Akademietheater: In der ewigen Geiselhaft der Vergangenheit

FOTOPROBE: ´ENGEL DES VERGESSENS´
FOTOPROBE: ´ENGEL DES VERGESSENS´(c) APA/BURGTHEATER/GEORG SOULEK (GEORG SOULEK)

Die Uraufführung von Haderlaps wunderbarem Roman „Engel des Vergessens“ geriet in Schmiedleitners Regie zur allzu biederen Kunstübung. Das Ensemble ist gut. Gregor Bloéb brilliert als tragische Vaterfigur.

Vor der Feuermauer ragen Holzplanken von der Decke, sie heben und senken sich bedrohlich. Pixelpünktchen umschwirren die Akteure, Bienen summen, Schüsse peitschen, ohrenbetäubende Beats hämmern. Das Pünktchenheer belagert die Menschen, die der Geschichte nicht entrinnen können. Sie fuchteln, stürzen, rennen. Ein bleicher Mond geht auf. Das Licht bleibt düster, auch am Tage. Von den Kärntner Slowenen, ihrer Verfolgung im Dritten Reich, ihrer Diskriminierung bis weit in die Nachkriegszeit hinein handelt Maja Haderlaps Roman „Engel des Vergessens“, für den sie 2011 den Bachmann-Preis bekam. Aber es geht auch noch um anderes: darum, wie die Vergangenheit schwer auf der Gegenwart lastet, die Katastrophen der Alten die Jugend überwuchern und lähmen; und es geht um die raue Kärntner Natur, abseits der idyllischen Seen und malerischen Touristenhochburgen. Haderlaps Buch führt in unzugängliche Täler, auf schroffe Berge, in rauchgeschwärzte Küchen und finstere Keller.

Ein Mädchen wird sozialisiert. Naiv, liebesbedürftig, keck und neugierig ist die Kleine, zu neugierig. Nachdem sie ihre Familiengeschichte erfahren hat, die Traumata ihrer liebsten Menschen, bleibt ihr nur die Flucht aus dem Dorf. Die geistige Welt soll die junge Frau vor den Geistern schützen. Haderlaps Buch ist ein Entwicklungs-, ein Coming-of-Age-Roman, ein breit gefächertes Genre, zu dem so unterschiedliche Stoffe wie „Parzival“ oder „Harry Potter“ zählen.

 

Elisabeth Orth als weise Großmutter

Die Uraufführung der szenischen Fassung von „Engel des Vergessens“ hat Georg Schmiedleitner inszeniert, der zuletzt bei den Salzburger Festspielen und im Burgtheater „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus würdig und bildstark belebte.

Die Produktion, die Dienstagabend im Akademietheater Premiere hatte, konzentriert sich auf die Historie der Kärntner Slowenen. Diese ist kristallisiert in der Großmutter, die im KZ Ravensbrück litt, und dem Vater der Ich-Erzählerin, der als Bub von den Nationalsozialisten gefoltert wurde. Diese wollten erfahren, wo sich sein Vater, der bei den Partisanen kämpfte, aufhielt. Elisabeth Orth spielt die Großmutter, herb, weise, dominant, grimmig, mit einem Anflug von Komik, wenn sie sich vom Totenbett noch einmal erhebt, um letzte Anweisungen zu geben. Die Orth ist die Orth und wunderbar, bloß etwas zu sehr städtische Grande Dame, trotz schwarzem Kittel. Den legt sie irgendwann ab und entblößt ihren Oberkörper, um ihrer Enkelin das Alter zu erklären.

Dieses Kind, „Ich 1“, spielt Alina Fritsch, mit einigen bewegenden Momenten, wenn sie sich um den Vater bemüht, sich an ihn klammert, ihn retten und heilen will. Das herangewachsene „Ich 2“ (Alexandra Henkel) hingegen zeigt wie die Mutter (Petra Morzé) Distanzierungstendenzen vom väterlichen Dauerdrama. Gregor Bloéb spielt diesen Familienvorstand. Er ist die authentischste Figur in dieser Aufführung – und atemberaubend: Ein (slowenischer) Bergler, der gelernt hat, sein Zartes in rohem Auftrumpfen zu verstecken. Er singt, tobt, knattert mit dem Motorrad herum, begeistert sich für die Landwirtschaft (Obstbäume, Schnaps) und für den Hausbau (Erst die alte Hütte abreißen!). Durch diesen Vater wehen südliche Romantik und der Sturm vom Hochobir, ein 2000er in den Karawanken bei Bad Eisenkappel, wo Haderlap herstammt.

Alte wie Junge in diesem Buch erinnern an Peter Handkes Geschichten. Aber sie stecken, wie man in Kärnten sagt, „knietief in der Erde“, sind weniger luftige Poesiegestalten. „Engel des Vergessens“ ist in gewisser Weise eine andere Seite von Handkes „Immer noch Sturm“. Handke und Haderlap sollen sogar gemeinsam die Landschaft erkundet haben, bevor sie ihre sehr speziellen und genialen Wanderbücher schrieben. Mit dem 2013 verstorbenen Dimiter Gotscheff, der „Immer noch Sturm“ inszenierte, zu sehen in Salzburg und an der Burg, war Handke allerdings besser bedient als Haderlap mit Schmiedleitner. Vielleicht sollte sie ein richtiges Stück schreiben. „Engel des Vergessens“ bietet rund zwei Stunden ansehnliches Doku-und Bewältigungstheater. Dieses erinnert an die ewige Geiselhaft Vergangenheit, in der wir alle stecken – jenseits politischer Realitäten. Was fehlt, ist der Sog des Buches, das den Zerfall eines Ich schildert, zerrieben zwischen einer archaischen Welt voller Vertrautheit, aber auch voller Abgründe – und einer Sphäre voll Reflexion und intellektuellen Abenteuern. Diese lenken die Ich-Erzählerin – die in der Großstadt Wien Theaterwissenschaft studiert und dem plötzlich klein gewordenen Vater das Universitätsinstitut in der Hofburg zeigt – ab, lassen sie das Entsetzen im Schreiben und im Spiel relativieren.

„Engel des Vergessens“, das Buch, ist unter anderem eine Art Grimms Märchen, ein wahres. Die Aufführung im Akademietheater bietet vor allem handwerklich perfekt gemachtes Anschauungsmaterial über eine Minderheit. Das klingt ein wenig bieder und steril – und so wirkt diese Produktion auch.