Formel 1: Der Mythos Monte Carlo

Formel 1 in Monaco
Formel 1 in Monaco(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Mathias Kniepeiss)
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"Rennfahren in Monte Carlo ist wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer", sagte einst Nelson Piquet über den Formel-1-Klassiker. Am Sonntag ist es wieder soweit. 35.000 Zuschauer passen heuer auf die Tribünen.

Seit 1929 öffnet Monte Carlo einmal pro Jahr seine Straßen dem Rundkurssport. Neben der Rallye zählt die Formel1 seit 1955 zu den Aushängeschildern der Großgeldsiedlung. Nirgendwo sonst drängen sich während der GP-Tage so viel Geld, Schönheit und Glamour. Normalerweise liegen die Jachten der Milliardäre am Formel-1-Wochenende für eine „Parkgebühr“ von 100.000 Euro so dicht aneinander gepresst im Hafen wie Sardinen in der Dose. Doch heuer ist zwischen den Jachten viel Wasser – die Wirtschaftskrise macht auch vor Monte Carlo nicht halt.

Hatte es früher angesichts der hohen Anzahl von Luxuskarossen den Anschein, als würden Rolls Royce oder Ferrari ein Promotion-Weekend veranstalten, hat diesmal deren Dichte sichtbar abgenommen. Für das Wochenende haben sich zwar einige Schauspieler vom Filmfestival in Cannes angekündigt. Aber viele VIPs und Stammgäste bleiben fern. Die High Society kneift: Das Wochenende im „Le Meridien“ kostet 1350 Euro, Luxus-Pakete sind ab 15.500 Euro zu haben. „Keiner will dabei gesehen werden, wie er Geld ausgibt“, meint Chefvermarkter Bernie Ecclestone irritiert. Dennoch: Der GP von Monaco (Start Sonntag 14 Uhr) gilt neben den 24 Stunden von Le Mans und den 500 Meilen von Indianapolis als der Motorsport-Klassiker.

An diesem Event konnte auch Hollywood nicht vorbei. 1966 wurde der „Grand Prix“ verfilmt und startete damit eine Serie von grandiosen PS-Filmen wie „Le Mans“ (Steve McQueen). Diese beiden Städte ragen auch unangefochten aus den Motor-Citys empor. Weder Adelaide, Detroit, Las Vegas (auf dem Parkplatz vor dem Caesars Palace wurde einst renngefahren), Long Beach noch F1-Neueinsteiger wie Singapur oder Valencia vermochten diesen Hype bis dato zu überbieten.

Für F1-Piloten ist der Kurs durch Monte Carlo vorbei am Casino, mit Rascasse-Kurve, Tunnel oder der Hafeneinfahrt jedes Jahr eine neue Herausforderung. Kein Team weiß, wie sich der Bolide auf der von Bodenwellen und Kanaldeckeln gesäumten Strecke verhält. Auch ist nirgends der Abstand zu den Leitplanken so gering wie im Fürstentum: Oft passt auf dem 3,34 Kilometer langen Kurs nur noch ein Löschblatt zwischen Auto und Absperrung.

Dass auch die Angst vor einem Unfall im Cockpit sitzt, ist bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 170 km/h leicht verständlich. In 78 Runden warten 1000 Kurven und, um den Daumen gepeilt, 3000 Schaltvorgänge. Aufsehen erregte daher auch so mancher Unfall. 1955 fischten Matrosen den Italiener Alberto Ascari gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser, sein Bolide versank jedoch im Meer. Während Lorenzo Bandini 1967 tragisch in Strohballen verbrannte, sprang der Tiroler Karl Wendlinger 1994 nach einem Crash am Ausgang des Tunnels dem Tod noch von der Schaufel.

35.000 Zuschauer passen heuer auf die Tribünen, die entlang der Strecke von 500 Mitarbeitern montiert werden und nach 810 Tonnen Stahl verlangen. 5500 Leitplanken säumen mit 1650 Pfeilern den Rennweg, den 590 Streckenposten zwischen 6300 als Schutzwall gedachten Reifen hüten.

Während die Stars der Szene um den Sieg rasen und der 1994 verunglückte Brasilianer Ayrton Senna mit sechs Monte-Siegen weiterhin die inoffizielle WM-Wertung anführt, liefern sich Gastronomie und Hotellerie ungeachtet aller wirtschaftlichen Entwicklungen ein anderes Match. Ist die Formel 1 zu Gast, ist Zahltag im Steuerparadies. Daran vermag auch eine Wirtschaftskrise nichts ändern. Im GP-Café „La Rascasse“ sitzt, wer wirklich Geld hat. Für 1000 Euro werden Bier und Pizza serviert, dafür ist der Blick durch den Maschendrahtzaun auf die Strecke frei. Im „La Coupole“ ist ein F1-Dinner 800 Euro teuer, im „Hotel de Paris“ kostet ein Platz nahe am Circuit immerhin 200 Euro. Wer das Nachtleben genießen will, kommt am berühmtesten Nachtklub „Jimmy'Z“ nur schwer vorbei. Aber auch hier reguliert der Preis die Jetset-Klientel. Das Fläschchen Mineralwasser gibt's um erfrischende 75 Euro.

(c) Die Presse / GK

Den Reichen, Schönen und Adabeis, die sich an diesem Wochenende in Monte Carlo tummeln, ist das egal. Hauptsache, die Kugel rollt, Pardon: das Auto fährt und der Sieger wird traditionell in der Loge von Fürst Albert II. und nicht auf irgendeinem Podest geehrt. Allein deswegen bleibt Monte Carlo einzigartig. Budgetstreit hin, Wirtschaftskrise her.


("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2009)

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