Christien Kern: Kanzlerkandidat rückt wieder ins Blickfeld

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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ÖBB-Chef Christian Kern spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms von Ungarn nach Deutschland. Über einen Manager, der das Zeug dazu hat, nächster Bundeskanzler zu werden.

Wien. Nationalratspräsidentin Doris Bures wurde von ihrer Vergangenheit eingeholt. Bei der ORF-„Pressestunde“ am Sonntag musste sie sich der Frage stellen, ob sie immer noch wie im Vorjahr ÖBB-Generaldirektor Christian Kern die Fähigkeit zum Bundeskanzler absprechen würde. Bures entschied sich für eine Nichtantwort im typischen Polit-Sprech: Eine Nachfolge von Werner Faymann stehe derzeit „überhaupt nicht zur Diskussion“.

Da mag ein wenig Wunschdenken der Faymann-Vertrauten Bures mitspielen. Denn niemand in der SPÖ weiß derzeit, wie es mit der Partei weitergeht, wenn es zu herben Verlusten bei den beiden anstehenden Landtagswahlen in Oberösterreich und in Wien kommen sollte. Da könnte eine Nachfolge Faymanns sehr rasch zur Diskussion stehen. Und da würde dann auch recht rasch die Frage auftauchen, ob Christian Kern nicht der geeignete Mann wäre.

In der Flüchtlingskrise kam der Bahnmanager unerwarteterweise wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Denn die ÖBB spielten eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms. Und haben dabei weit mehr gemacht, als ein Verkehrsdienstleister üblicherweise macht oder auch machen muss: Sonderzüge wurden eingeschoben, gestrandete Flüchtlinge an Bahnhöfen versorgt und auch über Nacht untergebracht. Freiwilligen Helfern wurden die notwendigen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.

Es war also mehr eine humanitäre Aktion der ÖBB, die in der Aussage des Generaldirektors gegipfelt hat, man werde bei jenen Flüchtlingen, die kein Ticket haben, ein Auge zudrücken.

Dass Kern sich damit für einen Polit-Job positionieren wollte, ist nicht anzunehmen – schaden würde ihm nachweisliches humanitäres Engagement aber wohl auch nicht. Politiker war er bisher noch nie – wohl aber im politischen Umfeld unterwegs. Der Publizistik-Absolvent war Assistent des Staatssekretärs Peter Kostelka. Als dieser Klubchef der SPÖ im Parlament wurde, war Kern sein Büroleiter und Pressesprecher. Von dort wechselte er 1997 in den Verbund, wo er zehn Jahre später in den Vorstand aufstieg. Seit 2010 ist er Generaldirektor der ÖBB – und hat es geschafft, der heimischen Bahn, die davor an der Führungsspitze nicht optimal besetzt war, wieder ein gutes öffentliches Image zu verschaffen.

Ob das für einen Spitzenjob in der Politik reicht? Kern gilt als belesen und eloquent, als entscheidungsstark und als gut vernetzt im politischen und medialen Umfeld. Zweifellos alles Eigenschaften, die einem Parteichef und Bundeskanzler helfen würden. Was ihm fehlt, ist die Hausmacht in der Partei – und die Erfahrung im Umgang mit parteiinternen Machtstrukturen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2015)

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