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Filmfestspiele Cannes: Hanekes tödliches Geheimnis

(c) Cannes

Gegensätzliche Geschichte(n): Michael Hanekes kühles Epos „Das weiße Band“, Quentin Tarantinos überhitzter Kriegsfilm „Inglourious Basterds“. Der Regiestar zeigt nicht nur in der Titelschreibung freche Eigenwilligkeit.

Langsam nur gewinnt das Bild Konturen, tauchen Formen aus dem Schwarz auf: als müsste die Erinnerung erst aus dem Nebel der Zeit hervorgeholt werden. Tatsächlich gesteht die warme Erzählerstimme gleich eingangs, dass vieles im Dunkeln bleibt oder nur vom Hörensagen bekannt ist. Eine Stimmung der Unsicherheit steht am Anfang von Michael Hanekes epischem Historienfilm Das weiße Band, der am Donnerstag im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde.

Wie in vielen seiner Werke – zuletzt im Kunstkrimi Caché – stellt Haneke ein tödliches Geheimnis ins Zentrum, ohne eine eindeutige Lösung anzubieten: Eine Serie von mysteriösen Anschlägen verunsichert ein Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs. „Eine deutsche Kindergeschichte“ lautet der (in Kurrentschrift gehaltene) Untertitel des Films, und Haneke taucht tief ein in die vergiftete Atmosphäre, die den Nachwuchs im Dorf umfängt: Die exzellente, detailreiche Schwarz-Weiß-Kamera von Christian Berger und die präzise Ausstattung wirken stark.

 

Repression, Heuchelei, religiöse Strenge

Erst verletzt sich der Dorfarzt schwer, als sein Pferd über ein Seil stürzt, das hinterlistig zwischen Bäumen gespannt wurde; danach kommt eine Frau in der Sägemühle zu Tode. Diese gehört dem Baron (Ulrich Tukur), in dessen Diensten die Mehrheit der Einwohner steht: Aus Rache zerstört der Sohn der Toten die Kohlköpfe des Feudalherren, in der Nacht verschwindet der Sohn des Barons und wird schließlich verletzt und verkehrt aufgehängt gefunden.

Doch solche Verstörungsmomente – später gibt es etwa einen geblendeten Buben und einen mit einer Schere aufgespießten Vogel – rückt Haneke nur knapp und kurz ins Bild, im Vordergrund steht die Schilderung einer Gesellschaft, in der Repression, Heuchelei und religiöse Strenge den Ton angeben.

Eine Schlüsselfigur ist der Pastor (beeindruckend unangenehm: Burghardt Klaussner), der in Predigten gegen die Sünde wettert und nicht zögert, seine Worte mit dem Ochsenziemer zu bekräftigen: „Eure Mutter und ich werden heute schlecht schlafen, weil wir euch morgen bestrafen müssen“, sind seine Abschlussworte in der ersten Familienszene, später lässt er seine Tochter am Pranger stehen, bis sie zusammenbricht. Das titelgebende weiße Band bindet er seinem Sohn um, als Zeichen für dessen Verfehlungen (vor allem Selbstbefleckung).

Als Gegenpol dient der junge Lehrer des Orts (Christian Friedel): Er ist es auch, der – aus der Distanz von Jahrzehnten – die Geschichte erzählt, damit sie vielleicht erhellen möge, was künftige Generationen geprägt hat. (Diese anfängliche Erklärung geht nur bedingt auf, zum Teil wegen einer Stärke des Films: Die Versenkung in die Epoche gelingt.) Es ist der Lehrer, der nach langwieriger Erkenntnisarbeit eine beunruhigende Lösung des Rätsels um die fatalen Ereignisse erahnt, und dessen Liebesbeziehung zu einem Kindermädchen (eine Entdeckung: Leonie Benesch als Wesen von strahlender Unschuld) die warmherzige Ausnahmeerscheinung in einem brütenden Film bleibt.

