Griechenland: Ein Gesundheitssystem zu Tode gespart

(c) Katharina Roßboth

Der Arzt Giorgos Vichas führt eine Praxis, in der Bedürftige gratis behandelt werden. Die Initiative sieht er als „Widerstandsgruppe“ und „Notfallsystem“.

Das ebenerdige Gebäude des Gesundheitszentrums ist ein winziger Fleck auf dem riesigen Areal des aufgelassenen Athener Flughafens Elliniko im Süden der Stadt. Hier gründete Giorgos Vichas im Jahr 2012 eine soziale Arztpraxis für die Parias der griechischen Krise: unversicherte Kranke ohne Geld in der Tasche. Bis heute haben der Kardiologe und seine Kollegen in der „Kommunalen Sozialen Arztpraxis Elliniko“ (MKI) mehr als 43.000 Menschen betreut – und buchstäblich alles gesehen.

Heute, Montag, wird Vichas beim Forum Alpbach im Rahmen der Gesundheitsgespräche über die Sozialpraxis und die „tödlichen Konsequenzen der Austeritätspolitik“ in Griechenland sprechen. Über Ungleichheit, das Generalthema des Forums, kann der Arzt viel erzählen. Im Oktober wird er übrigens noch einen internationalen Auftritt haben: MKI erhält den „Europäischen Bürgerpreis“ des Europäischen Parlaments.

Im Gespräch mit der „Presse“ zeigt sich Vichas sehr umgänglich – in seiner Sache aber ist er radikal: „Wir sind eine Widerstandsgruppe. Wir sind eine Notfallstruktur“, sagt er. Man sei keine Hilfsorganisation, kein Ersatz für das Gesundheitssystem. „Es ist so, als würde ich als Arzt auf der Straße einem Menschen Erste Hilfe leisten. Nichts anderes würde mich interessieren“, sagt Vichas. Das meint er wörtlich: MKI hat keinerlei Rechtsform angenommen, nicht einmal als Verein. Es liegen keine Bewilligungen für Gebäude und Praxis vor, gar nichts. Nur die etwa 100 Ärzte, die Apotheker und andere Helfer haben selbstverständlich ihre persönlichen Qualifikationen vorzuweisen.

Geld wird nicht akzeptiert

Auch Geld wird keines akzeptiert: „Wir nehmen grundsätzlich keine Spenden an. Wir empfangen nur Sachleistungen“, erklärt Vichas. Die größten Spender sind eine Hamburger Initiative – und die „Griechenlandhilfe“ des Salzburgers Erwin Schrümpf, der weiß, dass sein Material beim MKI gut aufgehoben ist. Schrümpf begründet im Gespräch mit der „Presse“ dann auch sein Engagement für den griechischen Arzt: „Vichas ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Er leistet Großes.“

Warum aber gründete Vichas überhaupt die Sozialpraxis? „Ich war Arzt beim griechischen Sozialversicherungsträger IKA und hatte eine gut gehende Praxis. Mit der Krise ab 2010 kamen immer mehr Unversicherte in meine Ordination, die sich die Behandlung nicht mehr leisten konnten. Da dachte ich mir, dass wir etwas tun müssen. Seit Herbst 2012 haben wir Patienten im Zentrum.“ Vichas musste Opfer bringen für seine Tätigkeit: „Bald kamen nur noch Leute in meine Praxis, die umsonst behandelt werden wollten. Ich musste zusperren“, sagt er.

Wer aber kommt in die Sozialpraxis? Vichas: „Am Anfang waren es die Armen aus den Gemeinden West-Athens, griechische Roma, illegale Einwanderer. Inzwischen haben wir sehr viele Selbstständige, auch ehemalige Kader internationaler Konzerne, immer mehr Patienten kommen aus den Nobelvierteln Glyfada und Kifissia.“ Auch die Medikamente aus der gut bestückten Apotheke finden starken Absatz, der Auftragsordner spricht Bände: Öffentliche Krankenhäuser und Gemeinden, andere Sozialzentren, aber auch Bürgerinitiativen, die frisch angeschwemmte syrische Flüchtlinge auf Lesbos betreuen.

Aber gibt es nicht unentgeltliche Betreuung in öffentlichen Spitälern? „Gratisbetreuung gibt es nur für Untersuchungen“, erklärt der Arzt. „Ich hatte den Fall einer Frau, bei der Krebs diagnostiziert wurde. Die Untersuchung dazu war kostenlos gewesen – nicht jedoch die Behandlung.“ Die konnte sie sich nicht leisten. Und so kam sie nach acht Monaten zu Vichas in die Klinik. „Ich zeige das Foto ihres auswuchernden Brustkrebses normalerweise nicht. In Alpbach werde ich es vielleicht tun. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“

Vereinzelte Spitäler in Griechenland behandeln Patienten kostenlos. Und einige leisten dabei Außerordentliches: „Im Krankenhaus ,Sotiria' arbeitet das Personal in den Operationssälen nach der Schicht unentgeltlich weiter, um die Krebspatienten zu betreuen, die wir ihnen schicken“, sagt Vichas. „So konnten wir bisher allen weiterhelfen.“

Die Statistik spricht Bände: Etwa drei Millionen Griechen – bei einer Bevölkerung von elf Millionen Menschen – sind unversichert. Arbeitslose, und mit ihnen ihre Familien, verlieren nach zwei Jahren den Versicherungsschutz. Hunderttausende Selbstständige können sich ihre Sozialversicherungsbeiträge nicht leisten. Und wer bankrott geht, hat nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Vichas schließt das Gespräch mit einem radikalen Statement: „Was schlecht war am griechischen System, wurde beibehalten. Was funktionierte, zerstört. Kürzlich haben sie die Primärversorgung zertrümmert. Die EU-Experten, ob aus Brüssel oder aus Wien, sind zum Scheitern verurteilt – weil sie keine Ahnung von unserem Leben, unserem System haben.“

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[LAJZC]