Studierende der Kunstakademie besorgten eine Neuaufstellung der Sammlung. Es geht plötzlich um sehr vieles, um Liebe und Frauen und Aneignung – und den Ex-Direktor.
Es ist natürlich schwer, eine große Ausstellung zusammenzustellen. Das ist es schon für einen, für zwei Kuratoren. Wie machen das dann 22? So viele werden als Ausstellungsmacher für die neue Aufstellung der Sammlung im Wiener Mumok gelistet. Es ist eine ganze Klasse, die der Critical Studies von Pop-Philosoph Diedrich Diederichsen auf der Kunstakademie. Ganz danach klingt der Titel: „Zur feministischen Appropriation des österreichischen Unbewussten“ steht darunter, man hätte auch „Aneignung“ statt des Zungenhasplers schreiben können. Der Übertitel ist süffiger: „Blühendes Gift“. Herrlich. Bezieht sich auf den Titel einer Zeichnung in einer Mappe einer Künstlerin, die Ursula heißt und gar nicht in der Ausstellung vertreten ist, egal eigentlich, erfährt man. Aber es klingt so schön, vor allem auf Englisch: „Prosperous Poison“.
Da kriegt dann terminologisch auch der Kunstmarkt sein Hiebchen ab, das ist er gewöhnt aus dieser Richtung. Dennoch, viele der hier gestellten Fragen muss man stellen, immer wieder: Warum ist ein Gemälde von Helene Frankenthaler auf dem Markt so viel weniger wert als das ihres Zeitgenossen Jackson Pollock? Für das Mumok ist Frankenthalers „Salome“ trotzdem eines der Signaturstücke. In der Ausstellung ist es eines der wenigen Werke, die man wiedererkennt.
Schnelle Verurteilung Boeckls
Viele Künstlerinnen sind auf den dreieinhalb Stockwerken vertreten, unproportional viele im Vergleich zum Sammlungsbestand. Darauf sollen Sichtschlitze, „Leerstellen“, in den Wänden hinweisen. Die ganze Ausstellung ist sehr literarisch gestaltet, unterteilt auch in fünf „Chapters“ mit Titeln, die allerdings vieles offenlassen. Am besten lässt sich „Love“ nacherzählen: Es beginnt mit dem Performance-Foto der Moskauer Konzeptkünstler Rimma Gerlovina und Valerij Gerlovin, die 1977 mit Adam- und Eva-Kostümen herumliefen. Kleinstfamilie sozusagen. Es endet mit der plakativen „Scheidung“ von Konrad Klapheck, dem Bild einer Zersägung einer runden Stange. Dazwischen liegt u.a. die tragische Liebesgeschichte des Bildhauers Carl Andre und der Performerin Ana Mendieta, die sich aus dem Fenster der gemeinsamen Wohnung stürzte, die Umstände wurden nie geklärt. Auf dem Boden liegt stellvertretend dafür im Mumok eine Triangel aus Stahlstäben Andres. Hebt man den Blick, sieht man auf dem begehbaren Podium, wiederverwertet von der vorangegangenen Aktionisten-Ausstellung (Recycling des Ösi-Unbewussten!), ein seltsames Paar: Eine „Beobachter“-Statue von Louise Bourgeois blickt starr auf den Weltgerichtsentwurf von Herbert Boeckl, das hat sie sicher noch nie gesehen. Boeckl habe seine NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Krieg nicht gemeldet, heißt es zu dem Bild im Begleitheft lapidar, weshalb er als provisorischer Rektor nach dem Krieg gleich wieder abberufen wurde. Dass sein jahrzehntelang veranstalteter „Abendakt“ die kreative Keimzelle der Akademie war, bleibt unerwähnt. Was hängen bleibt, ist eine schnelle Verurteilung.
Man habe sich in der Auswahl von Biografischem und „Gossip“ leiten lassen, geben die Studierenden an. Sensibel beraten wurden sie dabei nicht. So wird gerade der ehemalige Mumok-Direktor fast lustvoll angeschwärzt, wenn im Zentrum des ersten Raums das bizarre Werk „Kurt Schlögl schenkt dem Mumok sein Herz“ steht: Ein Plüschherz auf einem Keramikständer, kitsch as kitsch can. „Von der Freundschaft zwischen Edelbert Köb, dem ehemaligen Direktor des Mumok und einstigen Prorektor der Akademie der bildenden Künste Wien, und Kurt Schlögl zeugen zahlreiche Schenkungen, die vermutlich ebenso selten im Mumok zu sehen sind wie Köbs eigene Schenkung ,Bleiplatte aufgeweht‘“, steht gehässig im Text. Die gar nicht so uninteressante Bleiplatte hängt in Sichtweite. Was wird hier zwischen den Zeilen gespielt? Wir decken auf? Beziehungen? In der österreichischen Kunstszene? Tatsächlich? Nicht, dass man das nicht tun sollte. Aber es wäre mutiger gewesen, es mit der jetzigen Direktorin zu versuchen. Etwa zu fragen, warum gerade die Klasse des Kippenberger-Experten Diederichsen eingeladen wurde, bei der Kippenberger-Intima Karola Kraus auszustellen.
Wenn schon Gossip, liebe Critical Masters, dann bitte reflektierter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2015)