Die Stadt der schnellen Schulen

Die Wiener Schulpolitik hat auf die rasante Steigerung der Schülerzahlen zu spät reagiert. Jetzt setzt sie bei der Erweiterung von Pflichtschulen auf Standardisierung, massiven Holzbau und den Verzicht auf Architektur. PFERD oder PFAU, das ist hier die Frage.

Was ist das: Es sieht aus wie eine Gangschule aus den 1960er-Jahren, ist aus Holz gebaut und garantiert architekturfrei. Antwort: Das ist ein PFERD. Ein Pferd? Das Wort steht fürPFlichtschulERneuerungsDruck und wurde von der Wiener Baudirektion für ein Investitionsprogramm geprägt, in dessen Rahmen ein beachtlicher Teil der zusätzlichen Nachfrage nach Schulraum in Wien befriedigt wird,vor allem mit Erweiterungsbauten auf dem Areal bestehender Bildungseinrichtungen.

Das PFERD-Programm ist eines von dreien, mit denen die Stadt Wien die Auswirkungen der Stadtentwicklung auf den Bildungsbereich zu bewältigen versucht. In den Stadterweiterungsgebieten setzt sie auf das Campus-Modell, das sich inzwischen zum Campus plus und zum Mini-Campus weiterentwickelt hat. Ursprünglich sah das Modell die Kombination von Kindergarten, Volksschule und – in einigen Fällen – Neuer Mittelschule zu einer großen Einheit vor, in der Sportanlagen und Räume für die Nachmittagsbetreuung allen zur Verfügung stehen. Die einzelnen Einrichtungen blieben dabei aber separiert.

Im Campus plus sind vor allem Kindergarten und Volksschule in Form sogenannterCluster enger miteinander verbunden. Ein Cluster besteht in der Regel aus zwei Kindergarten- und vier Volksschulräumen, in manchen Fällen ergänzt um eine „basale“, also für die Integration schwerbehinderter Kinder geeignete Einheit. Klassenräume gibt es zwar nach wie vor, aber sie öffnen sich zu einer großen, gemeinsamen Mitte, dem Zentrum des Clusters. In solchen Einheiten haben die Kinder mehr Orte zum eigenständigen Lernen sowie Bewegungsflächen und Angebote für den ganztägigen Betrieb. Der Übergang vom Kindergarten zur Volksschule kann hier individueller und sanfter gestaltet werden als in „normalen“ Strukturen, was vorallem für den sicheren Spracherwerb unter den aktuellen demografischen Bedingungen wichtig ist: Von den knapp 100.000 Schülerinnen und Schülern an Wiener Pflichtschulen hatten im Jahr 2014 nur 40 Prozent Deutsch „als Umgangssprache“, wie das die Statistik Austria formuliert.

Vier Campusschulen gibt es bisher, eine weitere wird nächste Woche in der Seestadt Aspern eröffnet. Der erste Campus plus, entworfen von Querkraft Architekten, wird 2016 in der Attemsgasse im 22. Bezirk seinen Betrieb aufnehmen, weitere neun große Campusschulen sollen bis 2023 mit einem Investitionsvolumen von 700 Millionen Euro entstehen. Daneben sind unter dem Namen Mini-Campus kleinere Lösungen geplant, die Räume für Kindergärten und Volksschulen mit anderen Nutzungen wie Wohnen oderHandel kombinieren.

Für diese Neubauprojekte führt die Stadt nach wie vor Wettbewerbe durch, bei denen für den jeweiligen Standort die beste architektonische und städtebauliche Lösung gesucht wird. Das ist aufwendig, führt aber in Kombination mit den pädagogisch neu durchdachten Raumprogrammen zu innovativen Resultaten. Wien hat eine Tradition, die auf das Schulbauprogramm 2000 aus den 1990er-Jahren zurückgeht. Damals entstanden individuell geplante, ästhetisch ansprechende Schulen mit animierenden Räumen, die auch international beachtet wurden.

