Sterne statt Neonbeleuchtung, Wiese statt innenhof, Vogelgezwitscher statt Motorenlärm: Drei Künstler über ihre Entscheidung, lieber auf dem Land zu leben und arbeiten.
Woher kommt das? Diese neue Sehnsucht der Kreativwirtschaftler, Jungarchitekten, Bobo-Familien oder Agenturgründer, sich in ein kleines Häuschen am Land zu verziehen, und der Stadt, die so lange Synonym für alles, was gut und hip war, den Rücken zu kehren. Lieber Quellwasser statt Caffè Latte im Museumsquartier, lieber Familienradtour statt Experimentalfilmkino und Gitanes ohne Filter? Die, die früher gern kritisch auf alle Rückständige geäugt haben, die Modernen und Urbanen, denen alles Provinzielle so verhasst war, träumen nun vom idyllischen Landleben. Während die, die wirklich am Land leben, lieber in die Stadt ziehen würden, weil es dort zumindest Jobs gibt.
Anders die Künstler – Moden und Trends sind ihnen egal, aber die Notwendigkeit, ein bisschen Abstand
vom städtischen Überangebot an Nachrichten, dem Getöse und Geblinke der Werbung, der Medien und der Meinungen zu gewinnen, um überhaupt noch irgendeinen „eigenständigen“ Gedanken formulieren zu können, ist nachvollziehbar. Die Motivation, lieber am Land zu arbeiten, kann ganz unterschiedlich sein: manche, wie der Tiroler Maler Herbert Hinteregger, sind emotional mit einem ganz bestimmten Ort verbunden und beziehen daraus Inspiration. Der Autor Xaver Bayer braucht in seinem Weinviertler Häuschen Abstand vom Stadtalltag, und Zeremonienmeister Sugar B bewohnt neben einem Schrebergartenhaus bald einen ganzen Bauernhof in Langenzersdorf – weil er Platz braucht für seine riesige Fantasie- und Krims-Krams-Sammlung. Gustavs apokalyptischer Schlager „Verlass die Stadt“ verleiht dieser neuen/alten Sehnsucht, abzuhauen, Ausdruck: „Bevor die Glut in dir erlischt, verlass die Stadt, die keine ist.“
Sugar B: Penzing und Langenzersdorf
„Play – record – play – record – eins – zwei – Chinese Microphone Test. Ja, geht!“ Ein harmloses Aufnahmegerät vor Martin Forster alias Sugar B hinzulegen ist, als würde man einem Junkie seine Lieblingsdroge vorsetzen. Der Zeremonienmeister, der seit 18 Jahren die FM4-Sendung „Silly Solid Swound System“ moderiert, ist der Inbegriff des Spontan-Entertainers: Allzeit bereit loszulegen, egal, wo er sich gerade befindet. Die Szenegröße mit dem Spitzbart ist nicht nur der ungekrönte König der Plattenteller und positiven Vibes, sondern auch verlässlicher Garant für Freundlichkeit und gute Laune – gar kein typischer Wiener, könnte man meinen. „Ich bin nicht nur ein echter Ottakringer, ich bin der Kaiser von Ottakring!“, entgegnet Sugar B, „das ist ein kleiner Unterschied.“ Der Wilhelminenberg war seine Heimat als Kind und sein Rodelberg, weshalb er sich immer auch zum Westen hingezogen fühlte. „Ich hab immer gesagt: West of Vienna ist the best of Vienna.“
Nachdem er für einige Jahre ein altes Samenlager im dritten Bezirk bewohnte und ihn vor allem die ewige Parkplatzsucherei um vier in der Früh genervt hat, war klar, dass er wieder raus aus der Stadt wollte. Ein Schrebergartenhäuschen in Penzing wurde gekauft, das Sugar B dann zehn Jahre lang bewohnte, später auch mit Familie. Das Problem waren aber nicht die drei Menschen, sondern Sugar Bs Sammelleidenschaft. Er ist so etwas wie ein „Fantasie-Messie“. „Ich sammle, was die Leute nicht mehr brauchen, Kurioses oder Lustvolles. Ich habe alles, was du dir vorstellen kannst, für den Notfall und für Spezialfälle. Verwenden tu ich die Sachen auch – allerdings vielleicht erst in 15 Jahren.“
Irgendwann spielte seine Frau da nicht mehr mit, weshalb im Herbst der Umzug in einen großen Bauernhof in Langenzersdorf ansteht. Alte Domizile wie der Schrebergarten werden als Lager weitergeführt. „Mein Lager in der Postgasse ist wie ein Tiroler Bergtal, da geht es links und rechts im Chaos rauf und in der Mitte führt ein ganz kleiner geschlungener Weg durch. Es gibt immer wieder Lawinen und Murenabgänge. Der Kleine hat Verbot, da reinzugehen – da hat eigentlich jeder Verbot außer mir selbst. Könnte ja was wegkommen.“ Sugar B schätzt neben dem vielen Platz auch die Ruhe am Land: „Ich beschäftige mich sehr gern mit Musik, aber ich brauch nicht dauernd Musik um mich. Es ist wie Kuchen essen, wenn man die ganze Zeit nur Kuchen isst, dann schmeckt er einem einfach nicht mehr.“
Herbert Hinteregger: Kirchberg
Langsam tropft es aus den Minen. Herbert Hinteregger sitzt in seinem Roland-Rainer-Sessel und schaut in den Garten. Das Atelier ist sauber und aufgeräumt, alles sorgfältig geordnet, kein Fleck am Boden, nur ein paar entkernte Plastikkugelschreiber liegen da. Im Grunde ein banales und hässliches Schreibgerät, aber es enthält Hintereggers bevorzugtes und einziges Malmittel: Kugelschreibertinte. Jeder, der schon einmal aus Versehen eine Mine zerstört und die Farbe auf die Finger bekommen hat, weiß, wie hartnäckig dieses Gemisch klebt und patzt. Als Malfarbe entfaltet sie aber einen Glanz und eine Lebendigkeit, die ihre künstliche Materialbeschaffenheit sofort vergessen lässt. Der Glanz bleibt auch nach der Trocknungsphase erhalten und verleiht den Bildern Sinnlichkeit und Unergründlichkeit.
