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„Universum History“: Erinnerungen an den Kalten Krieg

?Universum History? verfilmt Spionagefall Margarethe Ottillinger
Dieter Pochlatko, Kollegen Thomas Cowperwood und Regisseur Klaus T. Steindl(c) ORF (Hubert Mican)
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Ursula Strauss ist zu jung, um sich an den Eisernen Vorhang zu erinnern. In der Rolle der Margarethe Ottillinger spielt sie nun ein Opfer des Kalten Krieges.

Gleich wird Ursula Strauss zum Verhör abgeholt werden. Noch sieht sie recht adrett aus, im figurbetonten petrolfarbenen Kleid mit weißem Spitzenkragen, die Haare frisiert, die Lippen in leuchtendem Kirschrot – doch im russischen Gulag wandelt sich die junge Frau, die sie darstellt, zu einem erbärmlichen Anblick. „Ach, und du bist der böse Wachmann“, sagt Strauss und lacht Thomas Cowperwood an, der in der russischen Uniform mit dem roten Stern an der Mütze auf dem Gang steht und wartet.

Wenn die Kollegen von der Kameratechnik mit den Vorbereitungen im „Verhörraum“ fertig sind, wird sich der junge Mann in einen ungemütlichen russischen Wachbeamten verwandeln – und Strauss in ihrer Rolle als Margarethe Ottillinger verhören. Ottillinger? Wer den Namen nicht kennt, ist in guter Gesellschaft: „Ich bin ein bisschen irritiert, dass ich noch nie von ihr gehört habe“, bekennt Strauss, „aber ich habe auch nur ganz wenige Menschen gefunden, die sie kennen – dabei ist sie eine unglaubliche Frau gewesen.“

1919 in Wien geboren, war Margarethe Ottillinger schon mit Ende zwanzig Sektionschefin bei ÖVP-Minister Peter Krauland. Im November 1948 – es herrschte Kalter Krieg – wurden die beiden an der alliierten Zonengrenze von den Sowjets kontrolliert, Ottillinger wegen angeblicher Spionage verhaftet und verschleppt. Sie musste sieben Jahre Gefangenschaft und Zwangsarbeit in den Gulags von Potma und Wladimir überleben, bevor sie nach Österreich zurückkehren konnte. Durch ihr umfassendes Wissen um die österreichische Stahl- und Ölindustrie habe sie dafür gesorgt, dass Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg besonders vom Marshall-Plan profitieren konnte, sagt Produzent Dieter Pochlatko. Er habe nicht lang gezögert, diesen Film zu produzieren. Für ihn ist Ottillinger „eine große österreichische Heldin“.

„Sie ist sicher eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der österreichischen Nachkriegsgeschichte“, findet auch Regisseur Klaus T. Steindl, der das „Universum History“ über Margarethe Ottillinger für den ORF dreht. Die Geschichte habe „alles, was ein spannender Film braucht“: Unschuldig verhaftet und deportiert, entging Ottillinger in Russland nur knapp der Todesstrafe. Dass Strauss die Spielszenen dreht, freut Steindl: „Strauss und Ottillinger sehen einander ähnlich“, findet er. „Sie ist aber auch schauspielerisch die beste Besetzung, weil man in dieser Rolle sehr wandlungsfähig sein muss: von der feschen jungen Frau bis zu einer Schwerkranken muss man alles durchmachen – und sie macht das großartig.“

 

Badens Kaserne: „Wie beim KGB“

Begeistert ist Steindl von den Drehorten. Am Montag brach die Crew nach Russland auf – gemeinsam mit dem Historiker Stefan Karner, der in russischen Archiven nach den Hintergründen im Fall Ottillinger geforscht hat. Die Folter- und Gefängnisszenen wurden in der Martinek-Kaserne in Baden gedreht. „Das ist eine tolle Location. Wenn man da durch die Gänge geht, glaubt man, man ist in der Verhörzentrale des KGB.“ Ende 2013 wurde die Kaserne aufgelassen, nun erobern die Pflanzen Straßen und Wege, der Putz fällt von den Wänden, und es riecht muffig nach Schimmel und mangelnder Belüftung. „Ich riech das gar nicht mehr“, lacht Strauss – „aber es hilft einem, sich in die Verhörsituation hineinzuversetzen“. An den Kalten Krieg kann sich die 1974 geborene Schauspielerin kaum erinnern. „Ich weiß nur, dass der Eiserne Vorhang ein geflügeltes Wort war. Aber als Kind konnte ich mir nichts darunter vorstellen.“

ZUR PRODUKTION

„Spiel mit dem Feuer: Der Fall Margarethe Ottillinger“ heißt das „Universum History“, das derzeit im Auftrag des ORF in Österreich und Russland gedreht wird. Regisseur Klaus T. Steindl und Produzent Dieter Pochlatko (EPO-Film) wollen mit dieser Doku über die Zeit des Kalten Krieges an die 1948 von den Russen verschleppte Sektionschefin erinnern, die viel für den österreichischen Wiederaufbau getan hat. Ursula Strauss verkörpert in den Spielszenen die junge Frau, die als „Spionin“ verhaftet wurde – die Hintergründe sind bis heute nicht geklärt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2015)