Die Ich-Pleite: Wetterbericht

Jeder hatte heuer seine Methode, um die Hitzewelle zu überstehen.

Die einen haben neue Sitzmöbel entdeckt (Badewanne, Kühlschrank), die anderen sind ins Kühle geflüchtet nach Portugal. Ich habe Wetterbericht gelesen. Besonders orf.at hat es mir angetan. Diese Wetterseite ist etwas für Neurotiker. Vermutlich unterscheidet sie zwei Zielgruppen: Schauer (also nicht im meteorologischen Sinn, auch nicht im Dialektsinn, sondern einfach im Sinn von „Symbole schauen“) und Leser. Das Faszinierende daran: Die Vorhersagen für Schauer und Leser differieren stark. Den Schauern wird in ihren Symbolen stets eine tröstliche Perspektive geboten, beispielsweise mitten in der Hitzewelle eine erlösende Regenwolke, die das Sonnensymbol fast komplett verdeckt. Die Wahrheit wird nur dem Leser des Kleingedruckten zugemutet: „Es bleibt schwül und extrem heiß.“ Selbst bei den Temperaturen gibt es eklatant unterschiedliche Angebote. Der Schauer kriegt nach dem 38-Grad-Mittwoch einen erlösenden 33-Grad-Donnerstag geschenkt. Wenn auch nur symbolisch. Wer weiterliest, ist selber schuld: „Donnerstag wieder bis zu 38 Grad.“ Diese Leser sind ein pro­blemorientiertes Volk! Die Schauer aber gelten als Menschen, die eindeutige Botschaften wollen. Lieber falsch als kompliziert, und immer positiv! Die Schauer sind vermutlich hochbezahlte Entscheider, Wirtschaftskapitäne, Parteiführer. Sie haben überhaupt keine Zeit zum Lesen. Sie wollen klare Aussagen. Egal, ob sie stimmen oder nicht, Hauptsache, schnell geht es. Der Neid könnte einen fressen. Glückliche Schauer! Andererseits. Von der Verschwörung der Leser und Wettergrübler, angeführt vom anonymen ORF-Wetterredakteur mit seiner Umnebelungstaktik, ahnen sie nichts, die armen Schauer.

Schaufenster.DiePresse.com/DieIchPleite

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2015)

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