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Körperkameras: Bitte recht freundlich!

Police Constables Yasa Amerat and Craig Pearson pose for a photograph wearing a body-worn video camera, before a year-long trial by the Metropolitan police, at Kentish Town in London
Körperkameras in Großbritannien(c) REUTERS (POOL)
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Kleine Kameras an der Uniform haben in einer kalifornischen Kleinstadt Beschwerden über Polizisten um 87 Prozent gesenkt. Der Gewalteinsatz ging um 59 Prozent zurück.

Wien. Seitdem Kameras in Mobiltelefone verbaut werden, und das Internet immer und überall verfügbar ist, stehen Polizeieinsätze – gewissermaßen weltöffentlich – unter Beobachtung. Einige Fälle unangemessener Zwangsgewalt wurden so bereits dokumentiert, umgekehrt aber auch schon einiges an aus dem Zusammenhang gerissenem Material verbreitet, das dennoch – auch mediale – Aufmerksamkeit erhielt.

In Österreich will das Innenministerium nun testen, was passiert, wenn die Exekutive zurückfilmt. Auch Wien erhält seinen Pilotversuch. Was dürfen Beamte und Bürger davon erwarten?

Im angloamerikanischen Raum experimentieren die Behörden schon seit einigen Jahren mit Body-worn-Cameras, also Körperkameras. In der kalifornischen Kleinstadt Rialto wurden die Effekte der Geräte erstmals in einer wissenschaftlichen Studie untersucht und in einem Fachjournal publiziert („Journal of Quantitative Criminology“). Zwei besonders plakative Details sind: Seitdem die Exekutivmitarbeiter von Rialto Körperkameras tragen, ist die Zahl der Beschwerden über Polizisten wegen unangemessenen Verhaltens oder behaupteter Misshandlungen um 87 Prozent gesunken. Weiters setzten die Beamten die ihnen übertragene Erlaubnis zur Ausübung von Zwangsgewalt seltener ein. Der Rückgang betrug innerhalb eines Jahres 59 Prozent.

Allerdings bezweifeln einige Kritiker wegen der geringen Fallzahlen auch die Aussagekraft der Studie. Die US-Forscher haben jeweils knapp 500 und je zwölf Stunden dauernde Schichtbetriebe der Polizei von Rialto miteinander verglichen. Während die eine Mannschaft Kameras trug, war die andere – zur Kontrolle – ohne unterwegs. Im Rahmen von über 43.000 Bürgerkontakten kam es insgesamt 25-mal zur Gewaltanwendung. Achtmal innerhalb der Teams, die Kameras trugen, 17-mal bei jenen, die keine Objektive an der Uniform montiert hatten.

 

Auch Bürger werden höflich

Auch in Deutschland wurden die Effekte eines Versuchs in Frankfurt am Main erhoben. Zwar gibt es hierzu keine wissenschaftliche Publikation, dennoch waren Veränderungen im Verhalten der Beteiligten ersichtlich. Dieses Mal ging es jedoch darum, was die Polizisten bei in Amtshandlungen verwickelten Bürger beobachteten. Vor allem die deutsche Polizeigewerkschaft hob positiv hervor, dass mit Einsatz von Körperkameras sogenannte Widerstandsdelikte gegen einschreitende Beamte um 37,5Prozent sanken. Einsatzkräfte, die mit Kameras ausgestattet waren, gaben an, beim Gegenüber gleich mehrere Effekte festgestellt zu haben: gesteigerte Kooperationsbereitschaft in Kontrollsituationen, verminderte Aggressivität. Und: Rückgang von Solidarisierungsinitiativen unbeteiligter Dritter.

Somit lassen sich die bisherigen Beobachtungen zum Einsatz von Körperkameras damit zusammenfassen, dass sich sowohl Polizisten als auch die Bürger selbst vereinfacht gesagt besser benehmen. Und zwar nur aufgrund der Tatsache, dass beide wissen, dass das, was sie vor der Kamera tun, später gegen sie verwendet werden kann.

Es gibt auch Experten, die zumindest zu einem kritischen Umgang mit der Technologie mahnen. In Großbritannien und Kanada strichen Sicherheitsforscher zwar positiv heraus, dass die Kameras unerwünschtes Verhalten verhindern könnten. Allerdings bemängelten sie, dass das nur aufgrund der unausgesprochenen Androhung geschehe, im Fall des Falles auf das aufgezeichnete Material zurückzugreifen. Das Vertrauen der Bürger in eine Institution, die eigentlich da ist, um sie zu beschützen, werde dadurch nicht gefördert.

Der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl drückte es kürzlich in einem ORF-TV-Interview so aus: „Wo sind wir hingekommen, wenn die Leute nur noch unter Videokameras in der Lage sind, sich ordentlich zu benehmen?“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2015)