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„Patienten sind ungenutzte Kraft“

APA/EPA/SEBASTIAN KAHNERT

Die schwedische Gesundheitsconsulterin Wilhelmsson will ein System, das das Verantwortungsbewusstsein für die persönliche Gesundheit fördert.

Wenn Kajsa Wilhelmsson darüber reden möchte, was im schwedischen Sozialstaat ihrer Meinung nach schief läuft, beginnt die Gesundheitsconsulterin erst einmal von ihrem Vater zu erzählen. Der Mann kämpfte jahrelang um eine Diagnose: Erst hatte er Krämpfe, dann schwanden seine Muskeln, er wurde schwächer. Ob das amyotrophe Lateralsklerose sein könnte, fragte er sich. ALS, jene Krankheit, die zuletzt durch die Ice Bucket Challenge in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Ihr Vater hatte sich informiert: Das Symptom, dass seine Stimme schwand, hätte dazu gepasst. Doch die Ärzte winkten ab – ein Schlaganfall könnte es sein, meinten sie. Vielleicht.

Bis die richtige Diagnose schließlich kam, dauerte es. Einen Spezialisten, etwa einen Neurologen, konnte Wilhelmssons Vater nicht aufsuchen; das geht in Schweden nur mit Überweisung. Und die gaben ihm die Ärzte nicht. Auch den behandelnden Arzt durften die Wilhelmssons nicht auswählen – der wird nach der Nähe zum Wohnort zugewiesen. „Für mich ist das schrecklich“, sagt Kajsa Wilhelmsson, „du kannst dir ein neues Auto kaufen, einen Flug nach Thailand, aber nicht deine Gesundheit.“

Das schwedische Gesundheitssystem gilt als eines der sozialsten der Welt. Es priorisiere allerdings jüngere Patienten, sagt Wilhelmsson. Auch Menschen mit höherer Bildung würden einfacher an Behandlungen kommen. „Was mein Vater nicht hat, ist ein Abschluss vom Gymnasium, ganz zu schweigen von Hochschulbildung. Er ist Pensionist. Für die Regierung und die Versicherung ist er kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.“

Individuelle Ansprüche nicht im Mittelpunkt

Ein weiteres Manko sieht Wilhelmsson darin, dass die individuellen Ansprüche des Patienten nicht im Mittelpunkt der Behandlung stehen. „Die Regierung, die Versicherung und die Ärzte entscheiden, welche Art von Behandlung wir wann und wo haben sollen. Der Kranke – derjenige, der seinen Körper am besten kennt – hat dabei am wenigsten mitzureden.“

Was mit dazu führe, dass das Verantwortungsgefühl der (potenziellen) Patienten schwinde: „Wenn du jemand anderen für deine Gesundheit verantwortlich machen kannst, isst du deine Schokoladencookies und deine Kartoffelchips mit ruhigem Gewissen“, meint Wilhelmsson, „so lange, bis du deinen Herzinfarkt hast.“

Die Bevölkerung müsse lernen, dass nicht der Staat für die Gesundheit zuständig sei, „sondern jeder einzelne selbst“. Genau dieses Verständnis fehle im System – die Eigenverantwortung. Wilhelmsson sieht genau diesen Punkt, die Kreativität, die ein Patient in die Behandlung mitbringen könnte, neben dem finanziellen Aspekt einer gesunden Bevölkerung, als die „größte ungenutzte Kraft“ des Gesundheitssystems. Die Konsequenz: Die Lebenserwartung sei seit der Einführung des Wohlfahrtsstaats in Schweden gesunken.

Dabei hat das europäische Gesundheitssystem international keinen schlechten Ruf. Vor allem im Vergleich zum US-amerikanischen System wird es gerne als vorbildlich hingestellt. Doch auf diesen Vergleich zweier Systeme will sich Wilhelmsson nicht einlassen. Was sie allerdings heute, Sonntag, wohl tun muss – wenn sie beim Forum Alpbach mit dem amerikanischen Forscher Scott L. Greer am Podium sitzt. Er gilt als heftiger Kritiker des US-Systems und als Freund der europäisch-sozialstaatlichen Tradition. „Professor Greer und ich haben da unterschiedliche Ansichten. Wobei man sagen muss: Ich komme aus Schweden, ich kenne den Wohlfahrtsstaat – und dessen negative Nebeneffekte. Und Herr Greer kennt all die negativen Seiten des Gesundheitswesens in den USA.“ Sie würden somit beide eine gewisse Abneigung gegen die Systeme ihrer jeweiligen Heimat verspüren.

Keine Forschung Richtung Zukunft

In diesem Zusammenhang übt Wilhelmsson auch Kritik an der gängigen Forschungspraxis. Viel zu oft beschäftige die sich nämlich vor allem damit, die Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen System zu untersuchen. Für sie sei das die größte Erkenntnis ihrer Arbeit in der Medizinbranche – „und das mache ich immerhin schon seit 25 Jahren“. Viel wichtiger wäre es, meint sie, den Blick in Richtung Zukunft zu lenken. Und wie könnte eine solche Zukunft ihrer Ansicht nach aussehen?

Jedenfalls nicht überall gleich. Denn ein gesamteuropäisches Gesundheitssystem, meint sie, würde nicht funktionieren. Zu unterschiedlich seien die jeweiligen Traditionen in den einzelnen Ländern. In Deutschland – und wohl auch in Österreich, wie sie vermutet –, gebe es eine größere Obrigkeitshörigkeit. In den Niederlanden hingegen sei Wahlfreiheit bei der Art der Versicherung ein wichtiger Punkt. Und schon gar nicht sei es möglich, das europäische Wohlfahrtssystem auf Staaten in Afrika, Asien oder Lateinamerika umzusetzen. „Dort sollte man genau damit arbeiten, was in dieser Kultur verbreitet ist und bereits funktioniert.“ Im besten Fall gehört dazu, ein Verständnis für seine eigene Gesundheit zu entwickeln. Und sich selbst dafür verantwortlich zu fühlen.

>>> Zum Alpbach-Ressort
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