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Motten, Maden, Mehlwürmer: Wir alle essen täglich Insekten

(c) EPA (Nic Bothma)
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Rund 1900 Insekten-Arten sind essbar. Der Verein „Insekten auf den Speiseplan“ will den Österreichern die Scheu vor ihnen nehmen.

Es war ein neues Format, das die rund 25 Teilnehmer am Mittwoch im Hallenbad geboten bekamen: eine Gesprächsrunde, kombiniert mit einer Kochshow und einer Verkostung. Ziel der Übung war es, „den anerzogenen Ekel wegzuessen“, wie Georg Rubicko und Christoph Thomann erklärten. Die beiden bemühen sich seit der Gründung ihres Vereins „Insekten auf den Speiseplan“ im Juni 2014, Heuschrecken, Mehlwürmer oder Mottenlarven wieder auf die europäischen Esstische zu holen. „Im alten Rom galten Drohnen als Potenzmittel“, sagt Thomann. „Im Mittelalter wurden in Mitteleuropa Maikäfer zu Suppe verkocht.“

Auch heute, so betonen die beiden, würden Europäer täglich Insekten verspeisen – allerdings vorwiegend unbewusst. „Insekten, zumindest Teile von ihnen, finden sich in Schokolade, Mehl, Studentenfutter oder einer Tomatensuppe“, zählt Rubicko auf. „Weltweit isst jeder Mensch pro Jahr ungefähr ein halbes Kilogramm Insekten.“

Das „Fleisch“ der Zukunft

Dass dies bisher – anders als in Asien, Afrika oder Lateinamerika, wo Tacos teilweise mit geschroteten Insekten gewürzt werden – eher eine Überwindung bedeutet, liegt an der Erziehung. „Wir kochen öfters auf Messen, haben eine Schule und die Kinderuni besucht“, erzählt Thomann – die Insekten bekommen sie von einem Züchter aus Vorarlberg sowie aus den Niederlanden. „Die Kinder haben keine Scheu davor, eine Heuschrecke zu kosten, die Eltern schon.“ Dabei könnten Insekten das „Fleisch“ der Zukunft sein: Sie liefern hochwertiges Protein, sind fettärmer als andere Eiweißlieferanten und hinsichtlich des Gehalts von Vitaminen und Spurenelementen (Eisen, Kalzium, Vitamin A, B1, B2 und D) herkömmlichen Fleischarten ähnlich. In der Aufzucht aber benötigen Insekten – weltweit gibt es rund 1900 essbare Arten – wesentlich weniger Futtermittel und Platz als Säugetiere.

„Von Insekten werden rund 80 Prozent des Körpers verzehrt, vom Rind sind es nur 40 Prozent“, rechnet Thomann vor. „Ein Kilogramm Insekten verbraucht zudem im Vergleich zu einem Rind nur etwa ein Tausendstel an Wasser.“ Vorteilhaft sei weiters, dass sich Seuchen nahezu nicht ausbreiten könnten: „Insekten sind Schwarmtiere“, so Rubicko. „Das bedeutet, dass es artgerecht ist, wenn man sie in der Masse hält. Und: Wenn sich ein Tier ein Bakterium einfängt, sterben alle anderen auch.“ Sollte man dennoch ein erkranktes Insekt essen, „ist das auch ungefährlich, denn sobald es erhitzt wird, sterben alle Keime ab“.

Was derzeit noch fehlt, sind gesetzliche Regelungen, erzählen die Vereinsgründer, während im Hintergrund der Koch und Sozialökonom Willhelm Geiger Heuschrecken und Grillen in Olivenöl brät, Mehlwurmpesto bereitstellt und Wachsmotten in Kokosfett und Holundersirup schwenkt. „Insekten sind in Österreich weder als Lebensmittel zugelassen, noch ausdrücklich verboten; nur die Gastronomie darf sie nicht zum Verzehr anbieten.“ Kaufen kann man sie aber bereits, bald auch bei Rubicko und Thomann: „In zwei Monaten eröffnen wir ein Geschäft.“ (hell)