Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Albertina: Zwei Künstler finden sich in der Weltflucht

Eine der Straßenszenen von Lyonel Feininger: Ohne Titel (Der rote Geiger), 1915(c) Albertina
  • Drucken

Alfred Kubin und Lyonel Feininger trafen einander nur zweimal – aber sie pflegten eine innige Brieffreundschaft. Eine Schau zeigt nun, was sie verbunden hat.

Herdenweise können solche Menschen wie wir sich nicht zusammenschließen; ich ziehe daher eine eherne Grenze um mich herum, sobald landläufige Kunstinteressen an mich stoßen.“ Das hat 1912 Lyonel Feininger, der spätere Bauhaus-Künstler, dessen kubistisch-expressive Häuserfluchten, Kathedralen und Segelschiffe wir alle kennen, an Alfred Kubin geschrieben. Doch so vertraut der Ton auch klingt, so persönlich Feininger von Frau, den Söhnen und einem gemeinsamen Freund berichtet – die beiden Künstler hatten einander noch nie getroffen. Und auch später begegneten sie einander nur zweimal. Die Freundschaft zwischen Alfred Kubin und Lyonel Feininger, sie blieb „auf dem Papier“. Sie währte auch nur kurz: von 1912 bis März 1919.

 

Apokalyptische Städte

In der Albertina zeigt nun eine Schau, was die beiden zumindest in diesen Jahren miteinander verbunden hat. Und das ist gar nicht so wenig: Die Vorliebe für Tuschezeichnungen, bei Kubin oft mit Spritztechnik kombiniert, bei Feininger häufig koloriert. Der Hang zum Übersteigerten, Verzerrten, wie wir es aus Träumen kennen. Die Themen: apokalyptische Städte, Promenaden, Gebäude. Und dann findet man bei beiden eine Form der Weltflucht: „Die Überzeugung, dass die Gegenwart ungenügend ist“, habe die beiden geeint, so Hausherr Klaus Albrecht Schröder bei der Pressekonferenz. Bei Feininger zeigt sich das etwa in der Art, wie er seine Figuren kostümiert. Riesige Zylinder tragen da die Herren – und die Damen ausladende Kriolinen. Dabei stammen die meisten der gezeigten Werke aus der Zeit zwischen 1908 und 1915. Auch Kubins präzise, fein gefertigte Zeichnungen scheinen aus der Zeit gefallen zu sein, zumindest formal. Inhaltlich kann man sie eher zuordnen: 1900 erschien Freunds „Traumdeutung“, und ob Kubin sie gekannt hat oder nicht: Zufällig ist das zeitliche Zusammentreffen nicht.

Und die Unterschiede? Kubin ist durchgehend unheimlich – sogar wenn er eine „Groteske Maskerade“ mit einem schweinsköpfigen König zeichnet. Bei Feininger kommt einem dagegen noch vor einem mit „Melancholie“ betitelten Blatt ein Lachen aus: So grimmig arrogant schreitet der Melancholiker durch den hellsten Sonnenschein. Noch deutlicher wird es beim Thema Krieg und Aufruhr. „Anarchie“ heißt das Werk Kubins: Eine dunkle weibliche Gestalt hält eine schwarz sprühende Fackel in der Hand, im Hintergrund Truppen mit Speeren, von denen man nicht recht weiß: Sind sie zum Schutz da oder soll man sich vor ihnen fürchten? Feininger zeichnet dagegen Herren mit dem bei ihm obligatorischen Zylinder, mit Schnurrbart, Fahnen und Stöcken, die seltsam schief in der Welt stehen. Zum Krieg fällt Kubin eine fast das gesamte Bild füllende Gestalt samt Helm und Schild ein, deren behufte Elefantenfüße alles niederstampfen. Feininger steuert eine englische Kriegsflotte bei: Wie zum Sonntagsausflug zurechtgemachte Bürger stehen am Ufer und sehen einem Kriegsschiff dabei zu, wie es ausläuft. Sie ahnen offenbar nichts. Wie das wohl enden wird?
Die Schau in der Albertina bringt ein Wiedersehen mit einigen spektakulären Blättern Kubins, die wie alle grafischen Arbeiten meist unter Verschluss gehalten werden, um sie zu schonen. Und sie bringt uns eine ganz andere Seite Feiningers nahe: Hier hat er noch nicht zu seinem Stil gefunden, hier probiert er sich noch aus, in der Expression und im Kubismus, bevor er „der Feininger“ wurde.

 

Kubins Roman inspirierte

Lyonel Feininger hatte Alfred Kubin einiges zu verdanken. Zum einen stellte Kubin den Kontakt zu Franz Marc her – Feininger wurde zu einer Schau eingeladen, die ihm den Durchbruch brachte. Zum anderen inspirierte ihn Kubins Roman „Die andere Seite“ zur Serie „In der Stadt am Ende der Welt“. Die Künstler hielten über den Krieg weg Kontakt, sie sandten einander 37 zum Teil seitenlange Briefe, Fotos ihrer Lieben, auch Zeichnungen. Sie schrieben von Krisen, Erfahrungen („Schade, dass reine Schwarz-Weisskunst in größeren Mengen genossen so schnell das Auge ermüdet, weit schneller wie Bilder oder farbige Blätter, finden Sie nicht auch?“), von Erfolgen und Rückschlägen. Im Katalog sind erstmals sämtliche Briefe abgedruckt, in der Ausstellung haben sie zum Zeitpunkt der Pressekonferenz gefehlt. Zumindest Zitate daraus sollen noch nachgereicht werden.

Den letzten Brief schrieb Feininger im März 1919. „Meine Laune kehrt wieder zurück und ich fange an, etwas von der Welt draußen und von meinen Nebenmenschen wissen zu wollen.“ Der früher Verzagte ist nun guten Mutes. Noch im selben Jahr wird er zum Leiter der grafischen Sammlung des Staatlichen Bauhaus nach Weimar berufen. Ob die beiden Künstler einander noch einmal begegnet sind, ist ungewiss.

„Lyonel Feininger – Alfred Kubin“. Albertina, bis 10. Jänner 2016; Tgl. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr; Katalog: 312 S., 29 Euro. www.albertina.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2015)