Anders sieht die Lage bei Schulsanierungen und Erweiterungen aus. Hier greifen die beiden anderen von der Stadt betriebenen Programme. SUSA (für Schulsanierung), in dessen Rahmen seit 2008 „substanzerhaltende“ Sanierungen an 242 Pflichtschulen durchgeführt werden, ist mit 570 Millionen Euro für einen Zeitraum von zehn Jahren dotiert. Für das Erweiterungsprogramm PFERD werden allein in den Jahren 2014 bis 2017 rund 110 Millionen Euro für 111 Klassen an 20 Standorten investiert.

Von den im Campus-plus-Modell formulierten Qualitäten, die ja für alle Schülerinnen und Schüler gelten sollten, ist die Stadt hier freilich weit entfernt. Bei Sanierungen werden in der Regel nur neue Fenster und eine bessere Wärmedämmung installiert sowie Brandschutz und Barrierefreiheit. Die Chance, mit etwas Mehraufwand auch die Grundrisse an neue Bedürfnisse anzupassen, ist in diesen Fällen auf Jahrzehnte, bis zur nächsten Sanierung, verspielt. Die Erweiterungen im PFERD-Programm beeindrucken vor allem durch ihr Tempo. Eine eigens als von der Stadt gegründete Wiener Infrastruktur Projekt GmbH, kurz WIP, wickelt diese Projekte in geradezu atemberaubendem Tempo ab, wobei jeweils mehrere Schulen zugleich im Rahmen eines Totalunternehmerauftrags, der Planung und Ausführung umfasst, vergeben werden.

Grundlage sind schematische Machbarkeitsstudien, die von Baumeistern oder Architekten in Hinblick auf eine Ausführung in Holzfertigteilbauweise erstellt werden. Diese Schulen lassen sich im Zeitraum von unter einem Jahr ab der Bedarfsanmeldung errichten, wobei der Rohbau oft nur wenige Wochen benötigt. Wer die Abläufe für ein öffentliches Bauprojekt in Wien und die zahlreichen involvierten Akteure kennt, kann dieses Tempo nur bewundern.

Der Wiener Bildungspolitik hat PFERD buchstäblich Kopf und Kragen gerettet. Tausende Schüler ohne Raum oder in behelfsmäßig aufgestellten Containern hätten jedenfalls kein gutes Bild ergeben. Die Kollateralschäden dürfen jedoch nicht unter den Tisch gekehrt werden. Messlatte in Bezug auf architektonische Qualität und pädagogischesPotenzial ist bei diesen Projekten der temporär aufgestellte Schulcontainer.

Man muss zugeben, dass diese Latte zumindest im äußeren Erscheinungsbild übersprungen wird. Diese Schulen sind architekturfreie Ingenieurbauten, die an die funktionalistischen Schulen der 1950er- und 1960er-Jahre erinnern. Mit dieser Ästhetik kann man durchaus spielen, wie es etwa die Schweizer Architekten Miller & Maranta mit ihrem Volta-Schulhaus in Basel aus dem Jahr 2000 getan haben, hinter dessen strenger Fassade sich ein Wunder an Raum und konstruktiver Eleganz verbirgt. Daran war hier aber niemand interessiert, was sich an der Brutalität zeigt, mit der mit dem Bestand umgegangen wird, etwa bei der Erweiterung der Schule in der Vorgartenstraße 208, einem Entwurf von Martin Kohlbauer, der vom würfelförmigen Neubau erschlagen wird. Das eigentliche Problem ist aber die Schizophrenie, mit der in Wien zwischen Neubau und Sanierung von Schulen differenziert wird. Warum wird bei Sanierung und Erweiterung nicht einmal der Versuch gemacht, zeitgemäße räumliche Bedingungen herzustellen? Reichen für einigeKinder ein Dach über dem Kopf, schmale Gänge, Klassen ohne kontrollierte Raumlüftung und ein Schuleingang, der nicht mehr ist als ein normgerechtes, barrierefrei erreichbares Loch in der Wand?

Mit dem Know-how der WIP ließe sich eine drastisch höhere Qualität erzielen, wennsie neben dem Geschwindigkeits- auch einenInnovationsauftrag hätte, und dafür kompetente architektonische Planung einbezieht. Das PFERD, die Notlösung, muss nicht gleich zum PFAU werden, zum PFlichtschulArchitekturUniversum.

Aber mehr PFIFF muss eine Schule des 21. Jahrhunderts schon haben als PFlichtschule mit Intelligenter FormFindung. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2015)