UNO warnt vor neuer Flüchtlingswelle

Mehr als vier Millionen Syrer flüchteten in Nachbarländer.
Mehr als vier Millionen Syrer flüchteten in Nachbarländer.APA/EPA/VASSIL DONEV

In den Flüchtlingscamps rund um Syrien bricht die Versorgung zusammen. Ohne internationale Hilfe für vier Millionen Menschen werden noch mehr von ihnen in der EU Schutz suchen.

Wien/Genf. Europa hat bisher nur einen sehr kleinen Teil der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen. Mehr als vier Millionen Syrer leben derzeit in Nachbarländern in privaten Unterkünften und völlig überfüllten Lagern. Dazu kommen 7,6 Millionen an Binnenvertriebenen, die das Land noch nicht verlassen haben. Sollte sich die Lage in den Aufnahmeländern der Region aber weiter verschlechtern, werden noch mehr in die EU kommen, warnen das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) und Human Rights Watch (HRW). Lediglich ein geringer Prozentsatz der syrischen Flüchtlinge hat sich bisher auf den Weg nach Europa gemacht, insgesamt 348.540 Menschen. „Da sich die Bedingungen weiter verschlechtern, versuchen mehr Flüchtlinge, in Europa und anderswo Zuflucht zu finden, die große Mehrheit bleibt aber einstweilen in der Region“, sagt UN-Flüchtlingskommissar António Guterres.

Wenn die EU-Staaten die Fluchtwelle abmildern wollen, werden sie nicht umhinkommen, einen Anteil zur Verbesserung der Situation in den Lagern zu leisten. Dort mangelt es an geeigneten Unterkünften, ärztlicher Versorgung, Schulangeboten für Kinder. Nun droht auch noch die Lebensmittelversorgung zusammenzubrechen. Das World Food Programme (WFP) der UNO hat aus Geldnot angekündigt, die finanzielle Hilfe in den Aufnahmelagern zu reduzieren. Sollte die internationale Staatengemeinschaft kein Geld nachschießen, muss für 1,6 Millionen Flüchtlinge im Libanon und Jordanien die Hilfe radikal eingeschränkt werden. Das Programm finanziert auch Bildungsprogramme für 750.000Flüchtlingskinder. Grund ist, dass die 4,5 Mrd. Dollar (4,03 Mrd. €), die eine solche Versorgung bis zum Ende des Jahres kosten würde, bisher lediglich zu 25 Prozent finanziert sind.

Die Vereinten Nationen haben bereits im Juni die Staatengemeinschaft zu mehr Hilfe für die völlig überlasteten Aufnahmeländer Jordanien, Libanon und Türkei aufgerufen. Allerdings ist bisher nicht einmal die Hälfte der angeforderten Mittel eingezahlt worden. Da der Bürgerkrieg in Syrien kein Ende nehmen will, gehen vielen Flüchtlingen die mitgebrachten Ersparnisse nach und nach aus. Eine legale Möglichkeit zu arbeiten haben sie in den Aufnahmeländern nicht.

Human Rights Watch geht auf Grundlage von Befragungen in den Flüchtlingslagern davon aus, dass deshalb noch mehr Menschen den Aufbruch nach Europa wagen. „Die meisten sagen, dass es in den direkten Nachbarländern an humanitärer Hilfe mangle und es unmöglich sei, legal zu arbeiten. Deshalb fühlen sie sich gezwungen, zwischen einer Rückkehr in die syrische Konfliktzone und der gefährlichen Fortsetzung ihrer Flucht nach Europa zu wählen“, so HRW-Nahost-Experte Adam Coogle.

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Konfliktzone weitet sich auf Irak aus

Eine Rückkehr nach Syrien wäre derzeit lebensgefährlich. Die Sicherheitssituation in großen Teilen des Landes hat sich sogar weiter verschlechtert. Mit dem Vormarsch der Extremisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) hat sich die Konfliktzone auch auf das Nachbarland Irak ausgeweitet. Das hat auch dort eine Massenflucht ausgelöst.

Die Verbrechen des IS und der Kampf zwischen sunnitischen Aufständischen und der irakischen Regierung haben allein aus der Provinz Anbar westlich von Bagdad eine Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben. In der Kurdenregion im Norden des Irak ist mittlerweile jede vierte Person ein intern Vertriebener oder ein Flüchtling. Und das UNHCR erwartet, dass bis Ende des Jahres die Zahl der irakischen Flüchtlinge in der Türkei auf 100.000 steigen wird. Iraker könnten laut Prognosen 2015 hinter Syrern und Afghanen auch die drittgrößte Gruppe an Asylwerbern in der EU werden.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2015)