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Österreich ist Sieger – jetzt müssen wir nur noch lernen zu gewinnen

Der Erfolg der österreichischen Fußballnationalmannschaft ist eine durch und durch erfreuliche Geschichte. Damit muss man erst einmal umgehen lernen.

In Österreich Fußballfan zu sein ist wirklich nichts für Opportunisten. Unverdrossen „Immer wieder“-rufend wird man da seit (Fußballer-)Generationen sandgestrahlt von Debakeln, Beinah-Erfolgen und tiefsten Enttäuschungen. Immer, immer wieder. Der einzige verlässliche Gefährte durch dieses Fußballjammertal war bisher der Konjunktiv. Wenn der eine Elfmeter gegeben bzw. das eine Abseits nicht gegeben, der Hans Krankl noch aktiv gewesen und die Partie nach der ersten Halbzeit abgepfiffen worden wäre.

Wenn. Dann. Tja.

Und in dieser Niederlagenroutine hat man es sich dann mit der Zeit bequem gemacht, mit ein bisserl Ironie, Resignation und (nur versteckt, damit es keiner merkt) Traurigkeit. Doch dann kommt zuerst die Fußball-EM im eigenen Land, wo man sich immerhin nicht blamiert, eine WM-Qualifikation, in der man es (Achtung, Konjunktiv!) fast geschafft hätte (diesmal aber wirklich), und nun die erste Qualifikation für eine Europameisterschaft. Das Land der Wintermärchen hat sein Sommermärchen. Als Gruppenerster. Mit Siegen gegen Schweden und Russland. Schön. Unglaublich. Unglaublich schön.

Schön vor allem auch, weil die Protagonisten dieser Geschichte mit Happy End allesamt irgendwie als Role Model taugen. Nicht nur im sportlichen Sinn, sondern ganz grundsätzlich. Allen voran David Alaba, der sich mit seiner seltenen Mischung aus Talent, Bodenständigkeit und Schmäh in einer Weltsportart einen Namen gemacht hat. Und vor allem den österreichischen Kindern wie fast kein Zweiter als Inspiration dient und zeigt, dass einem die ganze Welt offensteht. Auch oder gerade als Österreicher. Wie viel dieses neu gewonnene Selbstverständnis wert sein kann, wird man wahrscheinlich erst in zwanzig Jahren abschätzen können. Und als Gegenpol zu Alaba, dem Überperfekten, gibt es eine Figur, die kein Drehbuchautor besser hätte hineinschreiben können: Marko Arnautović. Der arrogante, sich überschätzende, über sich selbst gestolperte Gefallene, der in der Nationalmannschaft neben Zuneigung, Stabilität und Geborgenheit auch seine Form wiedergefunden hat.

Am meisten lernen kann man allerdings vom Trainer: dem Schweizer (die Nationalität ersetzt hier alle denkbaren Adjektive) Marcel Koller. Der dem Austrian Blend (Selbstzweifel und Kränkung behübscht durch Größenwahn) so spröde Dinge wie Strategie, Konsequenz und nachhaltiges Arbeiten entgegensetzt. Der Österreich vor allem auch im richtigen Einordnen von Erfolgen trainiert. Denn wer so viel verloren hat, hat schlicht keine Übung mehr im Gewinnen. Woher denn auch? Nur so ist es auch zu erklären, dass sich viele nach der ersten Qualifikation zu einer EM gleich als Geheimfavorit auf den Titel nächstes Jahr in Frankreich sehen. Der Sensationszwölfjahresplan gibt das ja quasi vor: 1992 Dänemark, 2004 Griechenland, 2016 . . .

Österreich sehnt sich so sehr nach internationaler Anerkennung, dass viele oft nur schwer damit umgehen können, wenn sie dann plötzlich unverhofft um die Ecke biegt. Drei Oscars in Folge, ein erster Platz beim Song Contest, ein paar Fußballsiege. Alle haben sich schon so lang aufs Feiern gefreut, dass alles meist zu laut, zu euphorisch, zu unreflektiert gerät. Denn meistens haben diejenigen, die gewonnen haben, ihren Weg außerhalb von Österreich gemacht. Nicht nur Michael Haneke, sondern natürlich auch Martin Harnik, um nur einen zu nennen. Und es kommt nicht ganz von ungefähr, dass die ersten Elf, die zur Europameisterschaft fahren, mit einer Ausnahme nicht in Österreich Fußball spielen, sondern in Deutschland, England, der Schweiz und der Ukraine.

Nach dem Erfolg kommt also nun das Schwierigste: das Gewinnen lernen. Ein paar Erfolgsrezepte gibt es auch dafür: 1. Es sind nie „wir“, die gewonnen haben, sondern immer die Sportler, die auch auf dem Rasen gestanden sind. 2. „Wir“ werden auch wieder verlieren. Und 3.: Vielleicht könnte man zur nächsten ORF-Übertragung einen Kommentator schicken. Und keinen Fan.

Wobei wir wissen: Die echten Fans sind immerhin keine Opportunisten . . .

E-Mails an: florian.asamer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2015)