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Wie ein kleiner Ort lernte, mit Flüchtlingen umzugehen

FLUeCHTLINGE: ANKUNFT VON FLUeCHTLINGEN AN UNGARISCH-OeSTERREICHISCHER GRENZE IN NICKELSDORF
Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in ÖsterreichAPA/HELMUT FOHRINGER
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Plötzlich hatte man 50 Flüchtlinge im Dorf. Es dauerte einige Zeit, bis die Bewohner von Großraming lernten, dass es nicht immer so bleiben muss, wie es schon immer gewesen ist.

Großraming, eine idyllische Gemeinde in Oberösterreich. Umrahmt von Bergen der Voralpen. „Bei uns bleibt alles, wie es herkömmlich schon immer war“, ist ein im ganzen Ort bekannter Spruch des inzwischen verstorbenen Stonitsch-Wirts in der 2700-Seelen-Gemeinde. Tatsächlich hat man sich oft schwergetan mit Neuerungen. Vielleicht ist es daher nicht verwunderlich, dass es zu einem großen Aufschrei kam, als man 2012 das erste Mal von der Idee hörte, ausgerechnet hier ein Flüchtlingsheim des Landes Oberösterreich zu errichten. Angst machte sich breit, dass man fortan die Häuser vor Dieben sichern müsse, die Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt auf den Schulbus warten könnten und die Frauen des Ortes von den meist männlichen, orientalischen und schwarzen alleinstehenden Flüchtlingen sexuell belästigt, womöglich sogar vergewaltigt werden könnten.

Der Plan wurde mangels „geeigneter Unterkünfte“ verworfen. Ein großer Teil Großramings atmete auf. Auch Bürgermeister Leopold Bürscher war froh, dass dieser Asylanten-Krug an ihm vorübergegangen war. Die oberösterreichische Idylle blieb erhalten. Doch der Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer und vor allem aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak nach Österreich wollte einfach nicht abreißen. Und auch das Bundesland Oberösterreich hatte seine Quoten zu erfüllen. So sprach es sich im Oktober 2014 im Ort herum, dass Norbert Kaar, Besitzer des Ennsthalerhofes, plane, dem Land Oberösterreich sein Haus für 50 Flüchtlinge zu vermieten. Das Haus hatte er zuvor gekauft und als Gastwirtschaft mit Hotel betrieben.

Dann kam es am 25.November 2014 zu einer bemerkenswerten Dorfversammlung, bei der eigentlich nur noch darüber informiert wurde, dass im Ennsthalerhof nun tatsächlich 50 Flüchtlinge Einzug halten würden. Der „Kirchenwirt“ war gesteckt voll, mit über 200 Großramingern, die wissen wollten, was denn nun passiere. Es war ohne Zweifel ein undemokratischer und ziemlich intransparenter Prozess, in dem die Dorfbewohner vor vollendete Tatsachen gestellt wurden: Wenn die Gemeinde weniger als 60 Flüchtlinge aufnimmt, hat sie kein Mitspracherecht. Aber der pragmatische Bürgermeister und auch der Pfarrer erkannten die Zeichen der Zeit. „Hier ging es nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie, und da dachte ich mir, lass uns das Beste daraus machen“, fasste Bürgermeister Bürscher bei meinem Besuch in Großraming im April 2015 seine damalige Gemütslage zusammen. Der Bürgermeister hatte während der Versammlung ein Flipchart aufgestellt und am Ende gesagt: Wer für ein gelungenes Zusammenleben in Großraming mitarbeiten wolle, „der soll sich da draufschreiben“. Fast 30 Namen standen am Ende dort, von ganz Jungen bis hin zu Senioren.

So mancher hat sich dort eingetragen, der sich für die Debatte zwei Jahre zuvor schämte oder der sich damals einfach nicht getraut hatte, den Mund aufzumachen. Fortan war in Großraming überhaupt nichts mehr, „wie es herkömmlich schon immer war“. Denn schon am nächsten Tag um 11 Uhr morgens kam der erste Bus mit Flüchtlingen. Zunächst kamen 15 einzelne Flüchtlinge, vor allem Syrer, später eine Familie aus Afghanistan und eine aus dem Irak. „Ich bin damals mit einem Mordsrespekt dort hingegangen. Ich hatte noch nie etwas mit Syrern zu tun“, erzählte uns der Bürgermeister. Dazu kam die Sprachbarriere, nur einer der Flüchtlinge konnte Englisch.

