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Frequency-Festival: Ein Türchen in die Transzendenz

AUSTRIA MUSIC
Kendrick Lamar(c) APA/EPA/HERBERT P. OCZERET (HERBERT P. OCZERET)
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Kendrick Lamar und Fritz Kalkbrenner am Schluss des 15. Frequency-Festivals: ein Match zwischen wortreicher Selbstermächtigung und eskapistischen Soundwaves.

Sich hinter Maschinen verschanzt der Welt zu präsentieren, das ist so bubenhaft wie sonst kaum was. Die britischen Chemical Brothers taten es mit Bravour zu zweit. Permanent wurde ein Teil gedrückt, ein anderer entriegelt. So arbeitet man auch bei der Nasa und so geht auch die deutsche Liturgie des Techno.

Fritz Kalkbrenner, ein sympathischer Ostberliner, der ein wenig aussieht wie der legendäre Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder nach durchzechter Nacht, hat in St.Pölten ebenfalls ein Pult zwischen sich und der Welt aufgestellt. Uneinsehbar fuhrwerkte er da mit ungeheurem Ernst, obwohl doch jeder ahnte, dass sich dort – anders als bei den Chemical Brothers – kaum Gerätschaften befanden. Kalkbrenner drehte unsichtbare Knöpfchen, holte rares Vinyl aus nicht vorhandenen Taschen und platzierte es auf nicht vorhandene Plattenspieler.

Dieses Vorschwindeln permanenter Beschäftigung – Beamte kennen es aus ihrem Alltag, Langzeitarbeitslose aus ihren AMS-Kursen – bewies den hohen Ethos Kalkbrenners: Er will sich seine Gage mit ein wenig Schweiß verdienen. Seine Musik strahlt derart sündige Entspanntheit aus, dass er glaubt, er müsse sie mit einer Dauerchoreografie erden. Und so wackelte Kalkbrenner permanent, selbst da, wo seine Sounds eine Relaxtheit abstrahlten, zu der man Herzkatheter setzen hätte können. Dennoch war ihm auch nach Absetzen von mehr oder weniger klandestinen Botschaften zumute. „I'm looking for ways over water, I'm looking for ways to go“, sang er mit brummeliger Stimme. „Back Home“, sein bislang größter Hit, ist ein Hymnus an den Aufbruch. „I ain't afraid of leaving“, beteuerte er da mit treuherzigem Blick. Die diesen bärenlieben Gesang auf ihre Schwingen nehmende Musik war von herzerweichender Simplizität. Kalkbrenners übersichtliche Soundarchitektur mutete zudem wie ein Integrationsprojekt für randständige Gesellschaftsgruppen an, denen er selbst angehörte.

Reine Melodie, Sehnsucht nach Leere

Nach Jahren des reuelosen Lärmens im Techno-Underground zelebriert er nämlich nun nichts als die reine Melodie. Ganz so, als wolle er etwas ins Gleichgewicht bringen. Natürlich klatschen noch ein paar Beats ans Ohr. Sie tun es aber mit viel Freundlichkeit. Manchmal pumpen sie auch ein wenig heftiger. Etwa beim fantastischen Opener „Void“, einem Lied, das am dritten Festivaltag eine gewisse Sehnsucht nach Leere nach der großen Reizüberflutung ausdrückte. Der Gestus des Progressiven war rar. Am ehesten noch bei Instrumentals wie „Kings In Exile“ und „Bruimare“. Im Grunde setzte Kalkbrenner aber auch hier Pelargonien an die leicht verschmutzten Fenster einer Jugend, die es vielleicht nie gegeben hat. Gefesselt von den gesellschaftlichen Forderungen, aber wohl noch mehr von den eigenen Träumen gelüstete es viele nach nichts mehr als einem umfassenden Eskapismus. Kalkbrenner bot ihn und wurde hierfür bejubelt.

Nach ihm debütierte der US-Rapper Kendrick Lamar in Österreich, das neueste Geschütz, das das berüchtigte Compton in Anschlag gebracht hat. Seit den Tagen von N.W.A. und Ice Cube Mitte der Achtzigerjahre wird hier die Welt radikal neu gelesen. Aus dem, was sich in den Ghettos im Großraum Los Angeles abspielt, sollen Lehren gezogen werden. Angetreten mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und einem Laptop entwarf Lamar seine Marke von Klassenkampf mit „Money Trees“ recht relaxt. „A silver spoon I know you come from, ya bish. And that's a lifestyle that we never knew.“ Den „Backseat Lifestyle“, den er in der zweiten Nummer geißelte, den kannte er nie. Weil: „I been hustlin' all day, this a way, that a way, through canals and alleyways, just to say.“

Dazu griff er sich permanent in den Schritt, als sei dort die Lösung aller Probleme zu finden. Die herzige Wendung „Halle Berry or Hallelujah?“ ließ der Transzendenz ein Türchen offen. Obwohl natürlich in solchen Landstrichen der Schrecken des Faktischen dominiert, wie er ihn in „m.A.A.d. city“ entwarf. Dagegen hilft nur die Gemeinschaft. „The hood took me under, so I follow the rules“, erklärte er mit ätzender Stimme die Logik des immer noch problematischen Grätzels. Mit mächtig anschiebenden Raps wie in „The Recipe“ und „King Kunta“ sorgte er für Ekstase, scheute aber auch nicht trügerisch Ruhiges wie „Westside, Right on Time“. Weihrauch und bleihaltige Luft waren hier kein Widerspruch: „All praise go to the most high, all fades turn into a drive-by.“ Die begeisterten Reaktionen auf Lamars durchaus diffizil angelegte Performance sollten die Veranstalter ermutigen, in Hinkunft nicht nur abgehörten Trash à la Linkin Park und The Offspring zu buchen. Wohlan!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2015)