Azoren: Walheimat

Dolphin
(c) Amanshauser

Warum die Azoren nicht Busarden heißen, was der Pottwal im Kopf trägt und warum der azorische Anfeuerungsruf „Calma!“ heißt.

Besucher der Azoreninsel Faial kommen nicht an Peter vorbei. „Peter Café Sport“, so heißt der zentrale Treffpunkt am Hafen von Horta. Matrosen, Walbeobachtungstouristen, Jachtmenschen und Einheimische nehmen hier den berühmtesten Gin Tonic des Atlantiks zu sich. Besitzer José Azevedo hat die Geschichte der Bar, die er von seinem Vater übernommen hat, hunderte Male erzählt: Während des Zweiten Weltkriegs lag die HMS Lusitania II als Kommunikationsbasis der Royal Navy im Hafen. Von einem Offizier dieses Schiffs wurde Azevedos Vater damals, weil er ihn an einen seiner Söhne in Großbritannien erinnerte, hartnäckig „Peter“ genannt.

Der Name blieb haften. Der Wal wurde zum Emblem, inzwischen hat ein kleines Museum für Walerinnerungsstücke im Café eröffnet. „Peter Café Sport“, in Vor-Internetzeiten ein Zentrum für Wetterinfos, Poste Restante und Geldwechselaktivitäten, blieb der Brennpunkt. Neben dem Gin Tonic steht auch heute die Kommunikation im Vordergrund. Seit die Zeitschrift Newsweek „Peter Café Sport“ zu einer der besten Bars der Welt ernannte, kam die internationale Berühmtheit. Das hohe Jachtaufkommen – an die 1500 Boote besuchen jährlich Horta – sorgt ganz automatisch für jene faszinierend gemischte Kundschaft, die Insellokale seit jeher prägt.

Zwanzig Schritte unterhalb von „Peter Café Sport“ erstreckt sich der Jachthafen mit seinen bunten
Gemälden, die sich von der Hafenmauer auf den
Asphalt fortpflanzen. Die Azorianer brachten einst das Gerücht auf, es würde den Seglern Unglück bringen, wenn sie sich nicht mit einem Emblem verewigten. Heute ist jeder Fleck bemalt. Hinter der Hafenmauer, scheinbar nur einen Katzensprung, in Wahrheit jedoch dreißig Minuten mit der Fähre entfernt, thront der mit 2351 Metern höchste Berg Portugals: der Gipfel Pico auf der anderen Seite der Meeresstraße, Namensgeber der Nachbarinsel.

1427 wurde Faial von Diogo de Silves entdeckt und bald von Portugiesen und lusitanisierten Flamen – heute liegt noch oberhalb von Horta eine Gemeinde namens Flamengos – besiedelt. Silves, in königlichem Auftrag als nationaler Entdecker unterwegs, nannte die Inselgruppe Ilhas do Açores, also Inseln der Habichte. Hätte er bessere ornithologische Kenntnisse gehabt, würden wir die Azoren heute „Busarden“ nennen, oder zumindest Ilhas dos Busardos, denn die Vögel, die er sah, waren Bussarde. Unabhängigkeit wäre purer Luxus gewesen, die neun Inseln auf halbem Weg zwischen Europa und Amerika blieben, wie Madeira, über die Jahrhunderte in portugiesischem Besitz – und sind heute ein sehr weit von Brüssel entfernter Außen­posten der EU.

Die heute periphere Lage war einst die große Stärke der Azoren, im 19. Jahrhundert erlangte Faial weltweite Relevanz – das erste der transatlantischen Unterseekabel wurde zwischen Faial und Lissabon verlegt. Später machten die ersten Transatlantikflüge hier Zwischenstopp, im Hafenbecken von Horta kam es zu spektakulären Landungen der Wasserflugzeuge.

Das Glück der Azoren. Faial heißt die „blaue Insel“, wegen der Hortensien, die im Juli und August blühen. Das Natur- und Trekkingparadies bietet frischgrüne Täler, neblige Hochebenen und schwarze Strände wie den wilden von Fajã. Dort donnern die dunklen Wellen gegen Steinblöcke, Wassertemperatur im Mai: kühle 17 Grad. Die Insel, bequem in zwei bis drei Stunden zu umrunden, hat eine Vulkantopf-Caldeira, einsame Spazierwege, und den 1043 Meter hohen Gipfel Cabeço Gordo, vom Namen her der Dickschädel unter den Bergen. Das Glück der Azoren, insbesonders von Faial, ist, dass nur wenige Strände touristisch relevant sind. Faial blieb bei einem Wander- und Luxustourismus ohne Massencharakter. Schwarzer Sand ist wunderschön, aber er lässt sich schlecht promoten. Ein bisschen langweilig? Mag sein, aber das gleichen der Charme der Abgeschiedenheit aus und das Hoch, das unwiderruflich über den Azoren liegt.

Horta ist die einzige Stadt auf Faial, 6500 Einwohner. Steile Straßen am Bergabhang, kaum Verkehr. Darüber hinaus ist Horta höchstens noch bekannt für seine Handballmannschaft in der ersten portugiesischen Liga. Fußball wird hingegen nur unterklassig gespielt: zu wenig Flächen. Über die sportlichen Ambitionen der Inselportugiesen macht sich das Festlandvolk gelegentlich lustig. „Calma! Calma!“ sei der Anfeuerungsruf von Fußballfans auf den Azoren, sobald die eigene Mannschaft in Ball­besitz ist. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Witz – es stimmt tatsächlich!

