InDignity: Ein Tanz um Würde

Was bedeutet Menschenwürde? Das österreichisch-syrische Duo Gloria Benedikt und Hussein Khaddour spürt dem großen Begriff – und dem, was er in alten Schriften und auf den Straßen Syriens heißt – in einer Tanz-Performance nach.

Es ist ein Tanz, in dem Welten aufeinander treffen. Wien und Damaskus, Ballett und Breakdance. Die Welten der Österreicherin Gloria Benedikt und des Syrers Hussein Khaddour. Die beiden Tänzer sind einander 2013 zum ersten Mal begegnet und haben begonnen, gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Heute, Dienstag, zeigen sie in Alpbach erstmals ihre Performance „InDignity“. Es ist, sagt Gloria Benedikt, die erste derartige österreichisch-syrische Tanzperformance.

Und es ist mehr als das, die beiden haben dieser eine quasi wissenschaftliche Arbeit zu Grunde gelegt. In langen Diskussionen, nach Literaturstudium und Befragungen von Menschen in Syrien zu ihrem Begriff von „Menschenwürde“ ist ein ausführliches Konzept, gleich einer wissenschaftlichen Thesis entstanden. Und das, vor allem via Skype, zwischen den Kriegswirren in Damaskus und Wien.

Würde als gefährlicher Begriff

Im Stück geht es um Würde, „InDignity“ ist eine Art „choreografiertes akademisches Paper“. Ein Tanz, hinter dem akribische Recherche steckt. Khaddour – er hat mit traditionellem Tanz, dann als Breakdancer in den Straßen von Homs begonnen und ist so zu klassischem und zeitgenössischem Tanz gekommen – hat in Damaskus mit Syrern über Würde gesprochen.

Eine gefährliche Angelegenheit, wie er erzählt, war Menschenwürde doch eines der Schlagworte am Beginn der Revolution. Davon zu sprechen oder Fremde danach zu fragen, kann in Syrien als subversiver Akt gesehen werden und so gefährlich werden. Die Geschichten, die ihm erzählt wurden, sind teilweise, in Auszügen und verfremdet, Bestandteil der Performance. „Würde ist derzeit ein riesiges Thema. Erst, als ich begonnen habe, mich intensiv damit zu befassen, ist mir aufgefallen, dass seit zwei, drei Jahren viel dazu publiziert wird“, sagt Benedikt.

Kant auf den Straßen Syriens

Zu einem scheinbar altmodischen Begriff, der für die beiden Tänzer irgendwie auf der Hand lag. „Es war Instinkt, uns damit zu befassen. Menschenwürde ist einer der elementarsten Begriffe, über die man reden kann“, sagt Benedikt.

Die gebürtige Grazerin, ausgebildet an der Wiener Staatsoper und international als Tänzerin und Choreografin tätig, hat den theoretischen Background, Philosophen und ihre Definitionen von Würde studiert. „Das Spannende ist, Menschen von den Straßen aus Damaskus kommen, auch wenn sie Kant nie gelesen haben, zu genau denselben Aussagen, wie sie in dessen Werken stehen“, sagt Benedikt.

Sätze, direkt aus Damaskus

Etwa der Satz einer Syrerin, die mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet wurde, von diesem misshandelt wurde und sich schließlich getrennt hat. Sie sagte: „Würde kann einem zwar genommen werden, aber sie kann auch wiederhergestellt werden.“ Unter anderem die Geschichte dieser Frau und diese Aussage als Projektion sind nun Bestandteil der Performance. „Die Geschichten waren die Inspiration, sie wurden abstrahiert, um die Menschen nicht als Opfer darzustellen. Und, um so für eine ganze Generation zu sprechen, eine Vision für eine Verbesserung aufzuzeigen“, sagt Hussein Khaddour.

Würde sei ein zentraler Begriff in Syrien. Es gehe um die persönliche Würde der Einzelnen, aber auch um den politischen Begriff. Im Zusammenhang mit den Konflikten um den Golan sei in Syrien schon lange die Rede davon, für die Würde des Landes zu kämpfen, erzählt Khaddour. Und um den Missbrauch des Begriffs. „Auch ausländische Kämpfer, die sich dem IS anschließen, sprechen von einer Würde des syrischen Volkes, die sie verteidigen würden. Sie rauben und missbrauchen den Begriff.“

Geraubtes, missbrauchtes Wort

„Es ist aber kein Stück nur über Syrien, es ist uns darum gegangen, aus der Perspektive unserer sehr unterschiedlichen Leben auf den Begriff und die Bedeutung von Menschenwürde zu schauen. Es ist ein universelles Stück“, sagt Benedikt. Und spannend zu sehen sei, dass die Konzepte, egal aus welcher Perspektive, sehr ähnlich sind.So ausführlich theoretisch zu arbeiten, ist ungewöhnlich in der Tanzwelt. Genauso wie eine Kooperation zwischen Tänzern mit so unterschiedlichem Hintergrund, sie aus dem Ballett, er aus dem Breakdance und zeitgenössischem Tanz. „Zuerst war es, als kämen wir von zwei Planeten. Aber mittlerweile habe wir eine Sprache gefunden“, sagt sie.

Immerhin haben die beiden nun, teilweise gemeinsam, teilweise via Skype und E-Mail, mehr als ein halbes Jahr an dem Stück gearbeitet. Und planen nun, nach der Premiere in Alpbach, mit der Performance zu touren, auch international, bei Symposien wie in Alpbach, wo die Tanz-Performance als „Lecture“ geführt wird und im Erwin-Schrödinger-Saal am Vormittag stattfindet – ein ungewöhnliches Setting für die beiden Tänzer. Aber ungewöhnliche Arbeitsweisen sind die beiden mittlerweile gewöhnt.

Improvisiertes Arbeiten gehört für Khaddour ohnehin zum Alltag: Er lebt nach wie vor in Damaskus und plant, nach den Auftritten in Europa auch dorthin zurückzukehren. „Von Europa aus gesehen wirkt das Leben dort sehr gefährlich. Aber es hat sich doch eine Art Normalität entwickelt. Man lernt, sich selbst zu schützen. Ein Lebensgefühl, in dem man sagt, ich kann von einer Bombe getötet werden, aber das Leben geht weiter.“

Kunst, um durchzuhalten

Schwierig machten das Leben, neben dem Krieg, auch Probleme, wie zuletzt eine Hitzewelle, oder fehlende Versorgung mit Wasser und Strom. Nichts desto trotz, gehe auch in Damaskus das kulturelle Leben weiter. „Die Theater sind voll, es tut sich viel“, sagt Khaddour. Gerade im Krieg brauche man Pausen von dem Horror, findet die vielleicht in der Kunst.

„Die Menschen in Syrien brauchen nicht nur Nahrung und Unterkünfte. Sie brauchen auch Nahrung für die Seele, um durchzuhalten“, sagt Khaddour. „Wir brauchen ein Umdenken, wenn es um humanitäre Hilfe geht. Um das Trauma der Gewalt, gerade eines so lange andauernden Konflikts zu ertragen, braucht man auch Inspiration, etwas, das Hoffnung spendet und die Stärke gibt, an eine gute Zukunft zu glauben“, sagt Benedikt.