In den vergangenen Jahren war Familie Gazerov mehrfach im Ausland auf Urlaub. Heuer wird stattdessen gespart, die Datscha mit Gastarbeitern fertig gebaut und über das "alte Europa" sinniert.
Der alte Saab 900, Baujahr 1989, ist inzwischen verkauft. Noch vor eineinhalb Monaten hatte sich Boris Gazerov die Rüge seiner Frau Julia eingeholt, ein billiger Jakob zu sein, weil er nicht 3000 Dollar für die kaum fahrtüchtige und seit Jahren im Hof abgestellte Karre verlangt hatte. Aber selbst wohlgesinnte Freunde hätten nicht zu träumen gewagt, dass er am Ende doch noch 900 Dollar dafür kriegte.
Schon hat das Paar andere Sorgen: etwa mit dem Kindergarten für Töchterchen Polina (4). Kein Thema wird auf Russlands Spielplätzen mehr debattiert als dieses, da können nicht mal Alternativmedizin, Wunderheiler oder die epidemische Angst vor Verhexung (sic!), von der alle zu jeder Tageszeit reden, mithalten. Wer es ernst mit dem Leben meint, setzt sein Kind gleich nach Ausstellung der Geburtsurkunde auf die endlosen Wartelisten der Kindergärten.
Alles wird schon. Den Gazerovs vorzuwerfen, sie meinten es nicht ernst mit dem Leben, wäre unfair. Man braucht nur ihren familieneigenen Schlendrian positiv umzudeuten, dass sie nämlich aus Achtung vor dem Leben nicht sehr in den natürlichen Weg, den es sich selbst bahnt, eingreifen möchten. „Wir sind Schludrians“, präzisiert Boris. In der Tat geht eher ein Kamel durchs Nadelöhr als die Gazerovs in den nächsten Kindergarten, um mal vorzufühlen, obwohl sie seit Wochen beteuern, dass das auf der Prioritätenliste ganz oben steht.
Der Tochter ist's egal, weil sie ohnehin lieber bei den Großeltern ist und dort verhätschelt wird. Und auch Julia, die heute Abend erst um halb elf aus dem Shoppingcenter kommt und zur Freude ihres sparsamen Mannes nur ein einziges Kleidungsstück gefunden hat, ereifert sich nicht darüber.
Objekt von Julias Empörung sind die Visaregeln der EU. Weil aber nach russischer Ehetradition die Frau ihren Unmut über die Welt erst mal in einem Stellvertreterkrieg mit ihrem Mann ablässt, besinnt sich Julia kurzzeitig einer anderen Kränkung: „Wie viele Jahre warte ich schon auf diese Dokumentarfilmserie?“, fragt sie wieder mal in Richtung ihres Mannes, der sich vorsichtshalber zum Herd umgedreht hat und Kaffee kocht: „Er weiß schon, welche ich meine. Aber er hat's wieder vergessen. Zum Geburtstag wünsch ich mir's!“
Russisches Schmollen. Von der EU wünscht sie sich die Besinnung auf die kulturelle Nähe zu Russland und die Abschaffung des Visums für Russen. „Araber und Türken lasst ihr rein, aber uns nicht!“, wiederholt sie ein verbreitetes Unverständnis: „Ihr kennt nur unsere Oligarchen, die bei euch Urlaub machen. Uns Normalsterbliche kennt ihr nicht, altes Europa.“
Und zum hundertsten Mal überlegen die Gazerovs jetzt, doch die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen, auf die Boris aufgrund seiner jüdischen Mutter Anspruch hat, und dann mit einem israelischen Reisepass ohne Visum durch Europa zu fahren. Fremd habe sie sich heute in Moskaus U-Bahn gefühlt, erzählt Julia: Dort sei nicht ihr Publikum. „Du glaubst doch nicht, dass du dich in der Pariser U-Bahn mehr zu Hause fühlst!“, sagt Boris.
Chronisch will Julia weg, um dann doch zu bleiben. Elf Ziele habe sie sich heute während der Arbeit in der Werbeagentur ausgedacht, erzählt sie: „Zum Urlauben, aber auch zum Leben. Zum Beispiel die USA, Goa in Indien. Australien, London, Schottland, Rom, Wien.“ Der Reisepass fehlt, erinnert Boris: „Nämlich auch der russische.“ Vor Kurzem hat ihn Julia verloren. Und bis der neue da ist, geht mindestens ein Monat ins große Russland.
Tatkräftige Tadschiken. Da werden sie heuer auch bleiben: Wegen der Krise hat Immobilienmakler Boris erst eine Wohnung verkauft, und Julias Lohn wurde um 20% gekürzt. Schon haben sie begonnen, ihre Datscha nahe Moskau fertigzustellen, und profitieren davon, dass die Arbeitslosigkeit auch die Preise gesenkt hat: „Wir brauchen unsere weißrussischen Gastarbeiter nicht mehr extra kommen zu lassen“, sagt Boris: „Auf Schritt und Tritt dienen sich Gastarbeiter an. Tadschiken bauen uns jetzt die Veranda. Für 350 Euro!“
Die Krise hat auch die Alarmbereitschaft wieder erhöht: Letzte Woche wurde in die Wohnung über den Gazerovs eingebrochen. „Das hatten wir in den 90ern“, sagt Julia: „Wir haben schon viele Krisen durchlebt. Daher sind unsere Muskeln immer angespannter als bei anderen. Wir Russen gehen öfter in den Sportklub“, sagt sie pointiert.
„Sie spricht symbolisch“, stellt Boris klar: „Ich war doch noch nie im Fitnesscenter.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2009)