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Fememord in Gersthof

ehem. Justitzminister Christian Broda
(c) AP (Martin Gnedt)
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1931 ließen die Kommunisten einen Abtrünnigen töten. Engelbert und Christian Broda zappelten im Netz.

Die Hockegasse in Wien-Gersthof ist eine angenehme, verschlafene Wohngegend. Am 25. Juli 1931, es ist ein Samstag, ereignet sich hier auf Nr. 28 ein politischer Mord, der die umfangreichste Ermittlungsaktion in der Ersten Republik auslöst. Dabei ist die Sache auf den ersten Blick ganz klar. Der Tote ist Georg Semmelmann aus Köln. Ein Unbekannter hat in seiner Wohnung vorgesprochen, nach kurzer Unterredung fallen zwei Schüsse, die Ehefrau des Opfers schreit um Hilfe, der Täter flieht durchs Stiegenhaus, wird aber dort von zwei Polizisten überwältigt, die in der Hockegasse patrouillieren. Das waren noch Zeiten, möchte man da sagen.

Was aber ist das Tatmotiv? Wer ist der Mörder? Auf jeden Fall ein professioneller Killer: Zwei Kopfschüsse, wobei der zweite abgefeuert wurde, als Semmelmann bereits niedersank. Das ist der „Kontrollschuss“, den man bei der sowjetischen „Tscheka“ lernt. Die Neue Freie Presse meldet lakonisch: „Ein Kommunist erschießt einen Renegaten“ – einen Abtrünnigen also. Der Schweizer Pass des Mörders ist gefälscht, bald finden die Wiener Behörden heraus, dass es sich um den Serben Andreas Piklovic handelt. Er dürfte sein Opfer nicht gekannt haben: Im Sakko führt er nämlich ein Foto Semmelmanns mit sich und einen Stadtplan von Wien-Währing. Vor fünf Jahren war er wegen Verbreitung kommunistischer Propaganda aus Österreich ausgewiesen worden.

Ein Auftragsmord aus Moskau? Möglich. Die Wiener Polizei forscht die Vita des ermordeten Semmelmann aus. Er ist ein Waffenschmuggler, der in deutscher Haft an die Kommunistische Partei Deutschlands Anschluss gefunden hatte. Er wurde mit einer neuen Identität ausgestattet, nach Wien geschickt, wo er von einer Mietwohnung am Alsergrund für den bulgarischen Geheimdienst tätig war. Allerdings äußerst unzuverlässig und leichtsinnig. Die sowjetische Botschaft beendete das „Arbeitsverhältnis“.

Semmelmanns Drohung, einen internationalen Skandal heraufzubeschwören, wenn man seinen Geldforderungen nicht nachkomme, war schließlich sein Todesurteil. In seiner Panik hatte sich der Todeskandidat noch an die französische und die britische Botschaft und an Zeitungsredaktionen gewendet, aber sowohl Die Stunde als auch das Neue Wiener Journal und die Arbeiter-Zeitung winkten müde ab.

In der Kleidung des toten Möchtegernagenten Semmelmann fanden die Behörden eine Notiz, die zu den Söhnen einer bekannten Wiener Bürgerfamilie führte: Zum 15-jährigen Christian Broda (später SPÖ-Justizminister im Kabinett Bruno Kreisky) und seinem älteren Bruder Engelbert. Der Vater, Finanzrat Ernst Broda, dürfte von den kommunistischen Umtrieben seines Nachwuchses nichts geahnt haben.

 

Aus bester Wiener Familie

Schon ab Jänner 1931 war der im März 1916 geborene Christian Broda Mitglied im Kommunistischen Jugendverband, arbeitete als Melder für die KPÖ, war also ein besserer Laufbursche. Bei Hausdurchsuchungen in der elterlichen Wohnung in der Prinz-Eugen-Straße und am Sommersitz in Leibnitz fand man kommunistisches Schriftgut und KP-Broschüren zur Agrarfrage. Bei den Verhören gab Christian zu, mehrmals Briefe aus dem Ausland an ihm unbekannte Empfänger weitergegeben zu haben.

Auch der Bruder Engelbert, geboren 1911, geriet in die Mühlen der Justiz. Er war 1930 der KPÖ beigetreten und schon 1932 zum „Reichsleiter“ der kommunistischen Studenten avanciert. Aber außer der Abonnentenwerbung für kommunistische Zeitschriften konnte man den Broda-Brüdern nichts nachweisen.

Dass der renommierte Physiker Engelbert Broda während des Kalten Krieges aus Sorge über einen Atomkrieg zum Hauptspion der Sowjets über die amerikanische und britische Atombombenforschung avanciert sein soll, ist erst jüngst publik geworden. Bisher war nur bekannt gewesen, dass der Professor für Physikalische Chemie der „Pugwash“-Bewegung angehörte, in der sich Wissenschaftler für Rüstungskontrolle und Abrüstung einsetzen. Seit 1983 ruht er in einem Ehrengrab der Stadt Wien.

 

Justizminister in der Kreisky-Ära

Und der jüngere Bruder Christian? Der studierte Jus in Wien und dissertierte – als heimlicher Kommunist – 1940 über „Volk und Führung. Ein Beitrag zum Problem der politischen Willensbildung im zweiten Deutschen Reich.“ Dann diente er in der Deutschen Wehrmacht, agitierte für eine KP-Widerstandsgruppe, entging aber der Todesstrafe, trat 1945 aus der KP aus, wurde SPÖ-Mitglied, Advokat und letztlich Justizminister. Aus Parteikalkül hat er den NS-Arzt und mutmaßlichen Massenmörder Heinrich Gross derart geschützt, dass gegen den kein Verfahren eröffnet wurde. Auch Christian Broda hat ein Ehrengrab.

 

Soeben erschienen: „Kommunismus in Österreich 1918–1938“ (von Hannes Leidinger, Barry McLoughlin und Verena Moritz), Studienverlag (Innsbruck, Wien, Bozen).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2009)