Ein Crash, der wirklich keinen überraschen sollte

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Wir sollten uns mehr Sorgen um die Weltkonjunktur machen als um die Aktienkurse, die gerade wieder in den Normalmodus zurückkehren.

An den Börsen herrscht seit zwei Tagen blanke Panik, aber an dieser Stelle können wir mit dieser Stimmung nicht dienen: Was da jetzt in Shanghai, Frankfurt und New York abgeht, ist höchstens in der Intensität, die sich seit Freitag zeigt, überraschend. Im Grunde genommen ist es aber, wie beispielsweise schon ein kurzer Blick auf den Chart des deutschen Leitindex DAX zeigt, zumindest bisher lediglich die Korrektur einer heillosen Übertreibung, die in den ersten Monaten dieses Jahres auf den Aktienmärkten stattgefunden hat.

Diese Korrektur kam auch nicht aus heiterem Himmel. Marktbeobachter haben sie seit Langem erwartet. In der Kolumne „Let's Make Money“ in der „Presse am Sonntag“ beispielsweise empfahlen wir Anlegern, die nicht auf kurzfristige Spekulationen aus sind, schon seit Anfang Mai permanent, dem Markt fernzubleiben und abzuwarten, bis an den Börsen wieder eine realistische Sicht der Dinge einkehrt.

So weit ist es noch nicht, aber wir kommen jetzt näher an diesen Zustand heran. Was wir in den vergangenen Tagen und Wochen gesehen haben, war das Platzen einer völlig irrealen Aktienblase in China, wo das spekulative Aktienfieber Ausmaße erreicht hat, wie wir sie in Europa und den USA zuletzt in den letzten Monaten der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende gesehen haben. Und – auch das hat mit China zu tun – ein Lichten der Nebel um die Weltkonjunktur.

Letztere, die Weltkonjunktur, scheint ein wesentlich größeres Problem zu sein als die diversen von billigem Zentralbankgeld zusätzlich befeuerten Aktienblasen.

Börsenaltmeister André Kostolany hat die Interaktion zwischen Realwirtschaft und Börse einmal sehr plakativ als Spaziergang von Herrchen und Hund beschrieben: Das Herrchen (=die Wirtschaft) geht relativ behäbig dahin. Der verspielte Hund (= die Börsenkurse) bleibt einmal zurück, läuft dann wieder sehr weit voraus. Am Ende des Tages kommen aber beide gemeinsam heim.

Diesmal ist der Hund sehr, sehr weit vorausgelaufen. Und er muss nun besonders weit zurück, weil er zusätzlich die Geschwindigkeit des Herrchens völlig falsch eingeschätzt hat.

Konkret: Wer Aktien kauft, wettet auf künftige Entwicklungen. Und zu Beginn dieses Jahres musste man, wenn man offiziellen Prognosen vertraut hat, davon ausgehen, dass die Weltwirtschaft real um drei bis vier Prozent wächst, China mit sieben Prozent und mehr die Wachstumslokomotive macht und dass auch die USA um die drei Prozent BIP-Steigerung hinlegen. Damit wären höhere (wenn auch nicht ganz so hohe) Aktienkurse fundamental durchaus gerechtfertigt gewesen.


Jetzt zeigt sich aber: Die Realität hält sich nicht an die Prognosen. Chinesischen Wirtschaftsdaten glaubt ohnehin niemand mehr, die Amerikaner schaffen ihre Wachstumsziele nicht einmal mehr durch ihr exzessives hedonisches BIP-Schönrechnen, und in der Eurozone herrscht ja offiziell de facto Stagnation.

Mit anderen Worten: Von statistischen Tricks entkleidet befindet sich die gesamte Weltwirtschaft realistisch betrachtet bestenfalls in einer Stagnationsphase. Darauf deuten ja auch die dramatischen Einbrüche bei den Rohstoffpreisen hin. Es scheint ein globales strukturelles Problem zu sein, das durch die Nullzinspolitik der Notenbanken noch verschärft wird. Diese bremst nämlich die „schöpferische Zerstörung“ im Sinn Schumpeters – eine der wesentlichen Voraussetzungen für funktionierenden Kapitalismus – und sorgt damit dafür, dass sich Strukturen versteinern und nicht nur im Finanzbereich Zombies mitgeschleppt werden.

Das zu ändern wird immer schwieriger, je länger die Nullzinsphase dauert. Denn ein Absetzen der anfangs belebenden Injektionen wird ja, wie bei jedem Süchtigen, noch einmal einen Schock auslösen.

Kurzum: Der Börsencrash ist unschön, aber er hat sehr konkrete Gründe in der Geldpolitik und der Realwirtschaft. Um diese sollten wir uns mehr Sorgen machen als um die Börsen. Wenn wir sie auf die Reihe kriegen, dann wird das mit den Kursen schon wieder.

E-Mails an:josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2015)

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