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Das Ende der Flucht ist erst der Beginn eines langen Weges

Viele der Flüchtlinge kommen, um zu bleiben. Das stellt den heimischen Arbeits- oder Wohnungsmarkt mittelfristig vor große Herausforderungen.

Die veröffentlichten Bilder in der Flüchtlingskrise haben sich in den vergangenen Tagen stark gewandelt. Bestimmten vor zwei Wochen noch die Aufmärsche Rechtsradikaler vor deutschen Flüchtlingsheimen und die Hasspostings in sozialen Netzwerken die Berichterstattung, so sind es nun die unzähligen freiwilligen Helfer, die auf den Bahnhöfen ankommende Flüchtlinge versorgen und mitunter mit Applaus begrüßen.

Dieser plötzliche Wandel wird von vielen Menschen berechtigterweise mit Freude wahrgenommen. Aus „Dunkeldeutschland“ (und Österreich) wurde ein sicherer und menschlicher Hafen, in dem Flüchtlinge nicht mehr mit Aggression und Ablehnung, sondern mit einem Lächeln und einer Flasche Wasser begrüßt werden. Diese Veränderung wird nicht nur im Inland mit Erstaunen wahrgenommen. Auch in Ländern wie Großbritannien, die in der Flüchtlingsthematik bisher selbst eher durch Abschottung aufgefallen sind, zeigt man sich positiv überrascht.

Klar ist jedoch, dass diese Bilder auch in den Flüchtlingslagern in Jordanien, der Türkei und im Libanon mit großem Interesse verfolgt werden. Bei den Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind und nun in der Perspektivlosigkeit eines Zeltlagers in der Wüste ausharren, dürften dadurch große Hoffnungen entstehen. Hoffnungen, bei denen fraglich ist, ob sie in der Realität auch erfüllt werden können.


Auch wenn es in der Euphorie vieler in den vergangenen Tagen untergegangen ist: Nach wie vor gibt es sogar bei der Grundversorgung von Asylwerbern hierzulande große Probleme. Obwohl ein Großteil der Flüchtlinge ohnehin nach Deutschland weiterreist, haben in Traiskirchen immer noch Menschen keinen Schlafplatz unter einem festen Dach. Und das ist im Vergleich zu der mittelfristigen Herausforderung, die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren oder mit richtigen Wohnungen zu versorgen, eigentlich eine relativ leichte Aufgabe.

Wie schwierig etwa die Eingliederung auf dem Arbeitsmarkt ist, zeigt ein Blick in die Statistik des AMS. Dort sind derzeit bereits rund 5000 anerkannte Flüchtlinge aus Syrien und 4200 aus Afghanistan vorgemerkt. Von diesen haben 75 Prozent der Syrer und 93 Prozent der Afghanen lediglich einen Pflichtschulabschluss. Zusammen mit großteils kaum vorhandenen Deutschkenntnissen eine auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt kaum vermittelbare Mischung. Auch dann nicht, wenn diese Menschen hoch motiviert sind, wie von Hilfsorganisationen gern betont wird.

Der Erwerb der Sprache ist der entscheidende Faktor, um irgendeine Chance auf Arbeit zu haben. Das gilt auch für die sieben Prozent Akademiker, die sich unter den anerkannten syrischen Flüchtlingen befinden. Bei den politisch verantwortlichen Stellen ist man sich des Problems zwar ansatzweise bewusst und hat im Frühjahr auch Geld für 7300 zusätzliche Plätze in Deutschkursen lockergemacht. Für den jetzigen Ansturm dürfte das aber kaum ausreichen.


Nicht minder herausfordernd ist die Versorgung der Flüchtlinge mit ordentlichem Wohnraum. Kommen heuer wie erwartet 80.000 Asylwerber, von denen laut Statistik 56 Prozent anerkannt werden, dann muss Wohnraum für 50.000Menschen geschaffen werden. Das entspricht einmal Villach oder St.Pölten. Viele der Flüchtlinge dürfte es in die Ballungszentren und vor allem nach Wien ziehen. Dort rechnete man im Vorjahr noch mit einem Zuwachs von 175.000 Menschen bis zum Jahr 2024. Diese Zahl dürfte nun deutlich schneller erreicht werden und den ohnehin vorhandenen Nachfragedruck bei günstigen Wohnungen weiter verschärfen.

Die Flüchtlingswelle der Balkan-Kriege hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller Asylberechtigten dauerhaft im Land bleibt. Angesichts der scheinbar unlösbaren Situation in Syrien dürfte dieser Wert diesmal sogar noch höher sein. Die dadurch entstehenden ökonomischen Probleme dürfen kein Grund sein, berechtigten Flüchtlingen Asyl zu verwehren. Die Politik darf sie – neben den Fragen der soziokulturellen Integration – aber auch keinesfalls ignorieren. Denn das wurde in der Vergangenheit schon zu oft gemacht.

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2015)