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Sven-Eric Bechtolf: „Vermutlich bin ich ein Anachronismus“

Für Sven-Eric Bechtolf ist Indolenz „keine Tugend – aber gelegentlich notwendig“.(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Sven-Eric Bechtolf zieht im Gespräch Bilanz über seine erste Intendanten-Saison und überlegt, wie viel Politik in der Kunst sein soll, ob die Fülle des Angebots dem Festival zuträglich ist und warum Mozart ewig aktuell bleibt.

Die Presse: Die erste von zwei Salzburger Festspiel-Saisonen, die Sie als künstlerischer Leiter verantworten, geht zu Ende. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?

Sven-Eric Bechtolf: Meine persönliche Bilanz ist außerordentlich positiv. Viele unserer Hoffnungen haben sich erfüllt, manche nicht. Ich bin aber kein Träumer, sondern gezwungen, sehr realistisch zu planen und zu handeln. Was wir irgend realisieren konnten, haben wir realisiert.

 

Und Ihr Zeitmanagement? Um wie viel anstrengender, fordernder war's, als Sie im Vorhinein gedacht hatten?

Im Sommer sind hier im Haus über 5000 Menschen tätig. Übers Jahr sind es 212 Mitarbeiter. Alle haben intensiv gearbeitet und ihr Bestes gegeben. Ich war nur einer unter diesen vielen. Das relativiert auf gesunde Weise die eigenen Bemühungen. Was das Zeitmanagement angeht: Da es mein viertes Jahr war, wusste ich, was auf mich zukommt.

 

Bleiben wir bei den Träumen: Wie sollten ideale Festspiele zu Beginn des 21. Jahrhunderts aussehen? Wozu Festspiele?

Ich finde, dass wir darauf in der Praxis seit 15 Jahren jeden Sommer ziemlich befriedigende Antworten geben. Theoretische Absichtserklärungen sind nicht meine Sache.

 

Eine zentrale Figur des Programms 2015 war Brecht, der einmal in Salzburg eine Rolle spielen sollte, was man zu verhindern wusste. Dass Kunst politisch ist, ist ein Schlagwort. Wie ist denn das wirklich mit der Politik am Theater?

„Politisch“ ist ein etwas schwammiger Begriff. Wenn Sie damit „Agitprop“ oder auch nur „gesellschaftskritisch“ oder „aktuell“ meinen – ja, das kann die Kunst auch – aber sie muss es nicht. Bach ist nicht sozialkritisch, Marcel Proust nicht aktuell und Alban Berg taugt nicht zum Arbeiterführer. Auch Monets „Kathedrale von Rouen“ ruft nicht zum bewaffneten Widerstand auf und Rilke hat keine beißenden Satiren geschrieben. Trotzdem verdienen sie unser Interesse.

 

Wie berührt es den Intendanten, wenn das Publikum am Ende einer Premiere so heftig widerspricht, wie das bei „Fidelio“ in der Inszenierung Claus Guths der Fall war? Muss der Intendant, muss der Regisseur eine Schutzschicht haben, an der solche Proteste abprallen? Kann Widerspruch – eine Frage auch an den Regisseur Bechtolf – künftige Arbeit beeinflussen?

Für mich ist das Publikum der Souverän des Theaters. Es ist also besonders schmerzhaft, wenn es der Erzählweise des Regisseurs nicht folgen mag. Indolenz ist keine Tugend – aber gelegentlich notwendig. Die Kritik meiner Freunde, vor allem aber die von Kollegen, nimmt Einfluss auf meine Arbeit.

 

Wie geht es Ihnen mit der inhaltlichen Ausweitung, die unter anderem durch die Einführung der „Ouverture spirituelle“ entstanden ist? Was entgegnen Sie einem Kritiker, der meint, Festspiele sollten sich auf Dinge beschränken, die es anderswo nicht zu hören und zu sehen gibt?

Alle Religionen erheben naturgemäß leicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Das führt, wie wir seit Jahrhunderten erleben müssen, zu Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt. Die „Ouverture spirituelle“ betont den universellen Glauben und die Hoffnung der Religionen auf Frieden, Liebe und Humanität, die sich am schönsten in der geistlichen Musik ausdrücken. Im Übrigen gibt es alles irgendwo auf der Welt zu erleben; nur nicht in einer so kurzen Zeitspanne und an einem einzigen Ort, wie bei den Festspielen.

 

Wenn Sie reduzieren müssten, worauf würden Sie verzichten? Was sollte es bei den Festspielen geben, das es noch nicht gibt?

Ich will nicht verzichten. Verzichtet habe ich schon. Und wäre ich noch länger hier: Es gibt immer bühnentechnischen Bedarf, von Projektoren bis zu Scheinwerfern, von Hubpodien bis zu ausgereiftester Tontechnik.

 

Ein paar Worte zur Ihren Erfahrungen mit Mozarts Da-Ponte-Zyklus. Werden wir ihn als Triptychon erleben? Und: Was macht diese Opern bis heute so anziehend?

Sehr kurz geantwortet: die himmlische Musik und die teuflischen Libretti. Und ja, wie schon angekündigt werden wir „Così“, „Figaro“ und „Giovanni“ 2016 zeigen. Was meine persönliche Erfahrung mit diesen Werken angeht: Man muss sich entscheiden, wem man folgen will. Da Ponte, der eigenen Exegese seiner Texte oder der Musik. Ich habe mich für Mozart entschieden.

 

Hat die Spielzeit den Schauspieler-Regisseur-Intendanten inspiriert, eine der drei Elemente seines Künstlertums künftig mehr oder weniger zu betonen?

Ich habe diese verschiedenen Aufgaben nie so fein säuberlich auseinanderhalten wollen. Früher gab es viele solcher Theaterleute, wie ich es bin, solche, die eben alles gemacht haben. Diese Spezies stirbt aber langsam aus. Vermutlich bin ich ein Anachronismus! Trotzdem würde ich gern noch ein Weilchen so weitertun.

 

Welches Stück, welcher Regisseur würde Sie reizen, sich wieder auf eine große Schauspielproduktion einzulassen?

Mich braucht man nicht lang zu überreden. Ich habe immer das gemacht, was auf mich zukam. Aber um etwas konkreter zu antworten: am liebsten eine sehr gute Rolle, die gerade geschrieben wird, mit einem hervorragenden Regisseur, den ich noch gar nicht kenne.

Zur Person

Sven-Eric Bechtolf, geboren 1957 in Darmstadt, absolvierte sein Schauspielstudium am Salzburger Mozarteum und begann seine Karriere in Zürich, Bochum und Hamburg. 1999 war Bechtolf als Schauspieler ans Burgtheater engagiert worden. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist er aber auch als Regisseur aktiv. 2011 holte ihn Alexander Pereira – für den er in Zürich etliche Operninszenierungen erarbeitet hatte – als Schauspielchef zu den Festspielen. Er leitet 2015 und 2016 nach dem Ausscheiden Alexander Pereiras als interimistischer Intendant die Salzburger Festspiele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2015)