Café mit Sandstrand? Der traditionelle Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer will sich ein neues Image verpassen und nimmt Dutzende ungewöhnliche Lokale als Mitglieder auf. In den Klub der Gewinner.
Auch so sieht also ein Wiener Kaffeehaus aus: Gäste, die in Liegestühlen liegen und brunchen, dazu die bloßen Füße in den Sand stecken, daneben rollen die Sportlicheren ihre Matten zur Gratis-Yogastunde aus. Im Hintergrund legt FM4-DJ John Megill auf. Das klingt, genau, nach Sonntagvormittag in der Strandbar Herrmann. Die sich – und das mag überraschen – offiziell „Wiener Kaffeehaus“ nennen darf.
Denn der „Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer“, bislang eher dem traditionellen Typus des Cafés verpflichtet, hat die Strandbar am Donaukanal vor einiger Zeit zum Mitglied gemacht. Das hat die Herrmann-Chefs „überrascht und geehrt“, wie Geschäftsführer Rudi Konar sagt. Und ist kein Versehen: Denn der Klub will sich „neu und zeitgemäß aufstellen“, sagt Obmann Maximilian Platzer, sich ein moderneres Image verpassen. Dafür sollen neue Mitglieder à la Strandbar Herrmann sorgen, die den strengen Klubkriterien entsprechen und trotzdem frischen Wind in den Klub bringen. Dessen Mitgliederliste haftet bisher eher ein traditioneller (um nicht zu sagen: verstaubter) Touch an: Die alten Großen, das Hawelka, das in diesem Monat seinen 70. Geburtstag feiert, das Sperl, das Prückel, sie alle sind seit Jahrzehnten dabei.
Der erhoffte Imagewandel hat einen Hintergrund: Im nächsten Jahr setzt WienTourismus in der Wien-Bewerbung einen Kaffeehäuser-Schwerpunkt. Und da kann es nicht schaden, einige neue, ungewöhnliche „Cafés“ dabeizuhaben. Die auch in einem neuen Kaffeehausführer gut kommen würden, über den Platzer derzeit nachdenkt. „Breiter werden, moderner, entstauben“, formuliert es Klubschriftführer und Landtmann-Chef Berndt Querfeld. „Es hat Charme, ganz andere Denkrichtungen in der Gruppe zu haben.“
Dafür hat die Klubführung in den vergangenen Wochen Anwärter getestet. Auch wenn Platzer betont, „dass wir keine Restaurantkritiker sind“, klingt das Testverfahren doch ziemlich danach: Zwei bis drei Mal werden die Lokale besucht, um zu prüfen, wie gut das Frühstücksangebot ist, ob Ambiente und Führungsstil stimmen, wie das Personal agiert, ob es – Kaffeehausklischee – einen Zeitungstisch gibt. An die 130 Einladungen werden dieser Tage verschickt – beitreten kann nur, wer vom Klub eingeladen wird –, an ungewöhnliche Lokale wie die „Sargfabrik“, die man bislang eher mit Jazzkonzerten denn mit Kaffeehauskultur assoziiert hat. Oder das „Anzengruber“ im vierten, das „grüne Alternativlokal“ (Platzer) „Blue Tomato“ im fünfzehnten Bezirk. 150 Mitglieder zählt der Klub derzeit, bis zum nächsten Jahr sollen es 250 sein.
Einen finanziellen Hintergrund hat die Expansion eher nicht: Mit den 30 Euro, die die Mitgliedschaft pro Jahr kostet, kommt der Klub nicht weit. Finanziert werden die Aktivitäten (Kulturveranstaltungen, Werbeaktionen, Reisen zu Kaffeemessen) mit den Einnahmen des Klub-Prestigeprojekts: des alljährlichen Kaffeesiederballs in der Hofburg. Braucht ein Kaffeehaus kurzfristig Geld, etwa für einen Klavierabend, „dann helfen wir schnell und unbürokratisch“, sagt Querfeld.
Krise? Nicht im Café! Schlecht geht es den meisten aber ohnehin nicht. In das kollektive Jammern über die Krise stimmen die Kaffeesieder nicht ein. Günter Ferstl, Obmann der Kaffeehäuser, sagt, „dass wir Gott sei Dank bisher keine Einbußen durch die Wirtschaftskrise haben“. Im Gegenteil. Platzer verzeichnet in seinem Café Weimar sogar ein leichtes Plus. Was vor allem einem Trend zu verdanken sei: „Es wird mehr gegessen.“ Ein Effekt der Krise. Offenbar, sagt Ferstl, „geht man, statt teuer à la carte in einem gehobenen Restaurant zu essen, lieber auf ein Mittagsmenü ins Kaffeehaus“. Denn die sind – so überteuert der große Braune in den Touristenlokalen auch sein mag – verhältnismäßig günstig. Auch hier, sagt Platzer, sind die Cafés zeitgemäßer geworden: Neben den klassischen „Sättigungsmenüs“ (Platzer) der Wiener Küche serviert das Weimar heute auch asiatische Gemüsepfannen.
Dass immer mehr Menschen im Kaffeehaus essen, beobachtet Querfeld schon länger. Auch sein Landtmann erweist sich bisher als krisenresistent. Allerdings spüren Cafés mit der Zielgruppe Wien-Besucher die Krise sehr wohl: Querfelds Café Residenz beim Schloss Schönbrunn etwa macht derzeit um 20 Prozent weniger Umsatz, „weil im Schloss die Touristen ausbleiben“. Die will der Klub mit Werbeaktionen zurückholen. Und neue Zielgruppen erobern. Mit jungen Mitgliedern wie der Strandbar.
Was erwartet sich die eigentlich vom Klub? „Na ja“, sagt Strandbar-Chef Konar. „Es ist immer gut, wenn man einer Interessenvertretung angehört.“ Und da es eine solche für Strandbars nicht gibt, wie er lachend sagt, sei man nun eben ein Kaffeesieder. „Bei uns gibt es ja die meiste Zeit über Kaffee“, sagt Konar. „Irgendwie sind wir also ein Kaffeehaus.“ Mit Sand, Strand und Yogamatten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2009)