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Interview: „Die Menschen fliehen, um zu überleben“

United Nations aid chief Stephen O´Brien attends a news conference at the end of his visit to Syria, in Damascus
Stephen O'Brien(c) REUTERS (OMAR SANADIKI)

Laut dem UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien wird die Zahl der Flüchtlinge in Zukunft nicht zurückgehen. Er fordert von den UN-Mitgliedstaaten dringend mehr Mittel für humanitäre Hilfe.

Die Presse: Sie sind gerade von einer Reise nach Syrien zurückgekommen. Was haben Sie dort erlebt?

Stephen O'Brien: Ich bin nach Homs gefahren und habe die ganze Zerstörung gesehen. Ich verstehe die Antwort von vielen Menschen in Syrien, die sich sagen: Fliehen oder sterben. Die Gefahren, die Schutzlosigkeit, kein Wasser, die Familien können nicht mehr versorgt werden – es ist unvermeidbar, dass die Menschen an Orte fliehen, wo sie Schutz finden und ihre Familien ernähren können. Sie fliehen, um zu überleben.

Europäische Politiker fordern regelmäßig eine bessere Versorgung der Flüchtlinge in den Herkunftsregionen. Trotzdem ist die humanitäre Hilfe unterfinanziert.

Da gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem eskalierenden Bedarf und den Mitteln, die wirklich zur Verfügung gestellt werden – sei es in den betroffenen Ländern selbst oder in den Nachbarstaaten, wohin die Menschen fliehen. Vor allem in Ländern wie dem Libanon müssen wir mehr Menschen unterstützen können. Die Frage für Europa lautet: Wo macht man die Mittel verfügbar? Gibt man weiterhin sehr viel Geld aus, wenn die Menschen hier eintreffen – um sie aufzunehmen oder Zäune aufzustellen und die Menschen abzuhalten? Wenn nur die Hälfte des Geldes dafür ausgegeben würde, um die Mittel für die weltweite humanitäre Hilfe zu erhöhen, dann würden sich weniger Menschen dafür entscheiden zu fliehen oder Migranten zu werden. Dann nämlich, wenn sie sich für die Flucht entschließen, weil ihnen Essen, Wasser und Unterkunft fehlen. Nicht, wenn sie vor Fassbomben flüchten.

 

Wie viel Geld brauchen Sie, um die Menschen humanitär versorgen zu können?

Weltweit brauchen wir im UN-System etwa 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr – und der Bedarf steigt. Das benötigen wir, um 80 Millionen Leben zu retten. 20 Prozent davon brauchen Hilfe aufgrund von Naturkatastrophen, 80 Prozent leben in Kriegsgebieten. Bis August haben wir nur 30 Prozent der Mittel erhalten. Wir liegen weit zurück, sogar im Vergleich zum letzten Jahr, das bereits eines der größten Defizite beschert hatte. Das ist eine große Frage für die politisch Verantwortlichen: Wo sie ihre Ressourcen einsetzen wollen, um auf das zu reagieren, was die neue Normalität sein wird. Migration wird nicht im entferntesten zurückgehen. Weil sich die Ursachen nicht in naher Zukunft beheben lassen und an politischen Lösungen überhaupt nicht gearbeitet wird. Und die humanitären Helfer müssen die Folgen davon in den Griff bekommen.

ZUR PERSON


Stephen O' Brien ist seit 29. Mai der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen.
Der Politiker war davor Abgeordneter im britischen Parlament. Der 68-Jährige gehört der konservativen Partei an und war von 2010 bis 2012 Unterstaatssekretär für Internationale Entwicklung. [ Reuters ]

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2015)