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Die Chinesen kommen: "Müssen europäisch cool bleiben"

Xu Sitao
Xu Sitao(c) Katharina Roßboth
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Durch Zukäufe eignen sich viele chinesische Firmen europäisches Know-how an. Aber auch Joint Ventures werden immer beliebter.

Können Sie sich noch daran erinnern, als die Rückseiten von Visitenkarten plötzlich auf Englisch beschriftet waren? Nun, Herbert Kovars Karten haben eine Seite auf Deutsch – und eine auf Mandarin. Willkommen im Jahr 2015.
Der Steuerberater und Deloitte-Partner berät österreichische Firmen auf dem Weg in den Osten. Und chinesische beim Einkauf im Westen. Und da spielen die aktuellen Währungsturbulenzen eine überraschende Rolle. „Was sich da abgespielt hat, ist schon interessant“, erzählt Kovar. „Wir haben in den ersten zwei Quartalen des Jahres einen starken Anstieg der M&A-Geschäfte chinesischer Unternehmen in Europa gesehen – also vor der überraschenden Abwertung des Yuan am 11. August.“

Gern auch Familienunternehmen

Ziel des chinesischen Einkaufsrausches waren jene Branchen, in denen Europa – und auch Österreich – klassisch gut dastehen: Maschinenbau, High Tech und Green Tech. Dass diese Branchen zum Ziel chinesischer Firmen werden, ist auch kein Zufall, gibt es in dem nominell kommunistischen Land doch weiterhin Fünfjahrespläne. Und wenn eine Firma ihre Strategie an diese Pläne anpasst, gibt es rascher Geld von staatlichen Banken.

Das Interesse der Chinesen trifft auch keineswegs nur große Player – vielmehr geht es oft um Leader bei Nischen. Das können gut und gern auch österreichische Familienunternehmen sein, erklärt Kovar: „Die chinesischen Firmen sehen folgendes: Da gibt es in Österreich Unternehmen, die in bestimmten Nischen Skills und Know-how ausgearbeitet haben, aber bisher keine echten Global Player sind. Da macht es Sinn für die Chinesen, dieses Know-how zuzukaufen oder ein Joint Venture zu machen.“

Für heimische Firmen ergeben sich dadurch ganz neue Optionen. Denn nach China zu gehen und dort am Markt zu reüssieren, ist ein holpriger Weg. Andererseits leiden viele österreichische Top-Unternehmen aber verstärkt unter dem internationalen Marktdruck, so Kovar: „Du kannst in deiner Branche technologisch der Beste sein. Aber wenn du zu langsam wächst und jemand anderer die Märkte schnell erobert, dann hast du irgendwann ein Problem.“

Diese Unternehmen stehen vor der Wahl, international schneller zu wachsen – oder zurückzufallen. Selbst wenn die Technologie der Konkurrenz minderwertig ist. Kovar nennt Beispiele für Standards, wo sich die ursprünglich weniger ausgereifte Technologie etabliert hat, weil sie rascher am Markt war – etwa die VHS-Kassette (ein Speicherformat für Videos, das der DVD vorausgegangen ist).

„Da ist sehr viel persönliches dabei“

Weiters sei es seit 2008 gar nicht mehr so einfach, an frisches Geld von Banken zu kommen. „Aber ein Joint Venture mit einer chinesischen Firma kann sowohl Kapital als auch gleichzeitig Marktzugang liefern“, sagt Kovar: „Eine Win-Win-Situation, oder?“

Aber so eine austro-chinesische Hochzeit ist freilich der Idealfall. In der Praxis liegen viele Steine auf dem Weg zum unternehmerischen Erfolg im Reich der Mitte. „Bis solche Partner zusammengefunden haben, dauert es länger als etwa zwischen den USA und Europa. Da ist sehr viel persönliches dabei. Wenn Sie mit einem chinesischen Investor zusammensitzen, wird er Ihnen erstmal zehn Ideen vorlegen. Sie hören sich das an. Aber da müssen Sie europäisch cool bleiben, die beste Idee identifizieren und sagen: Bringen wir die auf den Boden – und dann schauen wir weiter.“

Joint Ventures seien bei den Chinesen derzeit jedenfalls besonders beliebt. Denn auch wenn die Einkaufstour noch nicht zu Ende scheint: Gerade Familienunternehmen sind in Europa derzeit wenig verkaufswillig. Der Grund? „Die Besitzer wissen nicht, was sie mit dem Geld aus dem Verkauf anfangen sollen. Die Kapitalmärkte bieten derzeit ja kein sehr stabiles Umfeld.“ Bleiben für die chinesischen Investoren Gemeinschaftsprojekte – die aus chinesischer Sicht den Vorteil haben, dass die Träger des Know-hows, die Eigentümer, auch weiter im Unternehmen bleiben.
Und genau so möchten viele chinesische Firmen von den Österreichern lernen, sagt auch Xu Sitao, Deloittes Chefökonom in China – und ebenfalls Forums-Teilnehmer. „China sieht vor allem Staaten wie Deutschland und Österreich als Vorbilder. Sie haben starke Produktionsleistungen. Da kann China einiges lernen.“