „Wer soll jetzt für die Erhaltung der neuen Deiche aufkommen? Man kann doch in einem Flussdelta keine Stadt ohne Wasser sein. New Orleans hat sich zu etwas verbaut, was es nicht ist.“



Die schwindende Küste. Waggonner hat einen Plan nach dem Vorbild Rotterdams entworfen, der das Wasser in den Kanälen und Bayous langsam zirkulieren ließe, statt es wie bisher aus der Stadt abzuleiten. Dadurch würde wieder mehr Sediment aus dem Mississippi herangetragen werden. Das sei zur Stabilisierung des Bodens unerlässlich. „Es ist eine Frage der Erziehung der Öffentlichkeit“, sagt er. „Wie lernt man, dass Wasser einen Wert hat, wenn man von ihm traumatisiert worden ist? New Orleans ist eine Stadt des Risikos. Aber 40 Prozent unserer Güter werden hier exportiert. Wollen wir das aufgeben?“

Nach der schweren Überschwemmung im Jahr 1927 hat man den Mississippi in eine Zwangsjacke aus Deichen gezwängt. Kurz darauf begannen Ölfirmen, auf der Suche nach Quellen Kanäle durch die Wetlands zu graben. „Damit haben wir das Todesurteil für das Mississippi-Delta unterzeichnet“, stellt der Reporter Bob Marshall trocken fest. Der zweifache Pulitzerpreisträger befasst sich seit Jahrzehnten mit der Erosion am Golf. Die Eindämmung des Mississippi und anderer Flüsse sorge dafür, dass zu wenig Sediment die Küste erneuert. Das Salzwasser, das durch die künstlichen Kanäle eintritt, bringt die Zypressen um, die den Boden stabilisieren und als natürliche Sturmbarriere fungieren.

Einen nationalen, 50 Milliarden Dollar schweren Plan zur Rehabilitation der Küste gibt es. „Das Problem ist nur: Uns fehlt jährlich eine Milliarde.“ Und die Zeit drängt, angesichts steigender Meeresspiegel, warnt Bethany Kraft von der Umweltschutzorganisation Ocean Conservancy: „Die Welt ändert sich sehr schnell – und besonders schnell an Orten wie der Golfküste.“ Und so müssen die Bürger von New Orleans sich weiterhin selber starkmachen, um die Zukunft ihrer Stadt zu sichern. „Wir hatten in New Orleans keine Regierung, als Katrina zuschlug. Das war eine Chance“, sagt Architekt Waggonner. Die Stadt aufzugeben, sei jedenfalls undenkbar, sagt Angela Isla: „Das Wasser kann 1000-mal kommen – aber wir bleiben. Es gibt keinen zweiten Ort wie New Orleans. Das ist in unserem Blut.“

Fakten

29. August 2005. Der Wirbelsturm Katrina streift östlich an New Orleans vorbei. Er drückt vom Lake Pontchartrain große Wassermassen in mehrere Kanäle, in den frühen Morgenstunden beginnen die ersten Flutmauern zu bersten.

Mehr als 1300 Tote.Das ist die Angabe der Katastrophenschutzbehörde FEMA. Tatsächlich dürften in Louisiana und Mississippi bis zu 2000 Menschen gestorben sein. Besonders in ärmeren Stadtteilen sind viele nicht registriert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2015)