Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Container, Moschee – und vielleicht ein Boot nach Westen

AKTUELLES ZEITGESCHEHEN Syrische Fl�chtlinge st�rmen Grenze zur T�rkei Syrian refugees wait at the S
Syrische Flüchtlinge/ Grenze zur Türkei(c) imago/UPI Photo (imago stock&people)
  • Drucken

Zwei Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei.Sie werden gastfreundlich aufgenommen, doch das wirtschaftliche Überleben ist schwierig.

Auf den ersten Blick wirkt die weitläufige Containersiedlung im türkischen Öncüpinar nicht besonders einladend. Die Sonne brennt vom Himmel, es ist staubig, und hin und wieder weht von der nahen Grenze zu Syrien das Geknatter von Schüssen und der Knall von Explosionen herüber. Und doch ist Öncüpinar ein Ort der Zuflucht. Rund 15.000 Menschen hat der türkische Staat hier untergebracht und sich dabei so viel Mühe gegeben, dass Weltstar und UN-Sonderbotschafterin Angelina Jolie bei einem Besuch sagte, ein so gut ausgestattetes Flüchtlingslager habe sie noch nie gesehen.

Tatsächlich verfügen die Flüchtlinge in Öncüpinar über Annehmlichkeiten, die auch in europäischen Aufnahmezentren nicht selbstverständlich sind. In den Containern sind Zweizimmerwohnungen mit Toilette und Bad eingerichtet, die an das Kanalisations- und Trinkwassernetz angeschlossen sind. Das Lager mit seinen Straßen aus Verbundpflastersteinen hat ein Schulgebäude, ein Krankenhaus mit 50 Betten, zwei Moscheen, drei Supermärkte, Bank und Post. Eine Art Lagerparlament kümmert sich um die Zusammenarbeit mit den Behörden.

Jeder Flüchtling in Öncüpinar erhält eine Geldkarte, mit der er für umgerechnet rund 30 Euro im Monat einkaufen kann. Viele Bewohner haben sich häuslich eingerichtet, so gut es eben geht: Sie haben Satellitenschüsseln auf das Dach ihres Containers gepflanzt oder einen Sonnenschutz aus Decken vor den Eingang gespannt, der bei Temperaturen von 40 Grad etwas Schatten spendet. Über vielen Containern weht die Fahne der syrischen Rebellen.

Mehr als 20 Lager für syrische Flüchtlinge hat die Türkei seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges im Nachbarland im Jahr 2011 gebaut. In der Nähe von Öncüpinar soll demnächst ein weiteres Lager mit einer Kapazität von 55.000 Menschen entstehen. Auf rund sechs Milliarden Dollar beziffert Ankara die Ausgaben für die Unterbringung und Versorgung der Syrer. Und doch beherbergen die Lager nur 280.000 der insgesamt zwei Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei. Der Rest lebt in Mietwohnungen, bei Verwandten oder auf der Straße. Besonders im Grenzgebiet, wo die türkisch-arabische Minderheit lebt, gibt es viele verwandtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Ländern – und viele Syrer, die sich bei ihren Angehörigen in der Türkei in Sicherheit bringen.


Flüchtlinge in Anatolien. Keine einzige Partei in der Türkei hat sich ein „Syrer raus“ auf die Fahnen geschrieben. Hier und dort verlangen türkische Nationalisten wegen der neu aufgeflammten Spannungen im Kurdengebiet, kurdische Zuwanderer sollten westtürkische Städte verlassen und nach Ostanatolien zurückkehren. Doch Rufe nach einer Massenabschiebung von Syrern sind nicht zu hören – bemerkenswert in einem Land, dessen Pro-Kopf-Einkommen mit rund 7800 Euro im Jahr weit unter dem EU-Durchschnitt liegt.

Das hat einerseits mit der türkischen Gastfreundschaft zu tun und andererseits mit der türkischen Geschichte. Als die moderne Türkei nach dem Ersten Weltkrieg entstand, war Anatolien das Ziel von Millionen Flüchtlingen aus Gebieten des untergegangenen Osmanenreiches auf dem Balkan, im Kaukasus und im Orient. Bei der Republiksgründung 1923 habe die türkische Bevölkerung zur Hälfte aus Flüchtlingen bestanden, sagt Nihat Ali Özcan vom Politinstitut Tepav in Ankara. Dies sind keine fernen Ereignisse – viele Türken wissen noch von den Großeltern, was es heißt, Flüchtling zu sein.

