Nach dem tiefen Fall in die Rezession beginnen sich die Ukrainer an ihr verändertes Leben zu gewöhnen. Ökonomen warnen jedoch trotz erster Anzeichen einer Entspannung vor einem zweiten Schock.
Kiew. Seit zwei Jahren weiß Oksana, dass sie ein Mensch mit erhöhtem Risiko ist. Nicht weil sie leidenschaftlich raucht und reichlich Espressos konsumiert, anstatt regelmäßig zu essen. Oksanas Risiko ist anders definiert. Zum einen ist sie mittlerweile 37, womit ihr Wert auch am Kiewer Arbeitsmarkt im Verfall ist. Zum anderen hat sie einen elfjährigen Sohn, der versorgt sein will. Drittens hat sie keinen Mann, weil ihrer vor sieben Jahren gestorben ist. Ihre Verwandten leben nicht in Reichweite. Dass sie als Werbetexterin mit 2000 Dollar den doppelten ukrainischen Durchschnittslohn verdiente, reichte nicht als Argument.
„Am Schluss“, ereifert sich die zierliche Ukrainerin heute noch, „war ich so entnervt, dass ich ihnen sogar den Kassenbon für das Katzenfutter als Dokument vorgelegt habe. Schließlich habe ich gezahlt.“ 21.000 Dollar schob Oksana den Bankbeamten zu, damit diese den Wohnungskredit rausrückten. „Der Glaube an die Zukunft war groß“, sagt Oksana: „Wer wollte, bekam einen Kredit. Notfalls mit Bestechung.“
Heute weiß Oksana zwar besser als je zuvor über ihr Risiko Bescheid. Dafür weiß sie nicht, wen sie mehr verfluchen sollte. Die Bankbeamten? Das Schicksal? Sich selbst? Oder doch niemanden? „Ja, ich möchte meine 42 Quadratmeter nicht missen“, sagt sie. „Aber ich habe 165.000 Dollar vor eineinhalb Jahren für sie ausgelegt. Und jetzt sind sie 70.000 wert. Ist die Wirtschaft verrückt?“
„Der Markt war heillos überhitzt“
Die Wirtschaft ist ihrer Natur nach wechselhaft. In Transformationsstaaten aber neigt sie zur manischen Depression. So geschehen in der Ukraine. In kaum einem anderen Land schoss das Wachstum im Verein mit Immobilienpreisen und Reallöhnen in den letzten Jahren so schnell nach oben. Und kaum ein Land wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise mehr erschüttert. „Unser Markt war heillos überhitzt“, sagt Vladimir Dubrovskiy, Wirtschaftsforscher bei „CASE Ukraine“: „Die Finanzkrise war der Zündstoff für die Katastrophe.“
Das Wirtschaftswachstum von jahrelang knapp sieben Prozent brach noch im Vorjahr auf 2,1 Prozent ein und wird heuer in eine Rezession von zehn bis elf Prozent ausarten. Die Währung Hrywnja wertete um 60 Prozent ab. Der Preis für Stahl, von dem der Export zu 40 Prozent abhängt, brach genauso massiv ein wie die Produktion. Ohne Verbraucherkredite weniger Nachfrage. Infolge der Kreditklemme weniger Produktion. Obwohl an der Arbeitslosenstatistik mächtig manipuliert wird, befürchtet man heuer offiziell drei Millionen Arbeitslose. Den Banken fehlt Liquidität, vielen Kreditnehmern das Geld zur Bedienung der Schulden. Zur Abwendung einer Staatspleite beschloss der Internationale Währungsfonds (IWF) einen Kredit von 16,4 Mrd. Dollar.
„Wir gewöhnen uns daran“
„Wir alle waren im Schock, wie gelähmt“, sagt Oksana, die nach ersten Gefechten ihren Job letztlich retten konnte: „Am Anfang konnten wir gar nicht glauben, was passierte. Und jetzt beginnen wir, uns daran zu gewöhnen.“ Die neue Situation zeigt sich auch daran, dass die Baukräne, die noch im Sommer den Scherenschnitt der Hauptstadt Kiew pausenlos veränderten, seit Winter erstarrt sind. Verkehrsinfarkte sind rar geworden. In den Geschäften drängen Verkäufer der selteneren Kundschaft verbilligte Waren auf.
