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Schlachten nachgestellt: "Ist okay, schön zu sterben"

Reenactor Napoleon Erzherzog Carl
(c) Norbert Rief (Norbert Rief)
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Im Mai 1809 besiegten österreichische Truppen den bis dahin ungeschlagenen französischen Kaiser Napoleon. 200 Jahre später feiern Hobbyhistoriker den Sieg mit Reenactments. Ein Besuch im Feldlager.

Es ist ein schlechter Tag zum Sterben. Die Sonne brennt vom Himmel, die Temperatur nähert sich der 30-Grad-Marke, und dazu die dicke Wollhose, die Jacke, der Helm. Eigentlich muss man gar nicht erschossen werden, man schwitzt sich ohnehin in dieser Montur zu Tode. Dennoch: Was sein muss, muss sein. Also sinkt Petro tödlich getroffen zu Boden, stöhnt laut auf, windet sich und liegt dann regungslos im Gras. Schon zum dritten Mal an diesem Tag. Es ist kein Spaß, im Jahr 2009 ein napoleonischer Soldat aus dem 19. Jahrhundert zu sein.

Petro Gastal ist ein „Reenactor“, eine der Personen, die Geschichte nachstellen und selbst leben. Vielleicht zehn-, 15-mal im Jahr. Dann schlüpft der Jurist aus Prag in die maßgeschneiderte Uniform des „1er Regiment de Grenadiers a Pied“ mit der schönen blauen Jacke, den goldenen Rangabzeichen, roten Ärmeln, der Pelzhaube und schießt oder lässt sich erschießen.

Letzteres zur Zeit an beinahe jedem Wochenende irgendwo in Österreich. Denn das Land feiert einen historischen Sieg über Napoleon: Am 21. und 22. Mai 1809 trieben 75.000 Österreicher unter Erzherzog Karl Frankreichs selbst gekrönten Kaiser in die Flucht. Zum ersten Mal erlitt das militärische Genie eine Niederlage auf dem Schlachtfeld. Zwar revanchierte sich der kleine Korse sieben Wochen später bei Wagram, wo er trotz enormer Verluste die Österreicher zum Rückzug zwang. Aber mit der Niederlage bei Aspern war der Nimbus von Napoleons Unbesiegbarkeit dahin.


Einzigartige Statue. Kaiser Franz Joseph I. dankte es Erzherzog Karl mit einem großen Reiterdenkmal auf dem Heldenplatz in Wien, das sich dadurch von allen anderen abhebt, dass das Pferd nur auf den Hinterbeinen steht – eine revolutionäre Leistung von Bildhauer Anton Dominik Fernkorn, die er bei der gegenüberliegenden Statue von Prinz Eugen nicht mehr wiederholen konnte (das Pferd ruht dort auch auf dem Schweif). Und Österreich feiert es 200 Jahre später mit Ausstellungen, Vorträgen, Seminaren und Nachstellungen der Schlacht – von Wiener Neudorf über Großenzersdorf (an diesem Wochenende) bis Deutsch-Wagram. Sehr zur Freude der vielen Hobbyhistoriker, die endlich wieder ihre Uniformen abstauben und eine Zeitreise zurück ins 19. Jahrhundert unternehmen dürfen.

Aus dem napoleonischen Zeltlager steigt weißer Rauch auf. Soldaten stehen im Kreis um ein Feuer, ihre Gewehre kunstvoll zu einer Pyramide drapiert. Plötzlich spielt irgendwo ein Handy die penetrante Nokia-Melodie. Ein peinlicher Fauxpax, der eigentlich nicht passieren sollte. Denn alles hier soll möglichst so sein, wie es vor 200 Jahren war: das Zelt, der Schlafplatz – eine Decke auf Stroh –, das Essen, das über dem Lagerfeuer gekocht wird, bei manchen sogar die Sprache. „Wir leben die Zeit genauso wie jene, die damals gelebt haben“, erklärt Petro mit einem bösen Blick auf den Handynutzer. Dazu gehört eben der Verzicht auf ein Mobiltelefon – oder zumindest das Aktivieren des Vibrationsalarms.

