Finnisch ist das bessere Französisch

Rentiere
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Die Welt wäre besser, würden Weltsprachen nach dem Grad des Amüsements entstehen.

Die Welt könnte eine bessere sein, würden Weltsprachen nicht wegen militärischer Erfolge entstehen, sondern nach dem Grad des Amüsements, das sie bereiten. Unter dieser Voraussetzung hätte es etwa Französisch nie und nimmer zur Lingua franca großer Teile der Welt geschafft. Oder ist es sonderlich amüsant, auf Französisch zu zählen? Dann sagen Sie mal zum Beispiel „97“ – quatre-vingt dix-sept, übersetzt so viel wie „vier Mal zwanzig und siebzehn“. Nicht lustig? Na eben. Und jetzt versuchen wir das Ganze einmal auf Finnisch: Yhdeksänkymmentäseitsemän. Da springt doch das Herz vor lauter Freude.

Oder nehmen wir einen lauen Sommerabend, Sie sitzen eng umschlungen mit der oder dem Angebeteten auf einer Parkbank und möchten eine innige Sympathiebekundung durchführen. „Je t'aime“ klingt da doch nur abgedroschen. Viel origineller und treffender kommt es, wenn Sie zärtlich „Minä rakastan sinua“ in das Ohr des Gegenübers hauchen. Der Erfolg sollte damit jedenfalls gesichert sein. Und selbst im Fall der Ablehnung haben Finnen mehr zu lachen, wenn beim mitfühlenden „leider“ statt eines weinerlichen „malheureusement“ ein strammes „valitettavasti“ auf den Lippen geformt wird.

Möchten Sie sagen, dass etwas „sofort“ zu geschehen hat, müssten Sie das mit „silmänräpäyksessä“ ausdrücken. Und sollten Sie je in die Situation kommen, nach einem „Feuerlöschschlauch“ fragen zu müssen, käme mit „Pikapaloposti“ eines der wohl schönsten Worte der Welt zum Einsatz. Ebenso traumhaft klingt der Komparativ von warm – „lämpimämpi“. Wer braucht da noch Französisch? Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist. Und Finnisch ist keine Weltsprache. Valitettavasti...


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2009)