Und wieder einmal hängt alles an „Lady Europe“

Ukraine-Krise, Griechenland-Krise und jetzt die Flüchtlingskrise: Ohne Angela Merkel läuft nichts in Europa. Sie hat die Führungsrolle für sich reklamiert.

Sieben heiße Sommerwochen liegen zwischen den Bildern, die sich Deutschland und die Welt von Angela Merkel gemacht haben. Als die Kanzlerin der 14-jährigen Palästinenserin Reem Sawhil in Rostock in einer Mischung aus Mitgefühl, Hilflosigkeit und rührender Tollpatschigkeit zum Trost den Kopf tätschelte, handelte sie sich jede Menge Häme ein. Dass Deutschland nicht alle Erniedrigten und Beladenen der Erde aufnehmen könne, wie sie anklingen ließ, war eine Selbstverständlichkeit und eine bittere Wahrheit, die Merkel in der Wahrnehmung der medialen Foren als hart und inhuman erscheinen ließ.

Die Pressionen Merkels und ihres Finanzministers, Wolfgang Schäuble, gegen die Athener Regierung in der Schuldenkrise Griechenlands weckten zugleich vor allem im Süden Europas das Image vom „hässlichen Deutschen“, das sich aus Nazi-Karikaturen speist. Deutschland als Zuchtmeister Europas – das jagt vielen noch immer einen Schrecken ein.

Als sich Merkel nach ihrem Wanderurlaub in Südtirol nun auf der politischen Bühne Berlins zurückmeldete, verströmte sie beinahe südländisches Flair. Großzügig, auch lässig und optimistisch: Die Deutschen erkannten ihre Kanzlerin, seit bald zehn Jahren an der Macht, kaum wieder. „Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen auch das“, lautete ihr Tenor. Deutsche Gründlichkeit, ja. Aber in der Flüchtlingskrise sei auch Flexibilität vonnöten. Sie präsentierte sich allen Anfeindungen zum Trotz als Verfechterin einer nachgerade liberalen Asylpolitik. Kurzerhand hebelte sie ganz unbürokratisch das Dublin-Abkommen aus, das die Verantwortung für Flüchtlinge dem EU-Ersteinreiseland zuweist.

Deutschland hilft schnell und spontan: Das war der Sukkus, den die syrischen Kriegsflüchtlinge nach ihrer Odyssee durch den Orient und Balkan sogleich verstanden haben. Noch ehe sie zu Tausenden in Rosenheim und München aus den Zügen stiegen, stimmten sie einen Lobgesang an: „Deutschland – das Gelobte Land“. Mag sein, dass sich die Ostdeutsche Merkel an die Öffnung der Mauer anno 1989 erinnert fühlt, an die Abertausenden DDR-Flüchtlinge, die via Tschechien und Ungarn in den Westen strömten, an die Welle der Hilfsbereitschaft in Prag und Budapest, in Österreich und im Westen Deutschlands. Jetzt erhält die Regierungschefin des mächtigsten und reichsten EU-Landes die Chance, sich zu revanchieren und sich als großherzig zu erweisen.

Dabei gehört zumindest auch eine andere Facette zum Bild Deutschlands: Brandanschläge gegen Asylantenheime, Übergriffe gegen Migranten, Proteste und Pöbeleien gegen Politiker, gebrandmarkt als „Volksverräter“. All dies ruft die 1990er-Jahre in Erinnerung, als tödliche Brandanschläge die Republik erschüttert haben. Mehr als 300 Angriffe verzeichnete das Innenministerium in Berlin allein heuer gegen Asylwerber, und auch die Kanzlerin erlebte bei ihrem – verspäteten – Besuch im sächsischen Heidenau die aufgeputschte, auch von Rechtsextremen geschürte Stimmung am eigenen Leib. In jüngsten Umfragen verlor die bisher so unangefochtene Umfragekaiserin prompt ein wenig an Zustimmung. Auf rechtspopulistische Strömungen, wie sie sich in der AfD oder bei der Pegida manifestierten, gab Merkel bisher keinen Deut.


Es stimmt schon: Merkel lässt sich oft von den Ereignissen treiben. Vorsichtig und zuweilen zaudernd wartet sie den Gang der Dinge ab, bis sie sich zum Eingreifen entschließt. „Merkeln“ nennt sich diese Vorgangsweise, die Eingang in den Sprachschatz gefunden hat. In der Flüchtlingskrise überließ sie erst ihrem Innenminister, Thomas de Maizière, die Koordination, und SPD-Chef Sigmar Gabriel bestimmte das Tempo. Doch sobald die lösungsorientierte Pragmatikerin die Dringlichkeit eines Problems erkannt hat, verbeißt sie sich in die Materie.

In der Ukraine-Krise und in der Griechenland-Krise fiel ihr die Führungsrolle kraft der politisch-wirtschaftlichen Potenz ihres Landes innerhalb der EU gleichsam in den Schoß. In der Flüchtlingskrise schwang sie sich nun selbst zur obersten Krisenmanagerin auf – und beschämt so Amtskollegen wie François Hollande, Matteo Renzi und erst recht ihren britischen Parteifreund David Cameron. Ohne die Doyenne, ohne die „Lady Europe“ läuft nichts in der EU.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2015)