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Versagen des Krisenmanagements kann für EU 9/11-Moment bedeuten

A large group of migrants, mainly from Syria, walk on a highway towards the north
REUTERS
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Es wäre seit Mai genug Zeit gewesen, die Flüchtlingsströme geordnet nach Europa zu lenken und so der Angst vor verdeckten Terroristen entgegenzuwirken.

In der britischen Zeitung „The Guardian“ brachte es der Journalist Paul Mason vor einer Woche auf den Punkt: Die Institutionen der EU seien „kaputt“, die unkontrollierten Flüchtlingswellen seit zwei Wochen schweren Managementfehlern geschuldet.

Wäre es anders, so würden die massiven Flüchtlingsströme aus Syrien, dem Irak, Afghanistan an gesicherten EU-Außengrenzen (nicht zu verwechseln mit geschlossenen Grenzen) auf geordnete Weise nach Europa gelenkt; Asylanwärter identifiziert, registriert, aufgenommen, untergebracht und schließlich integriert.

So aber haben Politik und Verwaltung ein Vakuum entstehen lassen, in das nicht nur potenzielle Terroristen, sondern auch – und das wird zur Zeit übersehen – Menschenhändler vorstoßen können. Die Gefahr der Terroristen inmitten der Flüchtlingsströme erregt Aufmerksamkeit, der Menschenhandel nicht. Terrorangst lässt sich politisch missbrauchen, beflügelt die Fantasie, schürt Ängste und findet sich in den wildesten Gerüchten wieder.

Sie spaltet die Gesellschaft, sogar in Österreich. Auf der einen Seite die Hilfsbereiten und Empathischen, die alle Flüchtlinge vor jeglichem Verdacht schützen wollen; auf der anderen Seite jene, die jeden einzelnen Halbsatz, jede noch so falsche Zahl als Beweis für ihre schlimmsten Befürchtungen sehen.

Wenn zum Beispiel Außenminister Sebastian Kurz in Alpbach so nebenbei erwähnt, man habe ihm in Mazedonien von einem „Dutzend IS-Kämpfern“ erzählt und vor Terroristen unter den Flüchtlingen warnt, wenn eine britische Zeitung von 4000 bewaffneten Terroristen unter den Flüchtlingen schreibt, so werden das viele als bare Münze und Verstärkung ihrer Ängste nehmen. Da mag der EU-Koordinator für Terrorbekämpfung, Gilles de Kerchove, oder der Chef des Bundesnachrichtendienstes in Deutschland, Gerhard Schindler, oder auch der österreichische Verfassungsschutz noch so oft beteuern, es gebe keinerlei Hinweise auf eine erhöhte Terrorgefahr oder Terroristen unter den Flüchtlingen, nichts davon wird geglaubt. Gegenwärtig glaubt jeder nur, was er glauben will.

Was aber, wenn es irgendwo in Europa in den nächsten Wochen oder Monaten doch zu einem Terroranschlag kommt – selbst einem, der mit der Massenflucht aus dem Nahen Osten nichts zu tun hat? Was, wenn es dann irgendeiner Gruppe oder einem Teil der Medien, mit versteckter Agenda beiden, gelingt, die Menschen von einem Konnex mit der Asylbewegung zu überzeugen? Was, wenn Europa also seinen 9/11-Moment erlebt? Nicht in demselben Ausmaß wie jener in New York, dem wir heuer zum vierzehnten Mal zu gedenken war, gewiss, traumatisch und erschütternd dennoch.

Dann wird sich die jetzt so empathische Stimmung in Europa in Sekunden in das Gegenteil verkehren. Dann werden die hilfsbereiten Helden von heute die Komplizen von morgen sein. Und jene, die um ihr nacktes Leben gerannt sind und noch immer rennen, werden zum zweiten Mal Opfer sein. Dann werden sich Apathie, fehlende Vorkehrungen, schlechte Organisation bitter rächen. Alle Anstrengungen um Integration wären vergeblich.

Selbst wenn das gegenwärtige Vakuum keine Terroristen, IS-Agenten und anderen Feinde Europas anzieht, so ist es dennoch ein idealer Tummelplatz für Menschenhändler. Ihnen wird keine Beachtung geschenkt, obwohl bekannt ist, wie sie operieren: Mit Versprechungen für die Verzweifelten, der Hoffnung auf ein besseres Leben, die dann in der Sexindustrie oder in Sklaverei zerschlagen wird. Die unendlich vielen unbegleiteten Minderjährigen unter den Flüchtlingen sind am meisten gefährdet: unbetreut, ohne Halt, anfällig nicht nur für Radikalisierung, sondern auch für ein wenig Fürsorge. Darum scheint sich kaum jemand zu kümmern.

Das Versagen im Krisenmanagement muss korrigiert werden – bevor es zu spät ist. Auch die USA haben am 11. September 2001 ihre Passivität bitter bereut.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2015)