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Der nächste Crash? Panik vorm Schuldenberg

SPAIN BRITISH WRITER JOHN LANCHESTER
JOHN LANCHESTER(c) EPA (Albert Olive)
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Lanchester hat ein leicht fassliches Buch über Wirtschaft geschrieben. Mit der „Presse“ spricht er über den Jargon der Banker, immanente Krisen und die Erkenntnis, dass sich seit 2008 an den Börsen nichts geändert hat.

Die Presse: Ihr Bestseller „Whoops! Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“ war ein pointierter Erklärungsversuch für den Bankencrash 2008. Nun folgt Ihr nächstes Buch über Wirtschaft. Was hat Sie zu „Die Sprache des Geldes und warum wir sie nicht verstehen (sollen)“ inspiriert, was ist die Absicht für diese Art Lexikon?

John Lanchester: Nach der Veröffentlichung von „Whoops!“ wurde ich gebeten, diverse Aspekte der Ökonomie zu kommentieren. Diese Anfragen waren meist mit Aktuellem verbunden. Unlängst wurde ich mehrfach eingeladen, den Abschwung des chinesischen Markts zu analysieren. All den Bitten war gemeinsam, dass man Erklärungen wollte. Das also wollen viele offenbar wissen: wie die Welt der Wirtschaft funktioniert. Ich schloss daraus auf einen enormen Bedarf nach Darstellung ökonomischer Konzepte für Laien. Nur zögerlich bin ich an dieses Werk herangegangen. Aber da es diese Art Buch offenbar noch nicht gegeben hat, habe ich es dann doch geschrieben.

 

Hatten Sie beim Verfassen den idealen Leser vor Augen? Wie waren dann die wirklichen Leser bei Vorstellung Ihres Buchs?

Ich hatte keinen idealen Leser vor mir. Jene, die mit mir über meinen Text gesprochen haben, haben mich an mich selbst vor acht Jahren erinnert, als mein Interesse an diesem Thema gerade erst zu wachsen begonnen hat. Zuvor hatte ich dazu wenig Bezug.

 

Vor einem halben Jahrhundert gab es eine große Diskussion über die Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Sie seien zwei völlig verschiedene Kulturen. Wächst heute eine andere Kluft, die zwischen Wirtschaftsexperten und dem Rest der Welt? Und wie kann man diesen unbefriedigenden Zustand überwinden?

Es gibt diese tiefe Spaltung, ich würde sie mir gern wegwünschen, denn die Ökonomie ist fundamental für das Verständnis der modernen Welt. Wenn wir sie nicht verstehen, schwächt das unsere Demokratien. Am besten überbrückt man diese Kluft, indem man einen Gegenstand wie Populäre Wirtschaftskunde einführt, so wie es längst populäre naturwissenschaftliche Bücher gibt. Die Universität Oxford hat einen Lehrstuhl für Öffentliches Verständnis der Wissenschaften. Ich wünsche mir, dass man solch einen Lehrstuhl auch für die Wirtschaftswissenschaften einführt, der das öffentliche Verständnis für dieses Fach fördert.

Ihr neues Werk gibt eine knappe Einführung und eine Synthese am Ende. Im Hauptteil werden komplexe Fachausdrücke wie etwa Subprime-Hypotheken, quantitative Lockerung und Zombie-Bank simpel erklärt: Warum verwenden Ökonomen ein derartiges Vokabular? Dient der Jargon auch der Verwirrung?

Ja, das ist manchmal wirklich so. Meist jedoch entsteht diese Fachsprache nicht bewusst zur Irreführung. Jedenfalls haben mir das die Leute aus der Finanzwelt, mit denen ich darüber gesprochen habe, versichert. Der Hauptgrund für derartige Terminologie liegt darin, dass man in der Hochfinanz vor Konkurrenten kurzfristig jene neuen Instrumente für den Handel verbergen will, die man gerade erfunden hat. Aber auch unangenehme Realitäten werden so vor Kunden, denen man eben ein neues Produkt verkauft, versteckt.

 

Hat sich die Situation an der Wall Street und in Londons City zumindest in den vergangenen Jahren nach der Krise 2008 irgendwie zum Besseren gewendet?

Nein. Das ist die deprimierendste Erkenntnis, die ich gewonnen habe. Es hat in diesem Bereich überhaupt keine Änderung gegeben.

