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Asyl: Wer Todesangst hat, kommt trotzdem

Cesy Leonard
Cesy Leonard(c) Katharina Roßboth
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Demut vor dem Leben, Grenzen niederreißen: Das fordern die Berliner Aktionskünstler. Sie wollen die Entscheidungsträger "bei den Eiern packen".

Manchmal wird die Kunst auf tragischste Weise von der Realität überholt. Die 71 Flüchtlinge – Männer, Frauen und Kinder –, die diese Woche erstickt in einem Lastwagen im Burgenland gefunden wurden, sind so ein Fall. „Die Toten kommen jetzt tatsächlich zu uns“, sagt Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit. Unter dem Motto „Die Toten kommen“ hatten die Berliner Aktionskünstler vor anderthalb Monaten die Leichen einer Syrerin und eines Syrers, die auf der Flucht nach Europa ertrunken waren, in die deutsche Hauptstadt geholt. Um sie dort medienwirksam zu beerdigen.

Die Bestattungen und der letztlich verbotene Leichenzug vor das Kanzleramt waren die wohl umstrittenste Aktion der Künstler. Und das heißt einiges: Denn auch bei ihren früheren Unternehmungen waren sie nicht gerade zimperlich: Sie planten, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel auf Ebay zu versteigern, lobten 25.000 Euro Belohnung für jenen aus, der die Eigentümerfamilie eines deutschen Rüstungsunternehmens ins Gefängnis bringe, entwendeten (kurzfristig) Gedenkkreuze für Berliner Maueropfer und charterten Busse, um Zäune an den EU-Außengrenzen in Bulgarien abzubauen.

„Prioritäten völlig falsch gesetzt“

Das Elend der Flüchtlinge ist momentan zentrales Thema für das Zentrum für Politische Schönheit. Darum – „aber noch ein bisschen weiter gespannt“ – wird es auch gehen, wenn vier seiner Mitglieder heute Nachmittag die Politischen Gespräche eröffnen. Auch wenn Leonard nicht zu viel darüber verraten will, was sie aus dem Blankoscheck gemacht haben, den ihnen das Forum für die Intervention ausgestellt hat: „Wir werden die Entscheidungsträger dazu anhalten, Demut vor dem Leben zu haben“, sagt sie zur „Presse“. „Wir werden die Möglichkeit nutzen, um sie da bei den Eiern zu packen.“

Die Frage sei, welche moralische Verantwortung man – als Europäer oder überhaupt als Mensch – habe, sagt Leonard. „Kommen wir der in dem Maß nach, in dem wir ihr nachkommen müssten? Unsere Antwort ist: absolut nicht.“ Die europäische Staatengemeinschaft könne ganz anders auf humanitäre Katastrophen reagieren und Menschenleben retten. „Die Prioritäten sind einfach völlig falsch gesetzt“, sagt Leonard, die nach der Eröffnung mit Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta und dem UN-Botschafter der EU, Thomas Mayr-Harting, über Frieden und Sicherheit in instabilen Zeiten spricht.

Wenn die EU sich schon die Wahrung der Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben habe, müsse man sich fragen, warum diese Menschen fliehen. „Und selbst, wenn sie das nur aus wirtschaftlichen Gründen tun, sind das Menschen, die ihr Leben riskieren für eine bessere Zukunft.“ Leonard stellt Grenzen insgesamt in Frage. „Wir müssen überlegen, ob wir in Zukunft wirklich in einem Hochsicherheitstrakt leben wollen. Es kann nicht die Lösung sein, die Grenzen immer höher zu ziehen. Menschen, die Todesangst haben, werden trotzdem kommen – egal, wie hoch die Grenze ist.“

Aber ist aktionistische Kunst, wie Leonard und ihre Kollegen sie betreiben, beim omnipräsenten Flüchtlingsthema überhaupt nötig? Schadet der Ansatz vielleicht nicht sogar mehr, als er nützt – weil dann mehr über die Aktion gesprochen wird als über das Thema? Ja, sagt Cesy Leonard. Und nein. „Wir haben gerade durch die Mittel der Kunst eine ganz andere Möglichkeit, neue Räume zum Weiterdenken aufzumachen. Natürlich wird dann auch über die Mittel geredet, darüber, was man darf und was man nicht darf.“ Aber das sei ja oft auch ein Türöffner.

Welche Eskalationsstufe darf man sich bei der Eröffnung von den Künstlern erwarten, die sich dem „aggressiven Humanismus“ verschrieben haben? „Wenn mit Eskalation gemeint ist, dass die Polizei kommt, dann nicht sehr hoch“, sagt Leonard. „Wenn es so gemeint ist, dass es die Menschen bei ihrer Seele packt, dann sehr hoch.“