Die Gewöhnung, die Oksana meint, bedeutet auch, dass sich das Leben auf niedrigerem Niveau wieder seinen Weg bahnt. „Alle versuchen dazuzuverdienen“, sagt Oksana, die ihre Abende und Wochenenden nun dem Korrekturlesen widmet, um die Kreditraten zu bedienen. „Die Honorare sinken. Aber habe ich eine Wahl?“, fragt sie. „Wir müssen uns an die neuen Gegebenheiten anpassen.“
Wie diese aussehen und wie es um das Land bestellt ist, war in letzter Zeit alles andere als klar. Dass die Ukraine einer der größten Leidtragenden der Krise ist, bezweifelt niemand. Als aber die Ratingagentur Standard & Poor's das Länderrating im Februar auf eine Stufe mit Pakistan herabgesetzt hat, quittierte der Aufsichtsratsvorsitzende der Nationalbank Petro Poroschenko dies gegenüber der „Presse“ mit dem Attribut „gelinde gesagt eigenartig“, da der ukrainische Staat gänzlich andere Währungsreserven und ein lächerliches Ausmaß an Auslandsschulden habe. Vor wenigen Tagen hatte selbst der IWF zugegeben, dass er das Verhältnis der ukrainischen Auslandsschulden zu den Währungsreserven zu hoch angesetzt hatte. Statt bei 208 Prozent liegt es nun bei nur 116 Prozent, wenig höher als in Tschechien. „Die Situation ist sehr unbestimmt, zumal die chaotische Regierung die makroökonomischen Daten nur mehr alle drei Monate rausgibt“, sagt Dubrovskiy, der die mediale Panik über die Ukraine in den letzten Monaten für „etwas hysterisch“ hält: „Ja, die Unternehmensschulden im Ausland sind hoch, und ein Teil der Firmen wird pleitegehen. Aber das bedeutet nicht gleich eine Staatskatastrophe. Einige Sektoren werden auch sterben müssen, weil sie wie etwa die Autoindustrie ohnehin nur künstlich mit hohen Importzöllen am Leben erhalten wurden.“ Mit aller Vorsicht verweist Dubrovskiy darauf, dass sich die Währung gefangen hat. Auch im realen Sektor gebe es Anzeichen von Stabilisierung. Der Export sei langsamer gefallen als der Import. Die Stahlproduktion, die zwischendurch auf unter 60 Prozent Auslastung abgesackt war, sei wieder bis zu 90 Prozent gestiegen.
Erster Schock ist überstanden
Die Suche nach einem differenzierten Bild führt uns in den Osten des Landes. Hier im Donbass, einen Steinwurf von Russland entfernt, ragen Fördertürme als Wahrzeichen über eine hügelige Landschaft. Hier, wo die Industrie für eine hohe Bevölkerungsdichte sorgt, findet ein großer Teil des Lebens unter der Erde statt. „Na wie schon“, quittiert Anatolij lächelnd die Frage nach der Gesundheit: „Jeder, der länger im Kohleschacht arbeitet, hat seine Leiden. Aber wir alle leben von ihm.“
Alle, das sind mehr als 5000 Kumpel, die im „Komsomolez Donbassa“, dem zweitgrößten und privaten Schacht der Ukraine, arbeiten. Knapp 600 Euro erhält Anatolij, mit Sozialleistungen und einer Pension, zu der er in seinem Alter parallel zur Arbeit schon berechtigt ist, knapp 1100 Euro. „Selbst am Höhepunkt der Krise hat unser Schacht das Personal gehalten und den Lohn ausbezahlt“, bestätigt er Firmenangaben. Im Gegenteil zu staatlichen Schächten, die seit November die Löhne zurückhalten. In Achmetows Firmen gehe es den Leuten besser – nicht weil Achmetow ein Altruist sei, sondern weil seine Firmen vertikal integriert seien und von der Hrywnja-Abwertung profitieren.
Rinat Achmetow ist nicht nur eine der geheimnisvollsten Figuren, der Multimilliardär besitzt heute quasi den ganzen Donbass. Kohle, Stahl, Finanzen, Telekommunikation und die größte politische Partei des Landes sind in seiner Hand. Dazu der Fußballclub Schachtjor Donezk. Beim Schacht „Komsomolez Donbassa“ fühlt man sich auf einen möglichen Aufschwung gut vorbereitet. Wann er kommt, steht in den Sternen.
„Drei Risiken bestehen weiter“, erklärt Dubrovskiy: Erstens, ob es wegen der faulen Kredite, deren Ausmaß niemand kennt, zu einer Bankenkrise kommt. Zweitens, wie groß das Budgetdefizit sein wird. Und drittens, wie stark die Binnennachfrage einbricht. Über all dem steht die große Frage, ob die internationale Wirtschaft wieder anzieht. Die Ukraine habe den ersten Schock überlebt. „Aber es ist wie in der Medizin: Außer Lebensgefahr bist du erst, wenn du die kritische Phase danach überstehst.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2009)