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Falsche Anreize: Lehrer sind besonders gute Rechner

Selbstbedienung in der Pensionsversicherung: Wer falsche Anreize setzt, muss mit unerwünschten Ergebnissen rechnen.(c) Clemens Fabry
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KolumneOb Lehrerpensionen, Sozialsystem oder Agrarmarkt: Wenn die Politik falsche Anreize setzt, darf sie sich nicht wundern, wenn sie unerwünschte Ergebnisse bekommt. Dem Staatshaushalt täte da mehr Vorausschau gut.

Lehrer sind faul und zudem bestrebt, die kürzeste Linie zwischen Berufseintritt und Frühpension zu finden. Geben Sie zu: Das haben Sie doch auch gedacht, als der Rechnungshof gestern berichtet hat, dass sich zwischen 2008 und 2013 vier von fünf Lehrern im passenden Alter in die lukrative Hacklerfrühpension vertschüsst haben und im Burgenland in fünf Jahren genau ein (!) Lehrer das Regelpensionsalter erreicht hat – oder? Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls hoch, denn dieses Vorurteil ist österreichweit ganz klar mehrheits- und stammtischfähig.

Es ist allerdings kompletter Unsinn. Man könnte die Sache nämlich auch so sehen: Lehrer stellen eine Berufsgruppe dar, die besonders gut rechnen kann und sich im wirtschaftlichen Sinn besonders rational verhält. Das Angebot, entweder sofort ohne Abschläge in Frühpension zu gehen oder, im Ablehnungsfall, noch sechs, sieben Jahre zu arbeiten und dann womöglich weniger zu bekommen, kann bei Menschen, die bei Trost sind, nur eine vernünftige Reaktion auslösen: Her damit!

Natürlich: Die Frühpensionierungswelle der Lehrerhackler hat in den fünf Beobachtungsjahren allein zwei Milliarden Euro gekostet und damit das ohnehin wackelige Pensionssystem weiter in Richtung Unfinanzierbarkeit gelenkt. Gesamtgesellschaftlich gesehen wäre also seitens der Pensionierungskandidaten wohl ein nobles „Nein, danke, ich will doch nicht das System kippen“ angebracht gewesen.

Aber der Mensch denkt nun einmal nicht gesamtgesellschaftlich. Dieses Missverständnis war schon ein wesentlicher Sargnagel beim Scheitern des Kommunismus. Der relative Erfolg des marktwirtschaftlichen Kapitalismus – das bisher einzige System, das Massenwohlstand geschaffen hat – basiert dagegen auf der unschönen Eigenschaft Eigennutz, kommt der menschlichen Struktur also deutlich besser entgegen.
An der budgetzerrüttenden Frühpensionierungsorgie sind demnach nicht die Lehrer schuld, ja nicht einmal die Dinos von der Lehrergewerkschaft, sondern die schwarz-blaue Regierung Schüssel, die das vor 15 Jahren eingeführt – und damit ein völlig kontraproduktives Anreizsystem gesetzt hat.

Unterdessen ist die Hacklerregelung (zumindest die für Nichtschwerarbeiter) am Auslaufen. Lehrer müssen jetzt wie alle anderen (was bisher allerdings auch alle anderen meist nur theoretisch tun) bis 65 hackeln. Und als besonderer politischer Leckerbissen müssen jetzt sogar beamtete Lehrerinnen (wie übrigens auch alle Bundesbeamtinnen) bis 65 arbeiten. Frau Heinisch hat als Unterrichtsministerin mit der Angleichung des Pensionsalters für Frauen also schon realisiert, was Frau Hosek als Frauenministerin für Nichtbeamtinnen noch „verantwortungslos“ findet. Österreich eben . . .

