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Mutis „Ernani“: Hochspannung

(c) EPA (SIGI TISCHLER)
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Der italienische Maestro dirigierte bei den Salzburger Festspielen eine gefeierte Aufführung von Verdis meisterlichem Frühwerk.

Am Schluss gab es nicht nur Standing Ovations – auch Orchester und Chor stimmten in den begeisterten Jubel mit ein. Und dies nach einer, wie man sonst zu sagen geneigt ist, „bloß“ konzertanten Opernaufführung. Freilich, was für einer. Von den ersten Takten an herrschte eine Spannung, die sich nur selten einstellt.

Zu hohem Ausdruck führte Riccardo Muti – diesen Sommer in Salzburg der einzige Dirigent, der Konzerte und Oper leitet – seine Protagonisten. Unter ihnen neben der exzellent auf diese Aufgabe vorbereiteten Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) das von ihm gegründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, das die Herausforderung so selbstverständlich meisterte, als spielten diese glänzend aufeinander eingestimmten jungen Musiker nichts anderes als Opernliteratur.

„Wahrhaft scheußlich“ hat Verdis Komponistenkollege Otto Nicolai, der in der nächsten Salzburg-Saison mit einer seiner Opern zu Festspielehren kommen wird, wie die Gerüchtebörse wissen will, „Ernani“ genannt. Aus der Sicht der Zeit kann man ein solches Urteil verstehen. Schließlich reizt Verdi hier die Möglichkeiten der menschlichen Stimme in einer bis dahin nie gekannten Weise aus, schafft aber auch die für seine späteren Opern charakteristischen Operncharaktere, die wir heute unter anderem als den Verdi-Sopran oder den Verdi-Bariton kennen.

Solche hatte Muti, der „Ernani“ bisher zweimal zu einer Saisoneröffnung dirigiert hatte – 1982 an der Mailänder Scala und 2013 am Römischen Opernhaus – mit auf das Podium des Großen Festspielhauses gebracht. Wie den die Rolle des Don Carlo nuanciert gestaltenden Luca Salsi oder die junge, emphatisch agierende Vittorio Yeo in der anspruchsvollen Partie der Elvira. Wie schon in Rom gab Francesco Meli kraftvoll und mit sicheren Höhen den Ernani, und präsentierte sich Ildar Abdrazakov als profunder de Silva an der Spitze eines homogenen Ensembles.

 

„Dramma lirico“

Geprägt wurde die Aufführung, die heute Abend wiederholt wird, freilich von Riccardo Muti, der für eine selbst von den Pausen nie unterbrochene Hochspannung sorgte, Sängern einen idealen Teppich legte und bei aller Dramatik in seiner an Plastizität kaum übertreffbaren Darstellung nie vergessen ließ, wie Verdi diese Oper im Untertitel bezeichnet hat: Dramma lirico. Entsprechend intensiv und differenziert kostete der Maestro die lyrischen Passagen des meisterlichen Frühwerks aus. 2017 wird Muti erneut Verdi in Salzburg dirigieren: „Aida“ in der Regie der iranischen Filmemacherin Shirin Neshat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2015)