Anthropologie: Streit um „Tante Ida“

(c) Reuters (Mike Segar)
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Ein vorgebliches „missing link“ zwischen Primaten und Menschen stößt auf Zweifel. Nun ruderten die Forscher etwas zurück: Ida sei weniger eine Urmutter und mehr eine Urtante.

Als das eichhörnchenkleine Tier vor 47 Millionen Jahren an einem See in der Eifel trank, hatte es keine Chance: Aus dem Wasser stieg betäubendes Gas – Kohlendioxid –, das brachte vielen den Tod, sie wurden in den Sedimenten begraben. Im 20. Jahrhundert kamen sie wieder ans Licht – der See heißt nun Grube Messel und ist eine ergiebige Fundstätte –, in den 80er-Jahren auch das kleine Tier. In zwei Stücken geriet es auf den Fossilienmarkt, es konnte sich wieder nicht wehren.

Dieses Fatum blieb ihm treu: Am Dienstag wurden die wieder vereinten Stücke in einer Presse-Show in New York präsentiert, an der der Bürgermeister teilnahm und bei der kein Wort zu groß war: Man habe nicht nur eine neue Art entdeckt – Darwinius massilae –, erklärte Jorn Hurum (Oslo), es sei vielmehr das „erste Bindeglied zu allen Menschen“, der erste Anthropoid, das sind die Primaten, zu denen Menschaffen und Menschen gehören. „Es ist eine Art Stein von Rosetta“ – der ermöglichte die Entzifferung der Hieroglyphen –, ergänzte Philip Gingerich (Michigan), es mache die Frühgeschichte lesbar.

So gab man ihm gleich noch einen Namen: „Ida“ heißt sie (nach der Tochter von Hurum), und dass sie ein Weibchen ist, steht fest, sie hat keinen Penisknochen. Einfach verloren kann er nicht sein, das Fossil ist extrem gut erhalten, auch in Händen und Zähnen. Letztere zeigen Charakteristika von Lemuren, bei Ersteren sind die Lemuren-Krallen durch Anthropoiden-Nägel ersetzt, das Tier ist ein Mischwesen, darin liegt seine Bedeutung, es soll die Abzweigung der Anthropoiden von den Lemuren verkörpern, das Urmenschlein gewissermaßen.

So trommelte die Pressekonferenz. Die zugehörige Publikation ist nicht nur leiser, sie enthält das gerade Gegenteil: „Wir interpretieren Darwinius nicht als Anthropoid“ (PLoS One, 19.5.). Das tut die übrige Fachwelt auch nicht: Die Analyse des Fossils sei technisch unzureichend ausgeführt, urteilt Richard Kay (Duke); man habe alle Befunde der letzten 15 Jahre ignoriert und Ida nicht mit 35 bzw. 45 Mio Jahre alten Funden aus Ägypten und China verglichen, ergänzt Christopher Beard (Pittsburgh). Nun ruderten die Forscher etwas zurück: Ida sei weniger eine Urmutter und mehr eine Urtante.

But the show must go on: Hinter dem Spektakel steht der Naturfilmer Sir David Attenborough, der alles im TV präsentiert, Buch und Homepage gibt es auch schon: „The link“, (www..revealingthelink.com).

AFFEN UND LEMUREN

Anthropoiden sind die „eigentlichen Affen“, die trockene, aber entweder breite Nasen haben (Plathyrrhini, Neuweltaffen) oder schmale (Catarrhini, Altweltaffen, zu ihnen zählt der Mensch). Lemuren hingegen gehören zu den Feuchtnasenaffen (Strepsirrhini). Beide sind Primaten, die tauchten vor 55 Mio. Jahren auf. Die ersten unstrittigen Anthropoiden gab es vor 35 Mio. Jahren in Ägypten, Vorformen vor 45. Mio in China.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2009)

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