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»Lili Marleen«: Ein Lied von Liebe und Tod

Laternen
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»Lili Marleen«ist 100 Jahre alt. Zunächst 1915 als Gedicht verfasst, hat das 1939 erstmals aufgenommene Lied eine bewegte Rezeptionsgeschichte. Es wandelte sich mit den Hörern. Einmal war es Durchhaltelied, einmal Propagandasong, dann laszives Chanson oder psychedelische Rocknummer. Zum Erfolg verhalf dem Lied ein Kriegsereignis.

Nicht böse sein, Rüdilein, gell?“, schrieb die Sängerin Lale Andersen ihrem Komponisten Rudolf Zink am 8. Jänner 1939. Ein wenig patschert wollte sie die Hiobsbotschaft ihrer sängerischen Untreue abfedern. Vier Jahre zuvor hatten sich die beiden im Münchner Kabarett Simpl kennengelernt. Linkisch kam er ihr vor. Trotzdem kam man zwei Jahre später überein, dass Zink einige Gedichte der Anthologie „Die kleine Hafenorgel“ von Hans Leip für Andersen vertonen solle. Darunter war auch das Soldatengedicht „Lili Marleen“, dessen Verse dem Hamburger Leip schon 1915 während seines Militärdiensts in Berlin anlässlich einer verregneten Nachtwache eingefallen waren. Auch eine etwas läppische, gehetzte Melodie hatte Leip ersonnen. 1978 sang er sie einem amerikanischen Journalisten ins Mikro. Kein Vergleich zum unwiderstehlich lyrischen Stil, den Hindemith-Schüler Zink dem todessüchtigen Poem verpasste.

Formal am klassischen Kunstlied orientiert, versetzte er sich ideal in die Stimmung des Landsers, der nach Drill oder Waffengang ein Verlangen nach Liebe, Güte, Zärtlichkeit verspürte. Insgeheim zog Andersen Zinks Version der späteren Erfolgsmelodie des Norbert Schultze vor. Schultze nahm sich zufällig zur selben Zeit der Anthologie „Die kleine Hafenorgel“ an. Als Lale Andersen 1939 die Gelegenheit bekam, zwei Lieder aufzunehmen, entschied sie sich für Schultzes Musik. Sie war eingängiger und zeitgeistiger, allein weil sie sich zum Marschieren eignete. Schultze, der später reichlich Nazi-Filmmusik und Märsche komponierte, darunter das berüchtigte „Bomben auf Engeland“, variierte für „Lili Marleen“ schlicht eine Melodie, die er ein paar Jahre vorher für eine Zahnpastareklame komponiert hatte. Am 2. August 1939 kam die Single heraus. „Lili Marleen“ war nur die B-Seite. Die Platte verkaufte sich gerade 700 Mal. Dass sie sich bald als erstes deutsches Lied mehr als eine Million Mal verkaufen würde, war da keineswegs ausgemacht. Lale Andersen rätselte noch Jahre später: „Kann man denn erklären, warum der Wind zum Sturm wird?“

Man kann. Wenigstens retrospektiv. Ein Hindernis war zunächst wohl die sublime Verbindung von Eros und Thanatos, wie sie in „Lili Marleen“ passiert. In Kriegszeiten ist der Tod für gewöhnlich ein Tabu in künstlerischen Hervorbringungen. Ganz gebannt von den erotischen Momenten erkennt der deutsche Hörer erst in der fünften Strophe, dass hier ein Toter von der Liebe schwärmt: „Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund, hebt mich wie im Traume dein verliebter Mund. Wenn sich die späten Nebel drehn, werd' ich bei der Laterne stehen, wie einst Lili Marleen.“ Drang hier der berühmte deutsche Todestrieb ins Lied?

Als Dichter Leip seine Zeilen 1915 schrieb, war er kurz davor, ins Gefecht zu ziehen. Er hatte Todesahnungen und Wiedergängervisionen. Nicht zufällig kehrt der tote Soldat in der fünften Strophe von „Lili Marleen“ als sehnsuchtsvolles Gespenst zur berühmten Laterne zurück. Lale Andersen, der die beiden letzten Strophen nicht geheuer waren, sang sie trotzdem.


Soldat mit Frauenstimme. Ein weiteres Hindernis zum Massenerfolg schien die seltsame Inkongruenz zwischen dem männlichen lyrischen Ich und der weiblichen Stimme zu sein. Dass der einsame Wachtposten mit Frauenstimme klagt, hat nicht nur politische Figuren des Dritten Reichs, sondern auch die Künstler Leip und Schultze gestört. Lale Andersen argumentierte stets, dass sie das Lied narrativ singe, sich also keineswegs mit der Figur identifiziere. Zugute kam ihr das sonore Organ, das, wenn man wollte, durchaus auch von einem jungen Mann stammen konnte. Diese geschlechtliche Ambivalenz, die durch die Interpretation der bekannt bisexuellen Marlene Dietrich noch gesteigert wurde, trug nach dem Krieg dazu bei, dass „Lili Marleen“ ein Favorit der Queer-Szene wurde.

Der schwindelerregende Erfolg kam, nachdem der Song schon zwei Jahre auf dem Markt war und alle Hoffnungen dahin waren. Ein Kriegsereignis half dabei: Die Besetzung Belgrads im Sommer 1941 führte zur Gründung eines deutschen Militärsenders, der eine außergewöhnliche Reichweite hatte. Man konnte ihn von England bis Persien, von Russland bis Nordafrika hören. In einer Phase des Krieges, in der Deutschland immer wieder unterlag, sammelte der Sender über eine Million Soldatenwünsche nach „Lili Marleen“. Die Popularität des Liedes schwappte auf den Feind über: „Lili Marleen“ wurde zur Kriegsbeute. Hitlerfeindlich umgetextet wurden neue Versionen, etwa von Lucie Mannheim, durch den Äther gejagt.


Entnazifiziert. Marlene Dietrich, die aufseiten der Amerikaner Propaganda machte, ging es subtiler an. In ihrer Neudichtung gab es ein hoffnungsvolles Ende von Soldat und Mädchen: „We will create a world for two“. Dietrich steigerte mit ihrer lasziven Version die der Komposition innewohnende Sentimentalität aufs Höchste und entnazifizierte das Lied damit. Es blieb in ihrem Nachkriegsrepertoire und schlich sich auch bei anderen Künstlern ein. Frank Sinatra interpretierte es als verträumte Ballade namens „The Wedding Of Lili Marlene“ (sic!). Die feurige Italienerin Milva spie es als morbides Chanson und Eric Burdon katapultierte es als „We Love You Lil“ ins Hippiezeitalter.

Kurios war André Hellers Rückgriff auf den Evergreen. 1972 veröffentlichte er ihn auf „Das war A.H.“ kommentarlos in der Version von Edda Göring, der Tochter des Feldmarschalls, die es als kleines Kind 1942 für den Rundfunk geträllert hatte. Das kurioseste Nachleben führte Lili Marleen, die einmal als leichtes Mädchen, dann wieder als treue deutsche Frau interpretiert wurde, in den 1950er-Jahren. Zunächst als blonde, kokette Karikatur von Reinhard Beuthien in der eben gegründeten „Bild“-Zeitung. 1955 ging diese Figur als frivole Puppe „Lilli“ (sic!) in Produktion. 1964 erwarb die US-Firma Mattel die Rechte daran. Ruth Handler, die Ehefrau des Unternehmers, hatte die zündende Idee, wie diese Puppe für den amerikanischen Markt umbenannt werden könnte. Ganz simpel nach dem Kosenamen ihrer Tochter. Wie der lautete? Barbie, natürlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2015)