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Es geht nicht um Arm und Reich

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In den USA nimmt Ungleichheit zu, in Österreich bleibt sie gering. Dennoch läuft die Debatte fast ident. Es geht also um anderes. Ein Essay über das falsche Etikett für ein echtes Problem.

Die Ungleichheit ist eines der ganz großen Themen unserer Zeit: Da sind sich, vom Papst abwärts, seltsamerweise alle einig. Ein großes Übel seien ungleicher verteilte Einkommen, klagen die einen. Zu großem Übel führe erst ihre Bekämpfung durch noch mehr Umverteilung, warnen die anderen. Ökonomen liefern konträre Zahlen (alles ganz furchtbar, alles gar nicht schlimm) und konträre Theorien über die wirtschaftlichen Folgen. Politiker schlachten diese Weisheiten mit simplen Parolen aus. Doch gerade die muntere Dauerfehde macht stutzig: Droht hier wirklich großes Ungemach?

Wir streiten in unseren Demokratien über nichts herzhafter und ausdauernder als über soziale Gerechtigkeit und die Höhe der Steuern. Das Thema ist ständig im Visier. Die Lage der Dinge lässt sich rasch beeinflussen. Ganz anders als beim Klimawandel oder beim Kindermangel, bei dem politisches Handeln zu spät kommen kann. Oder in der aktuellen Flüchtlingsfrage, bei der eine Mehrheit über eine wehrlose Minderheit entscheidet und damit unsere Werte unbemerkt erodieren. Da tut es not, laut eine Lösung zu fordern. Und doch nicht dort, wo so lang schon alle durcheinanderkeppeln.

Aber leider: So einfach ist es nicht. Die Empörung über Ungleichheit ist mehr als Ausfluss von Neid oder eine Kampfparole im Klassenkampf. Auch hier steckt ehrliche Furcht dahinter, dass uns etwas entgleitet: der Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Aber warum? Eine These: Die großen Vermögen galoppieren unversteuert davon. Aber das ist übertrieben. Die Mittel, die dem Fiskus weltweit durch Flucht in Steueroasen entgehen, sind im Vergleich zu seinen Einnahmen bescheiden: ein Prozent. Das sind zwar auch hunderte Milliarden, ein Ärgernis und Grund zur Aktion. Aber über unser Wohl und Wehe entscheidet es nicht.

Dennoch: Das oberste Prozent entfernt sich heute relativ weiter vom Rest weg als im 19.Jahrhundert. Aber damals stand der protzige Palast neben der schäbigsten Hütte, der Überfluss neben dem Hunger. Heute ist die Ungleichheit in der westlichen Welt weit weniger schockierend, weil selbst die meisten Ärmeren Smartphone und Flatscreen haben. Wenn junge Rebellen in New York, Frankfurt oder Madrid auf die Straße gehen, wollen sie nicht ernsthaft den Kommunismus zurück. Sie wollen vor allem ihren Frust loswerden. Und er hat wenig damit zu tun, wie wenig sie in der Tasche haben.

Freudlos am Tropf. Das zeigt schon ein Vergleich zwischen Österreich und den USA. Die Debatte läuft ganz ähnlich. Aber die Voraussetzungen sind völlig anders: In Amerika sind die Einkommen wirklich immer ungleicher verteilt, hierzulande nicht. Zumindest, nachdem Vater Staat mit Transfers ausgeholfen hat. Es kommt beim Empfänger auch keine Freude auf, wenn er auf Dauer am finanziellen Tropf der Allgemeinheit hängt – und sich ausrechnen kann, dass ein so unproduktives System auf Dauer nicht funktionieren kann. Auch das demütigt, zumal, wenn man die Gewinner vor Augen hat. Es geht also um Unsicherheit, das Gefühl zurückzubleiben, seine Möglichkeiten nicht ausschöpfen zu können.

Warum aber geht die Schere bei den Markteinkommen auf? In den USA zeigt es sich ungeschminkt: Einfache, aber einst ehrenvolle Tätigkeiten werden unter der Konkurrenz der Schwellenländer zu miesen, prekären Jobs. Zugleich lässt sich mit neuen Technologien, in der Finanzwelt oder mit speziellem Know-how immer mehr verdienen. Löhne wachsen in den Himmel, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Heißt das, es gibt zu wenige schlaue Leute? Nein. Menschliche Denkfähigkeit ist eine fast unerschöpfliche Ressource. Man muss nur tief genug nach ihr schürfen, durch Bildung, durch Investition in die Jugend.

Es geht also in Wahrheit um Chancengleichheit. Und sie wollen auch Amerikaner und Chinesen. Alles andere wäre wirklich zutiefst ungerecht. Und zudem ökonomisch töricht. Zwar ist die Frage, ob Ungleichheit das Wachstum eher fördert oder hemmt, so wohl zu allgemein gestellt. Noch vor zehn Jahren sangen die Volkswirte wie im Chor das Loblied vom Tellerwäscher, dem der Millionär vor Augen als Ansporn dient. Aber inzwischen tendieren IWF und OECD in die Gegenrichtung und warnen vor schädlichen Folgen einer größeren Kluft. Doch sieht man sich die Argumente an, geht es meist nicht um ungleiche Ergebnisse, sondern in Wahrheit um ungleiche Chancen: durch blockierten Zugang zur Bildung, Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, Privilegien und Vetternwirtschaft der Funktionseliten.

Die Besten an die Macht. Die Folge, in der unschönen Sprache der Ökonomen: Das Humankapital wird suboptimal allokiert. Oder volkstümlicher: Es sind nicht die Besten, die in der Wirtschaft das Sagen haben. Wozu das führt, hat sich früher etwa im extrem ungleichen Südamerika gezeigt, wo ein antriebsloser Landbesitzadel jeden Fortschritt gelähmt hat. Und es zeigt sich heute in einer digitalisierten Welt, mit dem distanzlosen Wettbewerb der besten Ideen. Wer da zurückbleibt, plant nicht die Weltrevolution. Aber er kultiviert ein rabiates Ressentiment. Wenn es politisch das Ruder übernimmt, kommt viel Übles auf uns zu. Nebenbei auch eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die Demagogen womöglich noch mehr Stimmen zutreibt – ein Teufelskreis. Wer also ums Eck denkt, landet wieder am Beginn. „Wachsende Ungleichheit“: In dieser Mogelpackung steckt tatsächlich eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2015)