Grundsätzlich ist das falsche Anreizsystem bei Lehrern aber schon repariert, während in anderen Bereichen falsche Anreize noch große Löcher in Budgets reißen oder zu reißen drohen. Auf eines hat uns in der Vorwoche der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vučić aufmerksam gemacht: Er hat (auf Deutschland gemünzt) darauf hingewiesen, dass die Geldleistungen für anerkannte Asylberechtigte im deutschen Sozialsystem höher seien als das Durchschnittseinkommen in Serbien. In Österreich sind zumindest die monetären Leistungen übrigens noch üppiger.

Jedenfalls dürfe sich da, so Vučić, niemand wundern, dass sich der halbe Westbalkan, schon lang kein Kriegsgebiet mehr, auf der Asylschiene in Richtung solch paradiesischer Zustände in Bewegung setze. Ein klassischer Fall von falschem Anreiz. Man kann sich dessen Wirkung anhand der Ziele der Immigrationswelle sehr schön ansehen. Und irgendwann in nicht mehr allzu ferner Zukunft wird man vor der Entscheidung stehen, zur Rettung des Asylsystems für schutzbedürftige Kriegsflüchtlinge die Wirtschaftsimmigration ins Sozialsystem administrativ einzuschränken (was übrigens bei Menschen aus dem Westbalkan schon Wirkung zeigt) – oder das Sozialsystem abzubauen. Beides gleichzeitig wird sich nicht halten lassen.

Wie sich ein ganzes System von falschen Anreizen auf die Wirtschaftlichkeit einer Branche auswirkt, lässt sich übrigens im europäischen Agrarsektor beobachten, der durch Interventionen auf allen Ebenen schon so weit von normalem Wirtschaften entfernt ist, dass die Verantwortlichen nicht einmal den Terminus „Markt“ definieren können. Den für die Bauern wirklich katastrophalen Preiseinbruch bei Milch und Fleisch hat der Bauernbund-Chef neulich beispielsweise als Marktversagen bezeichnet.

Sorry, aber das genaue Gegenteil ist der Fall: Sinkende Preise bei hohem Überangebot sind ein Zeichen dafür, dass der Markt bestens funktioniert. Jeder beliebige Opec-Scheich wird das ebenso bestätigen können wie das Faktum, dass in solchen Situationen auch Angebotskartelle nicht wirken, weil die einzelnen Marktteilnehmer eben auch nicht gesamtwirtschaftlich, sondern eigennützig handeln.

Preisverfall bekämpft man in der Wirtschaft nicht mit neuen Regulierungsbehörden, sondern mit Produktions- und Strukturanpassungen. Wenn man diese mittels falscher Anreize durch Steuergeldinterventionen aus ideologischen Gründen jahrzehntelang verhindert, dann kommt eben das heraus, was wir jetzt auf dem Milchmarkt erleben.

Wobei die Bauern natürlich in einer besonders schlimmen Zwickmühle stecken, weil in Österreich auch die Wettbewerbsbehörde versagt hat. Wenn man dieses Maß an Handelskonzentration zulässt, dann riskiert man eben, dass die Situation für Nahrungsmittelproduzenten insgesamt gruselig wird.

Falsche Anreize sind übrigens kein ausschließlich politisches Thema: Die „Neue Zürcher Zeitung“ hat neulich eine Studie veröffentlicht, derzufolge Schweizer Unternehmen, die hohe gewinnabhängige Boni zahlen, mittelfristig schlechter performen als solche, die das nicht tun. Der Grund ist ein kontraproduktives Anreizsystem: Hohe Gewinnboni verleiten dazu, Kurzfristgewinne zu realisieren und dabei auf gewinnmindernde Investitionen, die sich aber langfristig positiv auswirken würden, zu verzichten.

In der Schweiz ist jetzt eine Diskussion darüber ausgebrochen, wie man Bonisysteme so gestalten könnte, dass sie nicht derart kontraproduktive Anreize liefern. Vielleicht wäre die Idee, künftig hierzulande Gesetze darauf abzuklopfen, ob man damit ungewollt nicht genau das Gegenteil des Erhofften provoziert, auch nicht die schlechteste.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2015)