Kinder als Multiplikatoren

Aber schon nach wenigen Minuten habe er ein gutes Gefühl gehabt und gemerkt, „das sind genau dieselben Menschen wie wir, aber mit viel größeren Problemen, als wir uns vorstellen können“. Am Freitag darauf kamen der Bürgermeister und der Pfarrer Thomas Mazur mit den Kindern der Volksschule ins Heim. Keiner hat den anderen verstanden, und die Kinder sangen einfach mal ein Willkommenslied. Es war ein etwas unbeholfener Anfang, aber er brach das Eis, und die Kinder erzählten dann zu Hause, dass es sich bei Asylwerbern um ganz normale Menschen handle. „Kinder sind die besten Multiplikatoren“, meint der Pfarrer wohl zu Recht.

Fünf Monate später war von all den wilden Befürchtungen der Großraminger in Sachen auswärtige Flüchtlinge nichts eingetroffen. Keine Großramingerin war vergewaltigt worden, kein Dieb war in die Häuser eingestiegen, kein Schulkind war entführt worden. Dafür war in dieser Zeit etwas anderes geschehen: Die Großraminger waren über sich hinausgewachsen. Über 50 Ehrenamtliche zählte inzwischen die im Dezember 2014 für die Flüchtlingsarbeit gegründete Plattform mit dem Namen „Miteinander in Großraming“.

Einmal die Woche macht das Rentnerpaar Elisabeth und Herbert Leitner in ihrem alten Laden für Raumausstattung ihr Begegnungscafé auf. Am Anfang diente das vor allem dazu, sich gegenseitig kennenzulernen und die Flüchtlinge mit dem Wichtigsten, vor allem zunächst mit Winterkleidung, zu versorgen. Dort hing auch eine Weltkarte, da konnten die Flüchtlinge zeigen, wo sie herkommen und über welchen Weg sie geflohen waren.

Elisabeth mobilisierte dafür zunächst die katholische Frauenbewegung des Ortes. „Ich wollte mich immer irgendwo sozial einbringen und dachte, vielleicht in Wien, aber dann kam meine neue Aufgabe direkt vor die Haustür“, meinte sie bei unserem Gespräch enthusiastisch. Ihr Mann Herbert und sie erlebten jetzt etwas in ihrer Pensionszeit, von dem sie beide profitieren. „Die Arbeit mit den Flüchtlingen hat unseren Radius enorm erweitert“, sagte sie. Die Beziehung zu den Flüchtlingen in ihrem Laden sei herzlich, berichteten Elisabeth und ihre Mitstreiterin bei der katholischen Frauenbewegung, Klaudia Winkelmayer, als ich mit einem halben Dutzend Mitgliedern der Plattform bei den Winkelmayers im Frühjahr 2015 am Küchentisch saß. „Wir sind vor allem für die alleinstehenden männlichen Flüchtlinge so etwas wie der Mama-Ersatz. Sie weinen sich aus, wenn sie über ihre Frauen und Kinder erzählen. Die busseln uns manchmal ab und sagen, wir sind jetzt auch ihre Familie“, erzählte Elisabeth.

Doch manchmal waren auch sie überfordert. Einige der Flüchtlinge waren traumatisiert. „Wir dürfen da nicht aktiv nachfragen“, riet die ebenfalls am Küchentisch anwesende Psychotherapeutin Hemma Hammann. Die anderen nickten. Das war einer der fruchtbaren Effekte der Plattform: Hier warfen die Großraminger all ihr professionelles und privates Wissen zusammen. „Da werden die Flüchtlinge gefragt, wie war das, als sie dein Kind erschossen haben, wie lange hast du gewartet, bis der Arzt kam? Ah, und dann ist es doch gleich gestorben?“, beschrieb Hemma überspitzt die durchaus verständliche Großraminger Anteilnahme. Das mache die Wunden nur tiefer und den Schmerz größer, sagte sie.


Machtlos vor den Behörden.

„Wir arbeiten ehrenamtlich und versuchen unser Bestes, aber die behördlichen Rahmenbedingungen können wir nicht verbessern, und das ist für uns oft frustrierend“, sagte Lehrerin Rosemarie Ebmer, die in der Arbeitsgruppe „Freizeitgestaltung“ für die Flüchtlinge mitarbeitet. Beim Hauptproblem der Flüchtlinge stehen die Helfer nämlich machtlos da. Das Wichtigste für alle ist es, einen Anhörungstermin beim Amt für Fremdenwesen und Asyl in Linz zu bekommen. Das dauerte in einem Fall bereits neun Monate. Die meisten warteten bereits seit einem halben Jahr. Die Langsamkeit der Behörden zermürbt die Flüchtlinge, weil sie ihre Familien nicht nachholen können und nicht arbeiten dürfen, solange ihre Asylanträge nicht anerkannt sind.

