Schnellauswahl

Schwierige Integration von Flüchtlingen auf dem Jobmarkt

ARCHIVBILD: THEMENBILD / ARBEITSLOSIGKEIT / ARBEITSMARKT / STELLENMARKT
ARCHIVBILD: THEMENBILD / ARBEITSLOSIGKEIT / ARBEITSMARKT / STELLENMARKT(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
  • Drucken

Daten des Arbeitsmarktservice zeigen, dass viele Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan nicht besonders gut ausgebildet sind.

Wien.Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) ließ am Mittwoch mit einer Überraschung aufhorchen. Er kann sich nun doch eine Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber vorstellen. Im Gegensatz zu Deutschland und anderen EU-Ländern dürfen in Österreich Flüchtlinge erst einen Job annehmen, wenn sie einen positiven Asylbescheid haben. Ein Asylverfahren kann aber ein langwieriger Prozess sein und Monate dauern.

Hundstorfer steht dem Vorschlag von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach einem sofortigen Arbeitsrecht für Asylwerber positiv gegenüber. Ihm sei wichtig, dass „Asylwerber nicht zu Hause sitzen müssen“, so Hundstorfer im „Standard“.

In Deutschland erwartet Arbeitsministerin Andrea Nahles für die Integration der Flüchtlinge 2016 einen zusätzlichen Mittelbedarf von 1,8 Milliarden bis zu 3,3Milliarden Euro. In Österreich wird noch gerechnet. Details dazu sollen bis zur Regierungsklausur am Freitag feststehen. Das Arbeitsmarktservice erklärte am Mittwoch, man könne den zusätzlichen Geldbedarf nicht beziffern.

Allerdings hatte die Wiener AMS-Chefin, Petra Draxl, schon im April zusätzlich 50 Millionen Euro gefordert. Seitdem hat sich der Zustrom von Flüchtlingen massiv erhöht. Das Wiener AMS startete Ende August mit dem „Kompetenzcheck zur beruflichen Integration von anerkannten Flüchtlingen“. Damit sollen die beruflichen Qualifikationen geklärt werden. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, denn das Programm ist für 1000 Teilnehmer ausgerichtet.

 

Nur wenige Ärzte aus Syrien

Anfang September betreute das AMS in ganz Österreich 17.897 Personen mit Asylstatus und subsidiär Schutzberechtigte. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 53,8 Prozent. Von den 17.897 Personen stammen 5007 aus Syrien. Mehr als zwei Drittel der Syrer haben eine Pflichtschulausbildung. Nur sieben Prozent sind Akademiker. Noch schlechter sieht es bei der zweiten großen Flüchtlingsgruppe, den Personen aus Afghanistan, aus. Von den 4221 Afghanen, um die sich das AMS kümmert, sind nur 40Akademiker. Mehr als 90 Prozent haben eine Pflichtschulausbildung, wobei es in einer afghanischen Pflichtschule vermutlich andere Standards gibt.

Wenn ein syrischer Arzt in Österreich arbeiten will, muss er an einer Universität sein Medizinstudium nostrifizieren lassen. Dazu wird sein Wissen überprüft. Das kann mitunter eine Herausforderung sein, denn die Prüfungen werden in deutscher Sprache abgehalten. An der Wiener Medizinuniversität gab es seit Jahresbeginn sechs Anträge von Ärzten aus Syrien wegen der Nostrifikation.

(C) DiePresse

Die meisten Flüchtlinge, die gut ausgebildet sind, reisen lieber nach Deutschland weiter. Denn in Deutschland gibt es fast 600.000 offene Stellen. Gesucht werden Mitarbeiter in der Gastronomie, in Pflegeheimen, Kliniken und in Handwerksberufen. In Österreich sieht die Lage schlechter aus. Das Arbeitsmarktservice verzeichnete zuletzt 32.000 offene Stellen. Gleichzeitig suchten 384.585 Menschen einen Job.

 

Erwartungen werden gedämpft

Doch auch in Deutschland dämpft man die Erwartungen, dass Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Die deutsche Bundesagentur startete Anfang 2014 das Programm Early Intervention, mit dem Asylwerber auf das Berufsleben vorbereitet werden sollen. Bisher gab es 800Teilnehmer, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Bis Ende August fanden 46 Teilnehmer eine Arbeit, und 13 gelang der Start einer Lehre. „Die Teilnehmer brauchen mehr Zeit, zum Beispiel weil sie traumatisiert sind und die deutsche Sprache von Grund auf erlernen müssen“, sagte eine Sprecherin der Arbeitsagentur zu Reuters.

In Deutschland heißt es, dass die Integration eines Flüchtlings in den Arbeitsmarkt 10.000 Euro kosten kann – darin sind alle Ausbildungskosten und Sprachkurse enthalten. Der deutsche Innenminister, Thomas de Maiziére, geht davon aus, dass die Integration der neuen Flüchtlingsgruppen schwieriger als bei früheren Migranten sein dürfte. Er rechnet mit einem Anteil von 15 bis 20 Prozent erwachsenen Analphabeten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2015)