Das zweifelhafte Image des Schachtjor-Präsidenten

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Rinat Achmetow ist eine der geheimnisvollsten und vor allem reichsten Figuren der Ukraine. Das Image des kriminellen Parvenus konnte er noch nicht ablegen.

In gewissen historischen Momenten können Klubfarben der Teufel sein. Orange zum Beispiel. Seit jeher fuhr der ostukrainische Fußballerstligist Schachtjor Donezk, der am Mittwoch im Uefa-Cup-Finale auf Werder Bremen (mit Sebastian Prödl und Martin Harnik, 20.35 Uhr/ORF1) trifft, mit den Farben der Apfelsinen weitgehend gut. 2004 aber geriet sein Besitzer Rinat Achmetow in die Zwickmühle.

Farbenlehre auf Ukrainisch

Politisch nämlich hatte der milliardenschwere Herrscher über den russischsprachigen Osten des Landes als Hauptfinancier auf die blaufarbige Partei der Regionen gesetzt und wollte seinen Protegé Wiktor Janukowitsch als Präsidenten über die gesamte Ukraine durchbringen. Urplötzlich aber geriet man ins Hintertreffen. Die prowestliche Elite in Kiew hatte die Orange Revolution losgetreten und das Land für Wochen in ein oranges Farbenmeer verwandelt. Am Ende mussten sich die Blaufärbigen politisch schmählich geschlagen geben. Und Achmetow verließ für kurze Zeit sicherheitshalber das Land Richtung Italien.

Die neuen Machthaber in Kiew nämlich – allen voran die attraktive Revolutionsikone Julia Timoschenko – hatten einen populistischen Rachefeldzug gegen die Reichen gestartet und damit gedroht, krumme Machenschaften der Transformationszeit aufzudecken. Achmetow wartete ab, bis sich die Wogen glätteten, wehrte sich nicht sonderlich, als er das offenbar nicht rechtmäßig erworbene Stahlwerk Krivoryschstal an den Staat zurückgeben musste, kehrte alsbald aus dem Ausland in seine ostukrainische Basis Donezk zurück – und blieb, was er seit Langem war: der weitaus reichste Ukrainer. Auf vier Mrd. Dollar schätzte ihn das Journal Forbes im Jahr 2007, ein Jahr später waren es 7,3 Mrd., heuer aufgrund der Finanzkrise angeblich nur noch 1,8 Mrd. – und damit plötzlich Platz zwei. Andere Schätzungen ergeben anderes. Das ukrainische Magazin „Korrespondent“ etwa bescheinigte ihm im Vorjahr 31,1 Mrd. Dollar, womit Achmetow der reichste Mann in Osteuropa wäre.

Achmetows Machtbasis ist der kohlereiche Landstrich Donbass mit seinen Minen und der für die ukrainische Exportwirtschaft so entscheidenden Stahlindustrie. Achmetows Firmenimperium System Capital Management freilich umfasst weitaus mehr Sektoren und reicht geografisch bis nach Italien und England. 165.000 Mitarbeiter beschäftigt der heute 42-jährige ethnische Krimtatare. Neben Stahl erzeugt SCM heute auch ein Siebtel des ukrainischen Stroms, spielt in der Telekommunikation genauso vorne mit wie auf dem Finanzsektor, bei den Massenmedien und den Immobilien. Und während die orangen Machthaber längst einen großen Teil ihres Vertrauens im Volk verspielt haben, bleibt die von Achmetow finanzierte Partei der Regionen die stimmenstärkste Partei, und Achmetow hält sich als Abgeordneter im Parlament.

Rückhalt im Osten, Blick nach Westen

Als Sohn eines Minenarbeiters und einer Verkäuferin hat der verheiratete Vater zweier Kinder begonnen. Dass gerade er ein stark zweifelhaftes Image als krimineller Parvenu hat, ist zum Teil auf die aktive Negativpropaganda seiner Kiewer Widersacher zurückzuführen und auf die jahrelange mediale Schieflage im Westen, dass die prowestlichen orangen Oligarchen allesamt eine tadellose Vergangenheit hätten. Achmetows legendenumwobener Aufstieg begann einer Version zufolge damit, dass sein verwandter Verbrecherboss Alik Grek bei einem Bandenkrieg 1995 in die Luft gesprengt worden war. Bis dahin war die ostukrainische Industrieregion von brutalen Kämpfen unterschiedlicher Bosse geschüttelt gewesen, erzählt man sich noch heute in der Region. Erst als Achmetow die Führung übernahm, sei Ruhe eingekehrt.

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Achmetow hat die Zeichen der Zeit verstanden und nach der Orangen Revolution alsbald westliche PR-Agenturen für sich und die Partei engagiert. Und damit auch ein wenig klargestellt, dass die sprichwörtliche Russlandfreundlichkeit Janukowitschs und seiner Financiers lediglich eine bedingte ist. Denn erstens liefe man bei einer zu großen Annäherung an den großen Nachbarn Gefahr, von den dortigen – weitaus größeren Tycoons – geschluckt zu werden. Andererseits weiß man, dass man zwar billiges Gas aus Russland braucht, die Absatzmärkte aber doch im Westen liegen. So wie neues Spielermaterial für seinen orangen Klub.

ZUR PERSON

Rinat Leonidowitsch Achmetow (* 21. September 1966) gründete 1995 die Dongorbank und ist Chef der Beteiligungsgesellschaft System Capital Management (SCM), die 165.000 Mitarbeiter beschäftigt. Seit 1996 präsidiert er den Uefa-Cup-Finalisten Schachtjor Donezk.

1,8 Milliarden Dollar beträgt laut Forbes-Magazin das Vermögen Achmetows, der verheiratet und Vater zweier Söhne ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2009)

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