Aber auch die Helfer aus Großraming, die ihre Schützlinge auf manchen Behördengang nach Linz begleiten, teilen inzwischen fast deren Verzweiflung, wenn sie dort kaum Auskünfte bekommen, die Namen der Sachbearbeiter nicht mehr preisgegeben werden, bei denen man nachfragen kann, und mitgeteilt wird, dass sich in der Urlaubszeit sowieso alles verzögern werde. So warteten alle auf den Linzer-Bescheid-Godot und mancher Ehrenamtliche war schon selbst mit hängendem Kopf von einer Visite beim Amt für Fremdenwesen und Asyl zurückgekehrt. Was bei den österreichischen Beamten als nichtssagende Namen, als Aktennummern und Arbeitsbelastung auftauchte, waren im Dorf konkrete Lebensschicksale, die die Ehrenamtlichen täglich miterlebten und miterlitten.

Die Erfahrung, die die Großraminger Plattform in einem halben Jahr dörflicher Flüchtlingsarbeit gesammelt hat, könnte auch für viele andere Gemeinden wertvoll sein. „Angefangen haben wir mit einer großen Portion gutem Willen, aber auch einer ganzen Menge Chaos“, beschrieb Hemma die ersten Wochen. Jetzt gehe es darum, der Plattform einen langen Atem zu verleihen und die Arbeit in geordnete Bahnen zu lenken. „Unsere Begeisterung und das volle Ausschöpfen unserer Energie halten wir keine zwei Jahre durch“, prophezeite sie.

Auch manche der Bauern seien inzwischen schon mit den Flüchtlingen zusammengetroffen, erzählte man uns, etwa als die ihnen beim Baumschlagen geholfen hätten, die Äste aufzusammeln. Danach hatten sie einen Biertisch aufgestellt, es gab Rindfleisch und alkoholfreies Bier – eine neue Art von Großraminger-syrischer Jause. Aber auch hier am Stammtisch war gerade am Anfang die Skepsis gegenüber den Flüchtlingen groß gewesen. Mit der Vorstellung, dass Asylwerber ins Dorf kommen, hätten sich nur wenige anfreunden können. Man habe so viele Horrorgeschichten gehört, und die Sorge verbreitete sich, dass ihre Häuser an Wert verlieren könnten, erzählte der Stammtischler und Rentner Franz Gartlehner. „Wir sind konservative Leute in Großraming, und wenn etwas Neues kommt, ist erst einmal jeder dagegen“, resümierte er die ehemalige Grundstimmung im Dorf. „Ich wohne zwei Kilometer vom Asylheim entfernt, aber alle haben gesagt, ich soll mein Haus gut absperren.“ Aber bisher, gab er zu, habe es keinerlei negative Meldungen gegeben, die Asylanten würden auf der Straße immer freundlich grüßen. „Ich habe mich gewandelt, wie viele andere im Ort, weil sie sich ruhig und anständig verhalten. Es gab keine Überfälle, Krawalle oder Raufereien.“


Die Geschichte eines Flüchtlings

Und dann ging es ein paar Schritte weiter genau durch jene besagte Tür, um die zu treffen, über die das ganze Dorf und im übertragenen Sinne das ganze Land spricht. Es ging hinauf in den ersten Stock, wo sich ein großer Aufenthaltsraum befindet. Der Blick nach draußen auf die Berge, die Einrichtung, alles hatte den Flair einer oberösterreichischen Wirtschaft mit Gästezimmern, nur dass es in der Küche sehr orientalisch roch und dass einem ein Sprachgewirr aus Arabisch, Kurdisch und Afghanisch entgegenschlug. 50 Einzelschicksale sind hier zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengekommen, für ein paar Monate, bis sie ihren Bescheid haben, als Flüchtlinge anerkannt, unter subsidiären Schutz gestellt oder abgeschoben werden.