Was nicht bedeutet, dass alles ohne Spannungen abläuft. Insbesondere im Grenzgebiet gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen Türken und Syrern. Da die Flüchtlinge offiziell nicht arbeiten dürfen, verdingen sich viele von ihnen illegal, insbesondere im Baugewerbe und in der Landwirtschaft, und drücken so das Lohnniveau. Türkische Kleinunternehmer beschweren sich unterdessen, dass die Behörden von syrischen Existenzgründern keinerlei Steuern oder Genehmigungen verlangen, weil sie froh sind, dass sich die Flüchtlinge selbst versorgen. Der ungleiche Wettbewerb soll schon mehrere tausend türkische Händler in den Bankrott getrieben haben.

Gleichzeitig steigen vielerorts die Mieten, weil Syrer und Türken besonders bei preiswertem Wohnraum zu Konkurrenten werden. Sogar Makler in der Stadt Samsun am Schwarzen Meer, 700 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, meldeten kürzlich eine Verdopplung der Mieten, weil Syrer und Universitätsstudenten gleichzeitig billige Wohnungen suchen.


Angst vor Abschiebung. Die schwieriger werdenden Lebensumstände treiben immer mehr Syrer dazu, die Türkei Richtung Westen zu verlassen. Bei einigen macht auch das Gerücht die Runde, die Türkei werde bald mit der Abschiebung von Syrern in ihre Heimat beginnen. Ein türkischer Regierungsvertreter betonte zwar auf Anfrage, eine Rückkehr von Flüchtlingen in die Schutzzone, die in den kommenden Monaten in Nordsyrien geschaffen werden soll, werde nur freiwillig erfolgen. Grundsätzlich bleibe Ankara bei der „Politik der offenen Tür“. Doch solche Zusicherungen können verängstigte Flüchtlinge nicht aufhalten. In den vergangenen Wochen tauchten große Gruppen von Syrern in westtürkischen Hafenstädten wie Izmir oder Bodrum auf. Von dort aus ist es nur eine kurze Bootsfahrt zu einer der griechischen Inseln.

Die Überfahrt ist dennoch lebensgefährlich. Die Schlauch- und Kunststoffboote der Schlepper, die pro Passagier rund 1000Euro verlangen, sind überfüllt und seeuntüchtig. Die türkische Küstenwache hat allein von Mitte Juli bis Mitte August mehr als 18.000Flüchtlinge gerettet, die auf dem Weg nach Griechenland in der Ägäis in Seenot geraten waren. Insgesamt wurden in diesem Jahr schon mehr als 36.000 Menschen aus dem Wasser gerettet – fast dreimal so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Nicht allen kann geholfen werden: Vor Kurzem starben fünf Flüchtlinge, als ihr Boot bei Bodrum kenterte. Viele können nicht schwimmen.
Weste, Pfeifen und Handy. Schwimmwesten sind deshalb in türkischen Städten entlang der Ägäis-Küste in diesem Sommer der große Renner. Zu Preisen ab etwa zehn Euro das Stück sind sie für fast alle Flüchtlinge erschwinglich. Zur Grundausstattung gehören zudem Pfeifen, um im Notfall in der Dunkelheit im Wasser auf sich aufmerksam machen zu können, und wasserdichte Plastiktaschen für das Handy. Dieser Schutz ist kein Luxus, sondern kann Leben retten. In Seenot geratene Flüchtlinge nutzen WhatsApp, um der türkischen Küstenwache Signale zu senden.

In den vergangenen Wochen lagerten so viele Flüchtlinge auf Straßen, Plätzen, in Moscheevorhöfen und Parks an der Ägäis, dass die Behörden sie in Busse steckten und in Lager brachten. Dabei wissen auch die Türken, dass sich damit das Problem nicht grundsätzlich lösen lässt: Der Zustrom von Menschen in Richtung Ägäis hält an.

Neben Geldmangel und dem oft schwierigen Alltag in der Türkei spielt für die Syrer vor allem die Hoffnungslosigkeit eine große Rolle. Nach mehr als vier Jahren Krieg, über 200.000 Toten und landesweiten Verwüstungen glauben viele Flüchtlinge einfach nicht mehr daran, dass es sich zu ihren Lebzeiten noch einmal lohnen wird, in ihr Heimatland zurückzukehren. In dieser Situation locken die Schlepper die Menschen mit dem Versprechen, dass in der EU ein gutes Leben auf sie wartet.

Viele glauben an dieses Versprechen. So wie der Syrer Imed, der mit seiner vierköpfigen Familie kürzlich in Izmir angekommen ist. Die Summe für die Plätze im Schlauchboot muss er erst vor Ort als Frisör verdienen, wie er der Zeitung „Hürriyet“ sagt. In der Türkei bleiben wolle er nicht, auch, wenn er die Überfahrt erst noch finanzieren müsse: „Dann kommen wir von Griechenland aus vielleicht nach Europa.“

Wie kann das Schengen-System reformiert werden? Diskutieren Sie mit im Themenforum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2015)