„Nein, Traditionsverbände sind wir keine“, meint Wolfgang Horak fast entrüstet. Der Niederösterreicher ist an diesem Wochenende Oberst im „Infanterieregiment 3 Erzherzog Carl“ und befehligt die Truppen. „Traditionsverbände treffen sich, machen eine Parade, dann essen sie ein Würstel, trinken ein Bier und gehen wieder heim. Wir stellen die Zeit nach, so wie sie wirklich war.“ In seinem Zelt – dreimal so groß wie das der einfachen Soldaten – hat er ein kleines Waschbecken stehen, einen Hocker, einen Huthalter – alles originalgetreue Nachbauten. „Wir wollen den Menschen nicht nur zeigen, wie es damals war, sondern das auch am eigenen Leib spüren.“

Was man ist, entscheidet man selbst. Warum gibt es dann überhaupt noch Soldaten, warum ist nicht jeder General, Major oder zumindest Hauptmann? Horak: „Als Offizier muss man die Befehle kennen, man muss Truppen führen und kann nicht direkt an den Kämpfen teilnehmen. Soldat zu sein macht sicher mehr Spaß.“ Allerdings wirklich nur im Spiel.

Österreichweit gibt es ein paar hundert Schausteller. Nicht nur aus der napoleonischen Zeit, einige stellen auch Ritterspiele nach. Europaweit sind es etwa 2000 bis 4000 „professionelle“ – jene, die sich strikt an die Vorlagen halten; und dazu vielleicht noch einmal so viele, die „nicht wirklich professionell sind“ (Horak), denen es in erster Linie um Lagerfeuerromantik und eine Wochenendbeschäftigung geht. „Da kann man dann durchaus reine Offiziersregimenter haben.“

Natürlich sind alle Österreicher Österreicher, auch die Ungarn sind wieder Österreicher. Die napoleonischen Kämpfer hat man aus Tschechien holen müssen, bescheidene neun sind es an diesem Wochenende, die zusammen mit vielleicht 80 k.k. Infanteristen und zehn Mitgliedern der Kavallerie das „Histotainment“ zur Eröffnung der großen Napoleon-Ausstellung auf der Schallaburg liefern.


Schlacht von Wagram. Zum zweiten Mal an diesem Tag tritt man zu einem Gefecht an, diesmal im Eingangsbereich der Burg. Die Vorderlader knallen so laut, dass Kinder anfangen zu weinen, Frauen davonlaufen und einige Anwesende wohl nur knapp am Herzinfarkt vorbeigehen. Ein k.k. Offizier aus Ungarn hält mit gezücktem Säbel die Zuschauer zurück, während das Massaker an den Franzosen stattfindet: Petro stirbt wieder einmal („Man muss nicht immer siegen, es ist ja auch okay, schön zu sterben“), die nachrückenden Ungarn steigen achtlos über ihn hinweg und einige Kollegen gehen überhaupt schon auf Mittagspause. Dafür gibt's einen Rüffel von Oberst Horak. Ausgemacht war die Pause später, und schließlich muss hier alles detailliert geplant sein: Wer kämpft, wer stirbt, wer verliert – und wer wann auf Pause geht.

Eine besondere Herausforderung wartet Mitte Juli in Marchegg auf die Organisatoren, wenn mehr als 1000 Rollenspieler die Schlacht von Wag-ram nachstellen werden. Fast 350.000 Soldaten aus Österreich und Frankreich (plus dessen Satellitenstaaten) standen sich Anfang Juli 1809 in einer der blutigsten Schlachten der Geschichte gegenüber.

Tagelang metzelten sich die Soldaten nieder, mehr als 70.000 Tote später unterzeichnete Erzherzog Karl den Waffenstillstand von Znaim. Eine Tragödie – aber für Petro endlich wieder eine Chance zu siegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2009)