Der syrische Flüchtling Ahmad Ajram lud mich in sein Zimmer ein. Alles ist dort picobello aufgeräumt, an der Tür wird man gebeten, seine Schuhe auszuziehen. Im Zimmer steht ein kleiner Schreibtisch. Unter diesen zwängte sich Ahmed, um mir, mit angezogenen Beinen und Armen, den Nacken nach vorne gebeugt, vorzuführen, wie er bei seiner Fahrt nach Österreich 44 Stunden lang in einem Kasten von 180 x 70 x 70 cm mit drei anderen Flüchtlingen eingepfercht gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Odyssee hinter sich. Er war mit dem Boot aus der Türkei nach Griechenland gekommen, wäre fast ertrunken. „Die Überfahrt auf dem Schlauchboot hat über 2500 Dollar gekostet. Die Schlepper zeigen einem der Flüchtlinge, wie er den Motor benutzt und wie er sich am Mond orientieren soll. Der darf dann als Einziger unentgeltlich mitfahren“, schilderte Ahmad. „Dein Leben und die Zukunft deiner Familie hängen von jemandem ab, der keine Ahnung vom Meer hat.“ Am Ende war das Schlauchboot mit Wasser vollgelaufen, doch da waren sie schon so weit, dass er sich an Land retten konnte. Von dort wurde Ahmad per LKW in diesem besagten Kasten bis nach Österreich geschmuggelt. Das hatte noch einmal 7500 Dollar gekostet. 44 Stunden später ließ sie der Fahrer kurz hinter der ungarischen Grenze heraus.

Er hat Dinge erlebt, die man sich im friedlichen Europa kaum vorstellen kann. Zunächst wurde sein Laden für Anzugstoffe in Aleppo zerstört. Dann hatten syrische Rebellen die Straße erobert, in der er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern lebte. Daraufhin wurde die Straße von Regimetruppen bombardiert. Ahmad war daraufhin mit seiner Familie und seinen Kindern Richtung türkische Grenze geflohen. Unterwegs sahen sie, wie von Helikoptern aus Fassbomben abgeworfen wurden. „Wir haben auf den Tod gewartet, aber er kam nicht“, erzählte er aufgewühlt. Schließlich hatte es die Familie bis nach Istanbul geschafft.

Dort beschlossen sie, dass Ahmad zunächst allein versuchen sollte, nach Europa zu kommen. Denn die Reise war gefährlich, und sie hatten gerade genug Geld, um den Schleppern die Fahrt einer Person zu bezahlen. Also ließ Ahmad seine Familie schweren Herzens zurück, in der Hoffnung, sie so schnell wie möglich nachholen zu können, wenn er in Europa als Flüchtling anerkannt wird. Es war die klassische Situation, in der Flüchtlinge nicht gewinnen können. Entweder wird ihnen vorgeworfen, ihre Familien zurückgelassen zu haben, oder sie werden angeklagt, das Leben ihrer Frauen und Kinder auf gefährlichen Fluchtrouten zu riskieren. Kaum war Ahmad weg, warf der Vermieter in Istanbul seine Frau und seine Kinder aus der dort angemieteten Wohnung, ohne die für sechs Monate im Voraus bezahlte Miete zurückzuzahlen. Seine Frau und seine Kinder kehrten mittellos nach Aleppo zurück. Seitdem hatte Ahmad eine Horrormeldung nach der anderen erreicht. Als seine Familie zurückkehrte, war seine zweijährige Tochter Sima in Syrien auf dem Weg von der Grenze nach Aleppo von einem Scharfschützen angeschossen worden.

Sima wurde notoperiert und überlebte. Eine Woche vor unserem Treffen hatte er dann die Nachricht erhalten, dass auf das Haus seiner Tante eine Fassbombe geworfen worden war. Ihre beiden Kinder kamen ums Leben, seiner Tante musste ein Bein amputiert werden. Als er das erzählte, zitterte er und weinte. Er entschuldigte sich, dass er als 40-jähriger Mann offen in Tränen ausbrach. „Ich habe Raketen gesehen, die neben mir eingeschlagen sind. Ich habe gesehen, wie Menschen in die Luft fliegen und zerrissen werden.“ Besonders nachts schössen all diese Erlebnisse durch seinen Kopf. Als er sich wieder beruhigt hatte, hatte er für die Dorfbewohner nur lobende Worte. Sie seien nett und hilfsbereit. Aber in der für ihn wichtigsten Sache könnten sie ihm nicht helfen: einen positiven Asylbescheid zu bekommen und endlich seine Familie nachzuholen.


Lotto-Sechser

„Mein erster Lotto-Sechser war, in Großraming geboren worden zu sein, jetzt kann ich wenigstens etwas davon zurückgeben“, meinte Hemma. Das Leben vieler Großraminger hat sich verändert. Nichts ist mehr, wie es herkömmlich schon immer war. Und dann formulierte Hemma den wunderbar philosophischen Satz: „Seit der Ankunft der Flüchtlinge haben die Großraminger kein Tal mehr im Kopf.“

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Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder: Auf der Flucht. Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers.
Kremayer & Scheriau, 22 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2015)