Wann und wo erwarten Sie also den nächsten Crash in der Weltwirtschaft?

In „Whoops!“ habe ich China erwähnt. Das steht bei vielen Experten noch immer ganz oben auf der Liste. Das hauptsächlich zu Grunde liegende Strukturproblem der Weltwirtschaft sind die zu hohen Schulden. Die nächste Krise wird dann ausgelöst, wenn die Menschen wegen dieses Schuldenbergs in Panik geraten. Man kann nicht vorhersagen, was genau diese Krise oberflächlich auslösen wird, aber der tiefere Grund – die hohe Verschuldung – ist leicht zu erkennen.

 

Was kann ein gewöhnlicher Mensch tun, um finanziell seine Interessen in diesen interessanten Zeiten zu wahren?

Wenn ich vor angloamerikanischem Publikum spreche, warne ich immer vor dem Schuldenberg, aber in Deutschland ist das nicht so ein dringliches Problem. Dort verstehen die Menschen die Risken hoher Schulden besser als anderswo in der Welt.

 

Sie sind der Sohn eines Bankiers. Hat das Ihre Sicht auf Geld beeinflusst?

Dieser Umstand hat mir das Bewusstsein gegeben, dass es sich um einen Gegenstand handelt, den alle verstehen können, wenn sie das nur wollen. Denn die Prinzipien, auf denen das Bankwesen im Speziellen und die Ökonomie im Allgemeinen aufbauen, beruhen auf dem gesunden Menschenverstand.

Besteht heutzutage bei all der Globalisierung, vor allem der Finanzwelt, überhaupt noch die Chance, dass man wieder so etwas wie eine normale Bank erhält?

Doch, diese Möglichkeit gibt es. Aber ich fürchte, wir werden dorthin nur auf einem sehr unbequemen Weg gelangen, über den Umweg von Krisen und Problemen. Es wäre an sich gar nicht schwer. Banken müssten bloß sicherer gemacht werden, mit mehr Eigenkapital im Verhältnis zu den Darlehen, die sie vergeben, als es heute üblich ist. Die Banker hassen diesen Vorschlag, denn das schmälert ihre Profite. Aber es ist der schnellste und einfachste Weg zu weniger Risiko. Es müsste klar unterschieden werden zwischen normalen Banken und spekulativen, innovativen Finanzkonstruktionen, die höhere Gewinne versprechen, aber auch höhere Risken haben. Letztere sollten im Fall eines Desasters keinen Zugang zu Steuergeld haben – wenn sie einen Crash verursachen.

 

Wenn man so exzessiv wie Sie über Banken und das Geld nachdenkt – ändert das die eigene Einstellung zu diesen Themen?

Nein. Aber ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich aufhören muss, über diese Sachen nachzudenken, um bei einem Roman weiterzukommen. Letztendlich gibt es einen Widerspruch zwischen der Weltsicht der Ökonomie und jener der Fiktion.

 

Welche Bücher über die Wirtschaft haben Sie am stärksten beeinflusst?

Mein Lieblingsbuch in diesem Feld ist PeterL. Bernsteins „Against the Gods“ (1996, Anm.), eine Ideengeschichte des Risikos.

 

Die besten Indikatoren für große Veränderungen sind oft ganz kleine Dinge, hat mir mein Vater einst erklärt. Würden Sie dieser Behauptung zustimmen?

Ja. Es handelt sich meist um kleine Dinge. Oder um große Dinge, von denen niemand zugibt, dass sie groß sind, weil niemand weiß, wie man damit umgehen kann.

„KAPITAL“ AUS LONDONER SICHT

John Lanchester, geboren 1962 in Hamburg, verbrachte die Kindheit in Ostasien. Für den Debütroman „The Debt to Pleasure“ erhielt der Brite 1996 den Whitbread Book Award, als ersten einer Reihe von Preisen. „Capital“ (2012) wurde international ein Bestseller.

Ab 12.9. : „Die Sprache des Geldes“ (aus dem Engl. von Dorothee Merkel, Klett-Cotta, € 20,50). Zum Treffen mit dem Autor lud der Verlag Journalisten, u.a. von der „Presse“, nach Oxford ein. [ Marijan Murat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2015)