Gesundheit, nicht Gesundheitspolitik

Sir Michael Marmot
Sir Michael Marmot(c) Katharina Roßboth

Ein niedriger Lebensstandard macht krank. Der britische Mediziner Michael Marmot fordert, dass die Lebensqualität ins Zentrum der Gesetzgebung rückt.

Würde Sir Michael Marmot sein Rad nehmen und in seiner Heimatstadt London vom Nobelbezirk Westminster aus über die Themse gen Südosten fahren, käme er nach Southwark, einen der ärmsten Bezirke der britischen Hauptstadt. „Dafür brauche ich nicht mal eine halbe Stunde“, meint er. Zwischen den beiden Stadtbezirken liegen aber tatsächlich zwanzig Jahre. Denn wird ein Mann in Westminster durchschnittlich 91 Jahre alt, liegt die Lebenserwartung in Southwark bei 71 Jahren. 20 Minuten, 20 Jahre.

Durch seine Forschungsarbeit kennt Marmot, designierter Präsident des Welt-ärztebunds und Professor für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit am University College London, die Gründe für diese unterschiedlichen Werte bei der Lebenserwartung in den Londoner Bezirken: Es sind die Verschiedenheiten in der frühkindlichen Entwicklung, bei Bildung, Job und Arbeitsbedingungen, beim Geld, der Umwelt, dem Lebensstil. Sie sind Faktoren mit dem Potenzial, Leute krank zu machen, sie früher sterben zu lassen. Es ist bekannt, dass niedrige Lebensqualität zu schlechterer Gesundheit und letzten Endes auch zu früherem Tod führt. Doch genau hier hakt Marmot ein: Man müsse die Gesellschaft wandeln, um das zu ändern.

Doch Marmot meint, dass die einzelnen Faktoren auch gleich die Lösung des Problems mitlieferten: „Lasst uns in Bildung im Kleinkindalter investieren und in Bildung generell. Lasst uns die Wohnungssituation verbessern, die Art, wie wir in Städten leben.“ Dass Leute stundenlang zu ihren Arbeitsstellen pendeln müssten, weil sie sich die Wohnungen in Städten nicht mehr leisten können und damit zusätzlichen Stress auf sich und ihre Familie nähmen, empfindet Marmot als Affront der Politik den Bürgern gegenüber.

Soziales Umfeld nicht ausblenden

Er fordert eine „solide Gesetzgebung“, die die Lebensqualität der Menschen stets im Fokus habe. Denn Marmot sieht Gesundheit ganzheitlich. Gelernt hat er das aus den Geschichten der Patienten. Etwa von der Frau in jener Klinik in Sydney, an der Marmot seine Ausbildung machte. „Die Frau sah aus wie der Inbegriff von Elend“, erinnert er sich. Sie klagte dem diensthabenden Arzt ihr Leid: Ihr Mann schlage sie und trinke, ihr Sohn sei wieder im Gefängnis, ihre Tochter schwanger. Was habe das Leben für einen Sinn? Anstatt sich mit ihrem sozialem Umfeld auseinander zu setzen und nach dem Warum zu fragen, gab ihr der Arzt „anstelle der blauen Pillen die roten. Er sagte, man könne nichts anderes tun“, erzählt Marmot. „Warum ist man Arzt, wenn man sich nicht um die Gründe der Depression schert?“

Dass er gesellschaftliche Themen als Mediziner anspricht, sei für ihn selbstverständlich. Ärzte wie Politiker und Ökonomen müssten die Lebensqualität der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und dürften in der Gesundheitspolitik den Begriff „Gesundheit“, der alle Bereiche des Lebens betreffe, nicht automatisch mit der „Gesundheitsversorgung“ beim Arzt oder im Krankenhaus gleichsetzen: „Wenn ein Stein durchs Fenster fliegt, ist es toll, einen Glaser anrufen zu können, der das repariert. Die wichtige Frage ist aber: Warum wird ein Stein überhaupt durch das Fenster geschmissen? Wie kann man verhindern, dass jemand das tut?“