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Den Helfern geht das Geld aus

Panel POL
Panel POL(c) Katharina Roßboth
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Viele Krisen – wenig Geld. Unter diesen Bedingungen versorgen die Vereinten Nationen Millionen Menschen. Wie man das System verbessern kann.

Alarmstufe Rot in vier Ländern – so etwas hat es bei den Vereinten Nationen noch nie gegeben. „Level 3 Notfall“ heißt bei humanitären Krisen im UN-Sprech: schlimmer geht es nicht mehr. Und das ist mittlerweile in Syrien, im Irak, im Südsudan und dem Jemen der Fall. Vier Millionen Menschen sind allein aus Syrien geflohen, acht Millionen innerhalb des Landes vertrieben worden. Und diese „beispiellose Herausforderung“, wie der EU-Botschafter bei der UNO in New York, Thomas Mayr-Harting, es nannte, ist teuer. Doch gerade am Geld scheitert vieles. Wie können mehr Mittel aufgebracht und die Gelder besser genutzt werden? Darum ging es bei einer hochrangig besetzten Diskussionsrunde am Samstagabend im Alpbacher Congress Centrum.

Der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sprach von einer „massiven Lücke“ zwischen dem, was man leisten müsse und dem, was man leisten könne. Bei der Finanzierung stoßen die Hilfsorganisationen regelmäßig an ihre Grenzen. Die UNO schätzt, dass sie 25 Milliarden Dollar braucht, um angemessen auf die humanitären Krisen reagieren zu können – zehn Mal mehr als noch vor zehn Jahren. Doch in diesem Jahr hat sie lediglich ein Drittel der Gelder erhalten. Die Folgen können für die Hilfebedürftigen dramatisch sein. Beispiel Syrienkrise: Das Welternährungsprogramm (WFP) hat die Hilfe für die syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern im Sommer um mehr als die Hälfte reduzieren müssen. Der Grund: keine Mittel. Dabei geht es um die grundlegendsten Bedürfnisse: Essen, Wasser, einen Schlafplatz.

Die Auswirkungen sind mit der Flüchtlingskrise bereits in Europa angekommen. „Es ist wie ein sich langsam bewegender Tsunami“, sagte Kristalina Georgieva, Vizepräsidentin der EU-Kommission für Budget und frühere EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe. Krisen treten häufiger auf und dauern immer länger. Erst sind es die Nachbarländer, die die Folgen abfangen und selbst Gefahr laufen, destabilisiert zu werden. Von dort aus breiten sich die Ausläufer der Krisen weiter aus. „Ich bin überrascht, dass der Libanon noch hält, obwohl 30 Prozent der Bevölkerung neu dazugekommen sind“, sagte Georgieva mit Blick auf den Ansturm syrischer Flüchtlinge in dem Sechs-Millionen-Staat.

Georgieva plädierte dafür, das humanitäre System neu aufzustellen. „Das jetzige ist überholt.“ Es sei auf wenige und kurzfristige Krisen ausgerichtet. Deshalb wird das Budget auch auf jährlicher Basis festgelegt und speist sich großteils aus einem kleinen Kreis von Gebern. „Humanitäre Hilfe muss langfristiger angelegt werden“, forderte die EU-Kommissarin. Das bedeute auch, dass man den Kreis der Akteure und Geber erweitern müsse – also den Privatsektor mit einbeziehen, aber auch die Schwellenländer: „Mehr Wohlstand bedeutet auch mehr Verantwortung.“ Und nicht zuletzt müsse man sich klar machen, dass humanitäre Hilfe keine sonderbare Randaktivität sei, sondern dazu beitrage, die Welt stabiler zu machen.

Alles muss schnell gehen

Für ein langfristiges Denken plädierte auch die schwedische Außenministerin Margot Wallström, die über die Grundbedingungen räsonierte, die gegeben sein müssen, um mit Krisen solchen Ausmaßes fertig zu werden – auch mit den Flüchtlingen in Europa. Die meisten Probleme heute seien langfristige Herausforderungen – Beispiel Klimawandel oder Armutsbekämpfung. „Aber unser Gesellschaftssystem ist in eine andere Richtung orientiert: Alles muss schnell gehen. Wir haben keine Geduld.“ Langfristiges Denken in Lösungen sei gar nicht vorgesehen, werde aber gebraucht. Ein Hindernis ortet Wallström im „ausgeprägten Individualismus“ unserer Gesellschaft. Nötig sei aber ein gesellschaftlicher Zusammenhalt, um die Probleme gemeinsam zu lösen. „Es reicht nicht, etwas auf Facebook zu liken.“

EU-Kommissarin Georgieva sprach deshalb von einem Test für die Europäische Union, auch angesichts des Aufschwungs rechtsextremer Parteien mit ihren ausländerfeindlichen Parolen in mehreren Ländern. „Und das, obwohl wir ein alternder Kontinent sind!“

Auf die Demographie setzt auch Hadeel Ibrahim, Tochter des Unternehmers Mo Ibrahim und Executive Director der Mo Ibrahim Foundation, die gute Regierungsführung in Afrika fördert. „Wir werden es noch erleben, dass Migranten der rote Teppich ausgerollt wird“, sagte die 31-Jährige. Sie seien es, die die Sozialsysteme in Zukunft aufrecht erhalten würden. Für ihre Generation seien die humanitären Krisen auf der Welt aber nicht einfach nur eine Frage der Finanzierung. „Die Frage ist doch: In welcher Welt wollen wir leben?“