Die „Bar do Teatro“, andere nennen sie auch „Café do Teatro“, ist der urbane Treffpunkt. Ein Hauch Berlin weht durch einen alten Kinovorsaal mit seiner Fünfzigerjahre-Bar und dem schwarz-weißen Boden. Nicht weit davon legt José Manuel, Chef des Restaurants „A Árvore“, also „Der Baum“, in seinen täglichen Buffets Wert auf eine Küche ohne Importgewürze. „Ich verwende das, was hier wächst, das finde ich am logischsten.“ Petersilie lässt er gerade noch gelten, wie auch Lorbeer. Seine Pasteis de Bacalhau sind die besten der Insel, ebenso wie die traditionelle Molha de Carne de Porco à Moda de Faial, Schweinefleisch in Kartoffelsauce. Hervorragende Küche gibt es auch im „O Lima“, sehr stark an Lissabon orientiert, oder im „Kabem todos“, einem gemütlichen Minirestaurant mit regionalem Schwerpunkt, in dem, wie der Name sagt, alle Platz finden. Berühmt ist die Linguiça von Faial, eine scharfe Schweinswurst mit Knoblauch, Zwiebel und Papirka, oder der frische Meeresfisch Peixão.

Im September 1957 begann das Meer an Faials Nordküste, bei Capelinhos, zu kochen. Zunächst bildete sich eine 600 Meter hohe Wand aus Aschenwolken, die sich während der Eruption aufblähte und in den folgenden Monaten Inseln schuf, die wieder versanken. Im März 1958, als die Aktivität nachließ, waren durch Erdstöße und Lava sämtliche Häuser im Westen von Faial zerstört – dazugekommen war eine neue, zwei Quadratkilometer große Landmasse. Ringsherum breitete sich eine Mondlandschaft aus, auf der Pflanzen nur langsam Fuß fassen. Fünfzig Jahre danach hat die Erosion einige der zerstörten Häuser wieder freigelegt. Der Leuchtturm von Capelinhos, bis über die Knie versunken, ragt in Küstennähe aus dem Sand. Legenden zufolge sind die Azoren die Reste des versunkenen Kontinents Atlantis – gesichert ist, dass die Inselgruppe Bergspitzen einer sehr tief liegenden Scholle darstellt. So bieten die Azoren ideale Bedingungen für Whale-Watching-Trips, denn Pottwale bevorzugen tiefe Terrains, sie tauchen bis zu 3000 Meter tief: 45 Minuten Nahrungssuche, acht Minuten entspannen sie sich an der Oberfläche. Zusätzlicher Bonus für Whale Watcher: In Faial wird vom Land aus Ausschau gehalten, via „vigias“ („lookouts“), wodurch die Veranstalter Walgarantien abgeben können.

Pottwale abhören. Lisa Steiner führt ihre Pension „Casa do Lado“ nur so nebenbei. Im Hauptberuf ist die Amerikanerin eine der weltweit führenden Walforscherinnen. Spezialgebiet: die Identifizierung von Pottwalen, die sie anhand der Unterschiede an der Schwanzflosse individualisiert – ein „Photo ID“-Projekt für die größten Meeressäuger. Die Walfänger in Norwegen und Japan tendieren dazu, die Größe der Walpopulationen zu übertreiben („eine Million Pottwale in den Weltmeeren“), um Abschussgenehmigungen zu erhalten. Lisa, die die Zahl auf höchstens ein Drittel schätzt, liefert die Untermauerung für seriöse Gegenzahlen. Ihre Forschung finanziert sie durch Whale-Watching-Touren: „Wir brauchen nicht tausende Gäste im Jahr, hundert genügen uns.“ Pottwale sind nicht scheu, doch man muss Glück haben, ihren Weg zu kreuzen. Bei ­ihren Ausfahrten sind Lisa und ihr Partner allerdings nicht unbedingt auf die Küstenwache angewiesen. Unterwassermikrofone übertragen die Klicklaute in die Kopfhörer des Steuermanns, sobald Pottwale näher als sieben Meilen kommen.

Die rätselhaften Großsäuger, die heute als extrem schützenswert gelten, stellten einst das wirtschaftliche Kapital von Faial dar. Zu Moby-Dick-Zeiten war der Kampf Mensch gegen Wal noch ein Heldenepos. Die Technik machte daraus einen ungleichen Kampf. Im 20. Jahrhundert zog man in Horta an produktiven Tagen zwanzig Pottwale an den Strand – besonders beliebt wegen des „Walrats“, der tonnenschweren spermaähnlichen Flüssigkeit im Kopf des Pottwals, wegen der er im Englischen heute noch „sperm whale“ heißt. Einst war der Walrat rätselhaft, heute weiß man, dass er den Tieren beim Abtauchen hilft – indem der Pottwal durch Kühlung dieser Flüssigkeit sein spezifisches Gewicht verringert. Zum Auftauchen erhöht er die Blutzufuhr, der Walrat dehnt sich aus und wird wachsartig.

Aus dem Walrat produzierte man Öl für Kerzen und Dünger für die Felder. Die letzte offizielle Walschlachtung fand 1985 statt, die azorianische Regionalregierung gab sich noch 1987 selbst die Erlaubnis zur Schlachtung ­einiger Individuen, doch das war auch schon das end­gültige Ende der Epoche der Waljäger.

Heute sprechen wenige darüber. Aber Emanuel, einer der Stammgäste von „Peter Café Sport“, kann sich durchaus an die alten Zeiten erinnern: „An manchen Tagen holten sie zwanzig Wale aus dem Meer. Direkt am Strand stand die Fabrik für Walfleisch. Und dort, wo das Blut wieder zurückrann, stritten sich die Haifische um die Reste. Baden war dann lebensgefährlich. Als Kind war ich jeden Tag dort und sah zu, wie sie die riesigen Tierkörper in Würfel schnitten. Und der unglaubliche Gestank!“