Als Schilderung einer von „Neid, Stumpfsinn und Brutalität“ geprägten Welt übt Das weiße Band zwar beträchtliche Faszination aus, makellos ist der Film aber nicht: Die literarische Erzählung und der reduzierte Stil erinnern im besten Sinne an Hanekes Vergangenheit als Inszenator von bildungsbürgerlichen Fernsehspielen, weniger geglückt sind die geglättete Sprache vieler Figuren (es ist Hanekes erster Film auf Deutsch seit dem originalen Funny Games von 1997) und ein Hang dazu, die Dinge noch einmal im Dialog auszubuchstabieren; ein paar Modernismen in den Formulierungen brechen kurz die Vorkriegsatmosphäre. Obwohl das Menschenbild einigermaßen desillusioniert ist – die gesellschaftliche Gewaltspirale reicht vom Baron zum Bauern –, entrinnt Hanekes neuer Film zwar der Didaktik mancher früherer Werke, doch nicht ganz einer Starrheit, wie er sie anklagt.

In der Pressevorführung wurde der Film nur mit höflichem Beifall aufgenommen, er ist jedenfalls einer der bemerkenswertesten Beiträge einer Konkurrenz, die nach enttäuschendem Beginn stark an Profil zugelegt hat: zuletzt mit Les herbes folles, einem unglaublichen Komödienexperiment des 87-jährigen Meisterregisseurs Alain Resnais – und mit dem am meisten erwarteten Wettbewerbsbeitrag, Quentin Tarantinos Weltkriegsepos Inglourious Basterds.

 

Tarantino: Kino ermöglicht Hitler-Attentat

Der Regiestar zeigt nicht nur in der Titelschreibung freche Eigenwilligkeit. Wo Haneke sich der Vergangenheit unterkühlt und mit Präzision nähert, setzt er auf ein überhitztes Amalgam aus zweifelhaftem Trash und unleugbarer Inspiration, das übrigens nur entfernt auf Enzo G. Castellaris italienischen Weltkriegsreißer Inglourious Basterds von 1978 zurückgreift: Ein Erzählstrang handelt vom titelgebenden alliierten Trupp hinter deutschen Linien. Bei Tarantino wird er von einem bemerkenswert ironischen Brad Pitt geleitet und besteht aus einem jüdischen dreckigen Dutzend, das Nazis kurzerhand skalpiert.

Aber die wahren Hauptdarsteller sind nicht die US-Stars, sondern der Deutsche Christoph Waltz, herausragend als verschlagener SS-Oberst Janda, und die junge Französin Melanie Laurent als jüdisches Mädchen, dessen Familie von Jandas Männern getötet wird, nachdem er in einer superb orchestrierten Dialogszene ihr Versteck aus einem Bauern herausgepresst hat.

Als Kinobetreiberin plant sie, wie auch die Basterds, ein Attentat auf Hitler (Martin Wuttke) bei der Premiere eines Propagandafilms in Paris. Das Kino rettet bei Tarantino buchstäblich die Welt, brennbare Nitratfilme dienen als Bombe, dazu ein anachronistischer Popsong von David Bowie: „Putting out Fire with Gasoline“. Die Alternativweltfantasie mit Comic-Flair („Es war einmal im nazibesetzten Frankreich...“) zeigt Tarantino als großen Schauspielerregisseur und einfallsreichen Popkulturjongleur. Aber Geschwätzigkeit wird ihm zum Verhängnis: Das betrifft weniger seine sprichwörtliche Vorliebe für ausufernde Dialoge, sondern eher die Neigung, den Film mit Referenzen von teils fragwürdigem Wert vollzustopfen, bis er aus allen Nähten platzt. So ist Inglourious Basterdsabwechselnd genial und geschmacklos, beeindruckend und langweilig. Die Erwartungen scheint er nicht erfüllt zu haben: Es gab vor der Premiere mehr Applaus als danach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2009)