Für die Farbgewinnung presst der Maler jede einzelne Kugelschreibermine aus bzw. er hängt sie auf, damit das winzige Tröpfchen Farbe herausrinnt, das fast sofort eintrocknet. Für ein ein mal ein Meter großes Bild benötigt er 700 Kugelschreiber. „Das ist ein kontemplativer und in seiner mühsamen Langsamkeit gleichzeitig quälender Prozess, der setzt aber dann im Idealfall weitere Gedanken in Gang, was am Bild passieren soll“, so Hinteregger.
Begonnen hat alles mit dem See. Der Schwarzsee in Kitzbühel liegt so idyllisch vom Kaisergebirge eingerahmt, dass ihn eigentlich seit Alfons Walde niemand mehr malen kann. Es sei denn, er findet einen neuen Weg. Hinteregger über seinen Lieblingsort: „Ich habe immer schon sehr viel Zeit dort verbracht. Als ich 1994 mit kleinen monochromen Bildern angefangen habe, war einer der zwei ursprünglichen Beweggründe, dass ich ein Stück von dieser manchmal spiegelnden, manchmal für Blicke durchlässigen und wie ein schwarzes Loch wirkenden Seefläche herausschneiden und an die Wand bringen wollte. Die Kugelschreiberfarbe hat das am besten transportiert.“ Neben den Bildern sind damals auch über 3000 Schnappschüsse entstanden: Aufnahmen vom See, Wiesenoberflächen, abstrahierte Strukturen und Formen. Sich Oberflächen ganz genau anzuschauen und mit Geduld und Sorgfalt das Koordinatensystem der Natur und der vielen äußeren und der eigenen inneren Landkarten zu studieren – das ist ein roter Faden in Hintereggers Arbeit. In seinem Kirchberger Atelier kann er für einige Monate im Jahr diesen starken emotionalen Bezug zum Ort und zur eigenen Verwurzelung herstellen.
Xaver Bayer: Weinviertel
Eines ist ihm ganz wichtig bei dem Thema: In die Naturromantikfalle möchte er nicht tappen. Dabei ist Xaver Bayer sehr romantisch, denn wer die Welt in so vielen feinen Dimensionen wahrnimmt, ist geadelt und gestraft zugleich. Seine Romane kreisen um die Verstrickungen und Erscheinungen des Alltags seiner Generation. Das heißt, seine Arbeit, das Beobachten, hört eigentlich nie auf. „Ich bin da in gewisser Weise vielleicht übersensibel. Ich muss meine Eindrücke eher dämpfen, habe keinen Filter“, sagt der Autor. Diese Art von Ruhe und Wahrnehmungspause ermöglicht ihm ein kleines Häuschen im Weinviertel, in dem er die Hälfte des Jahres verbringt. Es ist nur eine Dreiviertelstunde von Wien entfernt, so kann er auch schnell wieder den Rückzug antreten, wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt, die Einsamkeit zu groß wird. Als „Asphaltliterat“, wie er sich selbst bezeichnet, inspiriert ihn vor allem der Wechsel, denn er braucht auch den Trubel der Stadt und die Themen der Straße.
Ein typischer Tag im Weinviertel? „Heute bin ich um 5.30 Uhr aufgestanden, weil mich die Vögel einfach geweckt haben, und dann geh ich halt raus, ich arbeite sehr gern am Morgen. Das ist am Land viel einfacher, man hat nicht dieses Angebot. Und nach einer Zeit kommt man drauf, dass man das eigentlich gar nicht so braucht. Dann lese ich eine halbe Stunde, meistens Gedichte, im Idealfall schreib ich dann bis Mittag. Dann esse ich irgendwas, und dann geh ich spazieren oder fahr mit dem Rad. Am Nachmittag lese ich, meis-tens liege ich um zehn im Bett.“ Das Zurückziehen aufs Land läge im Moment in der Luft, so Xaver Bayer. Nicht nur, weil die Krise die Menschen vorsichtiger machen würde, auch weil wie schon bei den vorangegangen Zurück-zur-Natur-Bewegungen der zunehmende Leistungsdruck die Leute aus der Stadt flüchten ließe: „Ich komm mir auch manchmal komisch vor, wenn ich so im Garten sitze und Unkraut auszupfe, aber in Wirklichkeit ist das eine ganz nette Arbeit und man fühlt sich nachher besser. Das Schreiben fällt mir leichter.“ In seiner Arbeit und in seinem Leben geht es Bayer auch darum, der „Entzauberung der Welt“, dieser Sucht, alles wissen zu wollen, auf statthafte Weise entgegenzuwirken: „Wie kann man den Menschen vermitteln, es braucht keine Religion, es braucht keine großen Utopien – das einzige Wunder, das existiert, ist die Welt. Das ist das Wunder, und dem sollte man mit einer gewissen Art von Demut begegnen.“